Doppel-Interview
Stephan Eicher und Martin Suter: «Zu viel Freiheit ist nicht gut für Künstler»

Singt der Berner Stephan Eicher (57) in Mundart, dann stammt der Text meist vom Zürcher Schriftsteller Martin Suter (69). Jetzt haben sie ein «Song Book» zusammengestellt: Ein Büchlein mit Episoden und Liedern.

Maria Künzli
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«Unsere Freundschaft hat etwas Familiäres»: Musik und Literatur verbinden Martin Suter (mit Krawatte) und Stephan Eicher. Beide mögen traurige Lieder lieber als fröhliche.

«Unsere Freundschaft hat etwas Familiäres»: Musik und Literatur verbinden Martin Suter (mit Krawatte) und Stephan Eicher. Beide mögen traurige Lieder lieber als fröhliche.

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Seit über zehn Jahren arbeiten Stephan Eicher und Martin Suter zusammen. Aber wie haben sie sich eigentlich kennen gelernt? Wie kommen sie auf ihre Ideen? Beides wurden sie schon oft gefragt. Im «Song Book» liefern sie die Antwort: In den Bergen, beim Kristallesuchen. Die beiden passionierten Strahler trafen sich zufällig in derselben Kluft. Es entstand eine Freundschaft zweier Männer «mit einer grossen Gemeinsamkeit: Beide verstehen die Welt nicht».

Sie scheinen keine Journalistenfragen zu mögen.

Stephan Eicher: Das ist ein schwieriger Einstieg (lacht). Ich liebe Journalistenfragen!

Martin Suter: Ich auch, ich habe nur manchmal Mühe mit Journalistenantworten, aber mit den Fragen habe ich keine Probleme.

Eine Journalistenfrage zielt aber meistens auf die Wahrheit ab. Eine Frage, die Sie oft gestellt bekommen, ist jene, wie Ihre gemeinsamen Songs entstehen. Darauf geben Sie in Ihrem Songbook zwar eine gute, aber eine frei erfundene Antwort.

Suter: Das kann man schon so sehen, ja.

Eicher: Aber genau das verstehe ich nicht. Wenn ich zum Beispiel im Theater ein Stück sehe, frage ich mich doch nicht, wie das entstanden ist? Ich war auch nie ein Kind, das Spielzeug kaputtgemacht hat, nur um zu sehen, wie es aufgebaut ist. Ich habe viel lieber damit gespielt. Oder wenn ich ein Buch von dir lese, Martin, dann frage ich mich nicht, wie hat er das gemacht, sondern nur: Was ist sein nächstes Thema?

Suter: Hm.

Eicher: Also warum interessiert es Sie, wie etwas entstanden ist?

Weil es viel über den Menschen aussagt, der das Produkt erschaffen hat.

Eicher: Wollen Sie wirklich sehen, wie die Kuh geschlachtet wird, bevor sie das Entrecôte essen?

Wenn ich die Kuh essen will, muss ich das aushalten können, ja. Bei einem Lied oder einem Text interessiert es mich, wer dahintersteckt.

Eicher: Bei einem Jungtalent, ja. Aber Sie sitzen hier mit Stephan Eicher und Martin Suter. Zwei langweiligen, älteren Herren ...

Eine andere Frage: An einer Stelle im Buch geraten Sie beide während eines Monopolyspiels in Rage ...

Eicher: Das Monopolyspiel dürfen Sie nicht ansprechen, das ist ein wunder Punkt. Darüber kann ich nicht sprechen. Vielleicht du, Martin?

Suter: Ein wunder Punkt, ja.

Während dieses Streits fällt das Wort «Arschloch». Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von Ihnen je diesen Ausdruck benutzt.

Eicher (flüsternd zu Suter): Das ging mir genau gleich. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du Arschloch sagst. (etwas lauter) Komm, sag es mal!

Suter: Ich habe extra ein paar Dinge einfliessen lassen, die vielleicht nicht mit dem Bild übereinstimmen, das Aussenstehende von uns haben. Ich benutze das Wort Arschloch heute auch viel seltener als früher. Vielleicht mal beim Autofahren.

Haben Sie ein Lieblingsschimpfwort?

