Anna Netrebko singt nicht nur wirklich gut, sondern vermarktet sich auch hervorragend und engagiert ihren Tenor-Gatten gleich mit. Kunst oder Prominenz? In Adriana Lecouvreur bei den Salzburger Festspielen zeigt sich dieses Spannungsfeld exemplarisch.

2002 begann bei den Salzburger Festspielen die Weltkarriere der damals noch unbekannten Anna Netrebko. 17 Jahre später setzt das renommierte Festival eigens für sie eine Oper an. Drei Mal füllt sie mit Francesco Cileas Oper Adriana Lecouvreur von 1902 das grosse Festspielhaus. Dabei wäre wohl egal, was Netrebko in Salzburg singt, das Publikum strömt herbei. Das ist Star-Oper pur, angekündigt als konzertant, also unangekränkelt von andern Regieideen als denjenigen, die die Solisten selber einbringen. Das ist bei Netrebko nicht wenig, wenn sie sich mit starken Partnern wie Anita Rachvelishvili oder Simone Alaimo umgibt.

Netrebko hat die Partie erstmals in einer Gala-Premiere in New York gesungen, jetzt hat sie das Stück erfolgreich im Salzburger Programm untergebracht, im Herbst nochmals in Berlin: Wenn man’s schon mal gelernt hat... Praktisch auch, wenn man den Ehemann gleich mit im Programm unterbringen kann. Bühne und Leben gleichen sich an: Die Diva spielt in gesponserten Roben die Diva, der Ehemann Yusif Eyvazov singt den Tenor-Liebhaber. Und die Oper, eine Dreiecksschmonzette mit Veilchenstrauss als Mordwaffe, sorgt für den Herzschmerz.

Traumpaar? Künstlerisch mit Fragezeichen. Eine gemeinsame Duett-CD markierte 2017 den öffentlichen Beginn ihrer Beziehung zuckersüssest und weichgezeichnet. Doch Eyvazov singt und spielt bei weitem nicht auf gleichem Niveau. Wo ihr Timbre auch jetzt als Adriana wie Buttercrème schmeichelt und sich klanglich Text und Emotion anpassen kann, wo ihre Stimme nach Belieben üppig aufblühen oder ganz zurückgehen kann, wo sie mit Klangfarben und Worten spielt, klingt er immer gleich angesäuert blechern. Seine Stimme rutscht in der Mittellage gern etwas in den Gaumen und muss dann für die Höhe aufgerissen werden. Öfter verschwindet seine Stimme auch im Orchesterklang. Und wo sie auf der Bühne die Diva lebt, steht er einfach da und singt.

Doch Netrebko gibt es fast nur noch mit ihm. Die Salzburger Festspiele waren 2017 noch so streng, ihn bei der Aida nur für die letzten Vorstellung zu engagieren, die sie nicht mehr sang. Tempi passati, heute muss von der Scala bis Salzburg Eyvazov engagieren, wer Netrebko will – und nur sie garantiert Aufmerksamkeit über den engen Kulturkuchen hinaus.

Der Wunsch, im Künstlerwanderleben als Familie zusammensein zu können, ist legitim. Aber künstlerisch wirft dieses Ehe-Solisten-Paar Fragen auf. Im sorgfältig komponierten Programm des Salzburger Intendanten Markus Hinterhäuser, ist das Familienunternehmen Adriana Lecouvreur ein Fremdkörper. Zu den Salzburger Repräsentationsfestpielen, der andern Tradition, passt es allerdings.