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Tori Amos: Vertrackte Gedankengänge, statt Rock-n-Roll-Phrasen

Tori Amos neues Video zum Song Carry

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Eigentlich könnte sich Tori Amos auf ihren Lorbeeren ausruhen. Mit ihrem Debüt-Album «Little Earthquakes» gehörte sie 1991 zu den ersten Singer/Songwriter, die wieder den Mut zeigten, Dramatik und Tiefgang zum Mittelpunkt ihrer Musik zu machen.

Solche Qualitäten, ganz zu schweigen von der Gattung «Singer/Songwriter» an sich, waren dekadenlang als Auswuchs der Sixties verschrien gewesen. Heute hat sich das Pendel der Musikmoden glücklicherweise in die Gegenrichtung geschwenkt – Songschreiber, die vertrackte Gedankengänge ausdrücken, statt Rock-’n’-Roll-Phrasen zu dreschen, gehören zum Alltagsbild.

Keine Bedenken

Und von Tori Amos erscheint dieser Tage das zwölfte Studioalbum. Die Amerikanerin, die seit langer Zeit mit Kind und Kegel in der englischen Grafschaft Cornwall lebt, hat noch selten ein Album veröffentlicht, das sich nicht irgendwie um ein Konzept drehte. Das ist diesmal nicht anders. «Night of Hunters» ist ein fulminanter und ehrgeiziger Song-Zyklus im klassischen Sinn. Die vierzehn Lieder wurden alle von bestimmten Stücken aus der klassischen Tradition von Schubert bis Satie inspiriert.

Das Konzept geht auf eine Anfrage der altehrwürdigen Plattenfirma Deutsche Grammophon zurück, wie Amos erklärt. Zuerst habe sie die Vorstellung in einen Schrecken versetzt: «Wenn man ein Album voll von Songs zusammenstellt, die auf eigenen Gedichten basieren, baut man das musikalische Äquivalent einer Strandhütte», schmunzelt sie.

«Aber ein klassischer Songzyklus ist eine Kathedrale. Ich erkannte, dass es eine gewaltige Herausforderung und die Absturzgefahr gross war. Aber wenn sich einem eine so grossartige Gelegenheit eröffnet, kann man nicht Nein sagen.» Quasi als Grundwerk ging sie von Schuberts «Winterreise» aus: «Als es mir gelungen war, darauf das Stück ‹Star Whisperer› aufzubauen, haben die Teile des Puzzles wie von allein zueinandergefunden.»

«Neues Leben entsteht»

Bedenken, sich quasi in einen zeitlichen Ferndialog mit den grossen Komponisten einzulassen, habe sie keine gehabt: «Ich hatte nie das Gefühl, dass sich die Stücke selber gegen meine Arbeit gewehrt hätten», erklärt sie. «Hingegen formieren die klassischen Komponisten so etwas wie einen Boys’ Club. Es gibt kaum Frauen in dem Kreis. Eine moderne Frau lebt in einer ganz anderen Welt als ein Schubert oder Schumann gelebt hat. Wenn eine Frau aus dem 21. Jahrhundert sich von innen heraus mit Kompositionen aus dem 18. Jahrhundert beschäftigt, entsteht über den Zeitsprung hinweg eine Art alchemistische Hochzeit. Durch das Zusammentreffen mit den Klassikern entsteht neues Leben. Entsteht neue DNS.»

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