Suter: Im Moment ist es ein ganz Altmodisches: Vollidiot.

Eicher: Sprichst du es in zwei Worten aus oder in einem? Voll Idiot oder Vollidiot?

Suter: Vollidiot.

Und Sie, Herr Eicher?

Eicher: Es ist ein wenig sexistisch... Bitch. Aber das sage ich auch zu mir. Zum Beispiel morgens, wenn ich aufstehe. Also ich meine eigentlich das Wort mit P. Wie heisst diese Katze aus dem Bilderbuch?

Pitschi.

Genau. Das ist mein Schimpfwort.

Gemeinsamer Auftritt: Stephan Eicher (rechts) und Schriftsteller Martin Suter bei einem Konzert in Zürich im vergangenen Juli.

Gemeinsamer Auftritt: Stephan Eicher (rechts) und Schriftsteller Martin Suter bei einem Konzert in Zürich im vergangenen Juli.

KEYSTONE

Wer kam auf die Idee, ein Songbook zu machen, diese Mischung aus Buch und Album?

Eicher: Die Idee kam von Martin Suter, schon ganz am Anfang unserer Zusammenarbeit. Er wollte nach dem Vorbild des Great American Songbook ein Schweizer Songbuch mit zukünftigen Klassikern machen. Ich fand das ziemlich arrogant. Wir kannten uns da noch nicht so gut. Dann habe ich verstanden, dass es eher darum geht, verschiedene Themen aufzugreifen und ein Lied dazu zu schreiben. Themen wie «Ich will sie treffen, aber sie will mich nicht». Oder «Jetzt ist sie da, aber ich will sie nicht mehr» und so weiter.

Suter: Ich fand die Idee schön von einem Schweizer Songbuch. Mit Liedern und Texten dazwischen, eine Art Gesamtwerk.

Im Lied «Wägg vom Bäre» geht es um eine Serviertochter, die sich jeden Tag wünscht, aus ihrem Leben auszubrechen, es aber dann doch nie tut. Gibt es ein reales Vorbild für diese Frau und den «Bären»?

Eicher (zu Suter): Du bist fast nie mit mir im Emmental. Warst du überhaupt schon mal in einem «Bären»?

Suter: Ich war früher oft im Emmental. Aber ein reales Vorbild gibt es nicht. Das nennt man halt Fantasie. Und je genauer eine Fantasie beschrieben ist, desto mehr bekommt man das Gefühl, reale Menschen und Orte wiederzuerkennen. Es freut mich, wenn sich jemand solche Gedanken macht. Und es gibt natürlich in jedem Beruf Menschen, die sich gar nicht wohlfühlen mit dem, was sie tun.

Kennen Sie dieses Gefühl persönlich?

Suter: Ja, ich hatte vielleicht sechsmal in meinem Leben den Wunsch, auszubrechen. Aber ich habe es dann auch immer getan. Trotzdem musste ich auch schon Dinge machen, die ich nicht unbedingt tun wollte. In der Schule, später im Militär und auch, als ich in der Werbung gearbeitet habe. Dann habe ich immer versucht, das, was mir zuwider war, möglichst gut zu machen. Sonst wird es noch schlimmer.

Eicher: Du warst im Militär?

Suter: Ja, aber beim Oberstleutnant bin ich dann ausgestiegen (lacht).

Herr Eicher, wie gefällt Ihnen der Text zu «Wägg vom Bäre»?

Eicher: Ich dachte zuerst, ich könne dieses Lied nicht singen. Dieses Beschreibende im Song liegt mir nicht, ich bin kein Geschichtenerzähler. Ich wollte ihn eigentlich Polo Hofer vorschlagen, zu ihm hätte er gepasst. Aber es ging ihm da schon zu schlecht und so kam es nicht mehr dazu. Mittlerweile singe ich das Lied sehr gern, ich muss mir manchmal auch selbst einen Ruck geben und sagen: Komm schon, Pitschi, jetzt sing einfach.

Haben Sie immer eine Idee, wie es klingen könnte, wenn Martin Suter Ihnen einen Text schickt?

Eicher: Immer, ja. Und sofort. Die Musik ist schon im Text drin. Ich muss sie nur noch aufschreiben.

