Marcel Cellier wurde immer wieder vergessen. Wenn es darum ging, die Schweizer Grammy-Gewinner zu nennen, wurde immer nur der Harfenist Andreas Vollenweider erwähnt. Doch drei Jahre nach Vollenweider, also 1990, wurde auch dem welschen Musik-Enthnologen Marcel Cellier der wichtigste Musikpreis überreicht. Er erhielt den Grammy als Produzent und Entdecker des bulgarischen Frauenchors «Le Mystère des Voix Bulgares».

An den Solothurner Filmtagen vor zwei Jahren hatte der damals 86-jährige Marcel Cellier seinen letzten grossen öffentlichen Auftritt. Der Basler Filmer Stefan Schwietert setzte ihm mit dem Dokumentarfilm «Balkan Melodie» ein Denkmal. Er zeichnete darin das ereignisreiche Leben des Musikforschers nach.

Anfänge als Buchändler

Cellier war zuerst Buchhalter in einer Weinfirma, später Vizedirektor und Einkäufer eines Metallunternehmens und ein leidenschaftlicher Hobbymusiker. In den 1950er-Jahren reiste er im Auftrag seiner Firma zum ersten Mal nach Osteuropa. «Ich habe Metallerze gesucht, doch ich bin auf eine Goldmine gestossen», sagt er im Film. Er meinte damit die «lebendige Volksmusik». Sie sollte ihn nicht mehr loslassen.

Mit seiner Frau Catherine und mit Kamera und Tonbandgerät bewaffnet, reiste er ab den 1960er-Jahren immer wieder in den Osten und Südosten Europas und stöberte dort die musikalischen Perlen auf. Der Eiserne Vorhang war damals noch undurchdringbar und die dortige Volksmusik klang fremd. Cellier hat sie für westliche Ohren geöffnet und bekannt gemacht, lange bevor es den Begriff Weltmusik gab.

Die Volksmusik war damals aber auch Staatsmusik. Die kommunistischen Herrscher nutzten die Popularität der bäuerlichen Kultur. Volkskultur galt als staatstragend. Und «Le Mystère des Voix Bulgares» war im Grunde nichts anderes als der Frauenchor des bulgarischen Staatsfernsehens. Das hat Cellier den Vorwurf eingebracht, dass er sich von der kommunistischen Propaganda instrumentalisieren liess. Doch das interessierte ihn alles nicht. Cellier war Musikliebhaber, kein Ideologe.

In den 1960er-Jahren entdeckte Cellier auch den rumänischen Panflöten-Virtuosen Gheorghe Zamfir, hat ihn in den Westen geholt und ihm zu Weltruhm verholfen. Cellier begleitete Zamfir auf der Kirchenorgel. Die Aufnahme «Flûte de pan et orgue», die in einer Lausanner Kirche aufgenommen wurde, wird zum Hit und verkauft sich über 1,5 Millionen mal. Folklore wird «Kult».

Doch dann kam es aus Geldgründen zum Zerwürfnis. Zamfir fühlte sich als «ausgebeutete Diamantmine». Doch Cellier ging es nie ums Geld. Cellier war fasziniert vom musikalischen Reichtum der osteuropäischen Musik. Am letzten Freitag ist Marcel Cellier im Alter von 88 Jahren im Spital von Vevey gestorben.