Rock
Pink Floyd: Die Zeit ist reif für eine Reunion

Die Band Pink Floyd, gegründet 1965 in London von den vier Studenten Roger Waters, Nick Mason, Rick Wright und Syd Barrett, legt eine Werkschau mit neuem Material vor.

Von Hanspeter Künzler, London
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Pink Floyd
15 Bilder
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)
Die Band im Wandel der Zeit (Foto: EMI)

Pink Floyd

Zur Verfügung gestellt

Es war in den frühen Tagen meines Musikfanseins, ein Besuch in einem Zürcher Musikladen. Man schrieb das Jahr 1971. Überwältigt von der Auswahl, bewunderte ich die Neuerscheinungen, neben mir blätterten zwei ernst dreinblickende Herren durch das brandneue Buch mit den Noten fürs unlängst erschienene Pink Floyd-Album «Meddle». «Die sind ja unglaublich simpel.» sagt der eine Herr. «Enttäuschend simpel.» der Zweite: «So was könnten wir sogar noch selber hinkriegen.»

Der Moment ist Erinnerung geblieben, weil er den Ausdruck einer musikalischen Wertvorstellung enthielt, die damals weit verbreitet war und dennoch keinen rechten Sinn zu ergeben schien. Warum sollte Musik erst dann «gut» sein, wenn sie kompliziert zum Spielen war? Zuvor hatte die Rockwelt mit «Pet Sounds» (1966) von den Beach Boys und «Sgt. Pepper» (1967) von den Beatles die Freuden der Komplexität entdeckt. Daraus hatte sich das Phänomen «Progressive Rock» entwickelt: Man träumte davon, mit seinen Rock-Symphonien dereinst an der Seite der grossen klassischen Komponisten genannt zu werden. Mit «Meddle» wagten Pink Floyd den wohl kühnsten Sprung ihrer ganzen Karriere: den Sprung in die «Simplizität».

Gegründet 1965 in London von den vier Studenten Roger Waters, Nick Mason, Rick Wright und Syd Barrett, verstand es die Band früh, einen Bogen zu spannen zwischen knackigen, aber vertrackten Popsongs («Arnold Layne», «See Emily Play») und eigentümlichen, ausgedehnten Improvisationen. Sie legte dazu einen sehr englischen Humor an den Tag, spielte mit einer Melodik, die im britischen Folk verwurzelt war, und experimentierte mit psychedelischen Bildprojektionen. Schon am zweiten Album «A Saucerful of Secrets» war der humorprägende Gitarrist Barrett seiner psychischen Probleme wegen kaum mehr beteiligt, statt ihm wurde David Gilmour rekrutiert. Einige Alben lang rang die Band um eine neue Identität und kämpfte mit den Schuldgefühlen betreffs Syd, den man eines Tages einfach nicht mehr abgeholt hatte vor einem Konzert.

Die Wende 1971 mit «Meddle»

Mit «Meddle», mit dem Sprung in eine «Simplizität», die so simpel nicht wirklich war, gelang die Selbstbefreiung. «Mit ‹Meddle›», so Schlagzeuger Nick Mason heute, «begannen wir wieder Spass zu haben an der Sache.» Die Melodien wirkten hier wieder eingängig wie Popwürmer (sic), aber sie liessen sich Zeit und breiteten sich über viele elliptische Schleifen hinaus aus. Auch andere Bands experimentierten mit Klängen, die dazu da waren, eine Stimmung, nicht eine Melodie aufzubauen (Tangerine Dream zum Beispiel). Aber Pink Floyd hielten an Rock-Drums und Bass-Riffs fest und verankerten so die Experimente in einem Fundament, mit dem jeder Rockfan vertraut war. Man konnte sich in dieser Musik also daheim fühlen, selbst wenn der Überbau «schwierige» Formen annahm. Es war ein Strickmuster, nach welchem danach all die grossen Erfolgsalben geschneidert wurden. Seine unverrückbare Fundamentalität steht ausserhalb der Zeit und der Moden.

So verträgt das Gesamtwerk von Pink Floyd den Rummel durchaus, der ihm nach diversen früheren Re-Release-Übungen nun mit einer kapitalen Neupräsentation zukommt: alle vierzehn Studioaufnahmen werden in remasterter Fassung und in diversen Formaten neu aufgelegt. Interessant sind vor allem die «Experience»-Editionen, wo ein bekanntes Album mit einer CD voll von verwandtem, oft bisher ungehörtem Material gepaart ist. Der Zeitpunkt der Kampagne ist insofern sinnig, als Roger Waters mit seiner Neuinszenierung von «The Wall» derzeit Riesenerfolge feiert.

Nick Mason, der ins Abbey Road Studio in London gebeten hat, um das Re-Release-Programm vorzustellen, nennt einen weiteren Grund fürs Timing: «Wir nähern uns dem Ende von physischen Tonträgern», erklärt er, «es ist wohl die letzte Chance, ein so grosses Projekt durchzuführen.»

Das aufregendste Fundstück, das die Archivwühlerei zutage förderte, ist eine Version von «Wish You Were Here» mit einem Geigensolo des Gipsy-Meisters Stephane Grapelli. «Man hatte uns gesagt, die Aufnahme sei überspielt worden.» sagt Mason. Ebenfalls faszinierend ist ein Live-Konzert in Wembley aus der Zeit vor «Dark Side of the Moon». Erst die technischen Neuerungen der letzten Jahre machten es möglich, dieses Dokument einer wichtigen Übergangszeit so aufzupäppeln, dass es veröffentlichungswürdig wurde.

Er hoffe sehr, dass dies nicht die letzten Pink-Floyd-Veröffentlichungen seien, sagt Mason, dessen Lieblingsstück übrigens «Set The Control For The Heart Of The Sun» ist: «Zum Beispiel haben wir einige Demos aus der ganz frühen Zeit gefunden, die wir gern veröffentlichen würden.»

Grosse Versöhnung?

Die Gelegenheit wäre günstig, denn das einst eisige Verhältnis zwischen Waters und Gilmour ist immerhin so weit aufgetaut, dass unlängst beide Männer und Drummer Nick Mason im Rahmen einer «Wall»-Aufführung in London zusammen auf der Bühne standen. Die Herren Waters, Gilmour und Mason haben in letzter Zeit sogar ein gemeinschaftliches Dinner genossen, wie Mason verrät. Aber sie hätten nicht über die Arbeit geredet. Der Schlagzeuger nährt damit Gerüchte um eine mögliche Reunion. «Die Sache ist die», erklärt Mason: «Mein Schlagzeug ist reisebereit verpackt. Ich wäre sofort zur Stelle. Ich vermute, dass eine Welt-Tournee unwahrscheinlich ist. Hingegen ein Konzert wie Live8, wer weiss!»

Pink Floyd Discovery, 16-Box-Set, Original Recording Remastered. EMI.