Suter: Manchmal ist es auch umgekehrt, dass erst die Musik von Stephan Eicher da ist. Beim «Aabelied» war das der Fall, und beim «Ds alte Paar».

Hatten Sie dann auch sofort eine Idee für einen Text?

Suter: Ja, das ging ziemlich schnell.

Eicher: Die Arbeit mit Martin hat etwas Beruhigendes, fast Meditatives auf mich. Erst werden Endorphine ausgeschüttet wie bei einem 100-Meter-Lauf, danach kommt die Ruhe. Wie ist es für dich, Martin?

Suter: Es ist immer etwas Besonderes, plötzlich die Musik zu meinen Texten zu hören. Ich habe jeweils keine Ahnung, wie das klingen könnte. Bei unserem ersten gemeinsamen Lied, «Weiss nid, was es isch», habe ich Stephan den Text gesendet, am nächsten Morgen schickte er mir bereits die Musik dazu.

Ihre Songtexte reimen sich immer. Warum eigentlich?

Suter: Das Tolle daran ist, dass mich der Reim manchmal dazu zwingt, etwas zu sagen, was ich eigentlich gar nicht sagen wollte. Das Gesetz des Reimens übernimmt im Laufe eines Textes die Führung. So kommt am Ende etwas raus, worüber man als Autor keine Kontrolle hat. Versucht man die Kontrolle zu behalten und auszuformulieren, was man ursprünglich sagen wollte, kommen meistens schlechte Reime dabei raus. Das ist ein unglaublich spannender Prozess, der mich manchmal selber überrascht. Ich werde dann zum Vollzugsbeamten meines eignen Reims.

Eicher: Künstler brauchen äussere Zwänge, um sich richtig entfalten zu können. Den Zwang, dass sich etwas reimen muss, den Zwang, etwas innerhalb einer Deadline zu machen. Dahinter steckt dann auch die Freude, es schaffen zu wollen. Zu viel Freiheit ist nicht gut für Künstler.

Suter: Pass auf, das kommt dann in den Titel (lacht).

Herr Eicher, was mögen Sie eigentlich an Martin Suter?

Eicher: Er riecht gut.

Herr Suter, und was mögen Sie an Stephan Eicher?

Suter: Dass er solche Dinge sagt (lacht). Stephan ist einer von ganz wenigen Künstlern, die keinen kreativen Neid verspüren. Er ist unglaublich freigiebig mit seinen Ideen. Es geht ihm nie darum, wessen Idee das ist und wer die älteren Rechte daran hat. Diese Grosszügigkeit haben nur Menschen, die keine Angst haben, dass ihnen die Einfälle ausgehen könnten. Er schiebt anderen eher noch die Lorbeeren zu, obwohl sie eigentlich ihm gebühren würden. Es gibt zum Beispiel Liedtexte, aus denen erst gute Songs wurden, nachdem Stephan gestrichen und umgestellt hat. Er hat den entscheidenden Schliff gemacht, würde den Text deswegen aber nie als seinen bezeichnen, obwohl er es am Ende vielleicht ist.

Durch Ihre Lieder ziehen sich eine unbestimmte Sehnsucht und Melancholie. Ist es die Melancholie, die Sie verbindet?

Suter: Bei mir hat es einen viel banaleren Grund. Ich finde traurige Lieder einfach viel schöner als fröhliche.

Eicher: Traurige Lieder sind auch einfacher zu schreiben als fröhliche. Lieder wie «I’m a Barbie Girl» muss man auch erst mal erschaffen. Ich könnte das nicht.

Gibt es ein Ritual, das Ihre Freundschaft ausmacht?

Suter: Wir schreiben Lieder zusammen, das ist unser Ritual.

Eicher: Und ich bin oft bei dir Zuhause. Ich bin bei niemandem so oft Zuhause wie bei dir. Du kochst dann immer für mich, das ist ein Ritual. Suter: Ja, das stimmt.

Eicher: Unsere Freundschaft hat etwas Familiäres. Auch wenn wir uns noch gar nicht so lange duzen.

Haben Sie ein Lieblingsessen von Martin Suter?

Eicher: Sein Coq au vin ist ausgezeichnet. Überhaupt: Hühner bringt er ziemlich gut um.