Sie grölen laut und voller Inbrunst – so wie man es aus den Fussballstadien kennt. Der Refrain umfasst genau ein Wort, das Mal um Mal wiederholt wird: Freitagabend, Freitagabend.

Wer nur diesen Refrain hört, könnte meinen, die junge Kölner Band AnnenMayKantereit, die sich 2016 vor allem durch die markige Stimme von Sänger Henning May und Songs wie «Oft gefragt», «Barfuss am Klavier» oder «Pocahontas» im Nu ein breites Publikum erspielte und über 300'000 Tonträger verkaufte, sei zu Prolls verkommen, habe dem Erfolgsdruck nachgegeben und ihre Lieder radikal versimpelt.

Dabei ist «Freitagabend» nur eines von 14 gelungenen Beispielen, wie die vierköpfige Truppe – Bassist Malte Huck stiess später hinzu und fand deshalb keine Aufnahme in den Bandnamen – in ihren Songs mit Perspektiven spielt. Während man den Song bald mitgrölt und mit jedem Ton die Bierlaune in sich aufsteigen spürt, beschreibt May szenisch und ohne Wertung, wie sich die aufgestauten Erwartungen landauf und landab an einem Freitagabend entladen.

Ein bisschen Freiheit

Manche mieten sich ein potentes Automobil und fahren dröhnend durch die Innenstadt, manche trinken literweise Bier. Alle wollen ein kleines bisschen Freiheit erleben – auch wenn diese nur bis zum Montagmorgen reicht.

«Obwohl wir an den Wochenenden meistens arbeiten, kennen wir dieses Freitagsgefühl auch», sagt Henning May, dessen Stimme selbst beim Erzählen starke Präsenz hat. «Ich hatte zum Beispiel jahrelang mit Sevi zusammen am Freitagnachmittag die siebte Wochenstunde Latein. Da lagen schon immer alle wie tote Fliegen auf ihren Bänken und dachten sich: Nur raus hier!»
Im morgendlichen Gespräch mit allen Bandmitgliedern – die Stimmen noch etwas rau, die Gesichter etwas zerknittert vom wochenlangen Werbemarathon für die neue Platte – offenbaren sie dann, statt Fluchtgedanken und billigem Kalkül, grossen Willen zur subtilen Erneuerung des musikalischen Repertoires.

Neue Töne

AnnenMayKantereit sind funkiger und vielschichtiger geworden, die Arrangements um einiges spannender als auf ihrem Debüt. So klingt «Nur wegen dir» nach subtilem Sixties Beat und R&B, in dem sich im Refrain sogar das Schlagzeug daran beteiligt, der Einen und Einzigen eine Liebesmelodie zu klopfen. «Wir wollten uns einfach ein bisschen mehr trauen», sagt Christopher Annen dazu schulterzuckend.

Immer wieder tun sich auf «Schlagschatten» wunderbar ausgearbeitete Details auf, lädt etwa eine Basslinie zum Tanzen ein, obwohl der Sänger eigentlich im Verweigerungsmodus ist («Ich geh heut nicht mehr tanzen»), tauchen Chöre auf, Falsettstimmen und spiegelt das Delay auf dem Bass die gedankliche Reflexion.

Unmittelbar auf «Freitagabend» folgt mit «Weisse Wand» ein Song, der an der (Haut-)Farbe Weiss, die Grundproblematik vieler, sehr vieler gesellschaftlicher Probleme aufzeigt. «Wir wollten keine Allgemeinplätze wie ‹Nazis raus!› oder ‹Wählt nicht die AfD›», erklärt Huck. «So kriegt man niemanden überzeugt.» Ihr Ansatz – ein paar Schritte zurück in der Perspektive, musikalisch ausgereift, emotional aufgeladen – überzeugt hingegen.

«Schlagschatten» (Universal) von AnnenMayKantereit erscheint am 7. 12.