Hommage
Pierre Boulez, die lebende Legende

Am Sonntag ehrt das Sinfonieorchester Basel den grossen Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez mit einem Extrakonzert. Ein Podiumsgespräch führt in das Werk des Meisters ein.

Tumasch Clalüna
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Eine lebende Legende: Pierre Boulez wird 90 Jahre alt und in Basel mit einem Extrakonzert geehrt.

Eine lebende Legende: Pierre Boulez wird 90 Jahre alt und in Basel mit einem Extrakonzert geehrt.

BALLESTEROS/Keystone

Pierre Boulez ist eine lebende, 90-jährige Legende. Er dirigierte als Nachfolger von Leonard Bernstein das New York Philharmonic Orchestra, das BBC Symphonic Orchestra, war Gastdirigent unter anderem bei den Berliner Philharmonikern und leitete zweimal Wagners Parsifal in Bayreuth, zuletzt bei Christoph Schlingensiefs Skandal-Inszenierung. Damit wurde er als Dirigent bekannter, denn als Komponist. Dabei gehört er zusammen mit Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono zu den führenden Vertretern der musikalischen Avantgarde und hier kommt Basel und vor allem Paul Sacher ins Spiel.

Zusammen mit Sacher trieb Boulez in den 50er und 60er Jahren die musikalische Entwicklung voran, war Dozent an der Musikakademie, wirkte als Dirigent beim Sinfonieorchester und vermachte schliesslich sein Werk dem Paul Sacher-Archiv. Das Angebot, Chefdirigent des Sinfonieorchesters zu werden, lehnte er ab, die Anbindung ans Theater war ihm eine zu grosse Einschränkung.

Ohne Dirigentenstock

Befreiung von Konventionen, vor allem auch räumlichen, spielen eine tragende Rolle in Boulez’ Werk. Berühmt ist er dafür, dass er nie mit dem Dirigentenstock dirigierte oder in jungen Jahren Konzerte von konservativen Kollegen störte. Damit passt er perfekt in die Biennale Zeiträume für Architektur und Neue Musik, die dieses Wochenende in Basel stattfindet. Gespielt werden von ihm «Rituel in memoriam Bruno maderna» für 8 Instrumentalgruppen und die «Notations I, VII, IV, III, II» aus den Achtzigerjahren. Letztere frontal, Erstere aber rund um das Publikum im Stadtcasino verteilt.

«Wir wollten den Raum noch mal an seine Grenzen bringen», erklärt Hans-Georg Hofmann, Leiter der künstlerischen Planung des Sinfonieorchesters. Aber nicht nur der Raum, auch das Orchester stösst bei dieser immensen Besetzung an seine Grenzen und musste erweitert werden. Dazu kommt der Anspruch an die Musiker. So bemerkt er zu einer Passage für Englischhorn, sie müsse extrem leise gespielt werden, und empfiehlt, ein Tuch ins Horn zu stopfen.

Solo für Grammy-Gewinnerin

Nicht weniger anspruchsvoll dürfte «Voci» von Luciano Berio aus den Folk Songs II werden. Auch er gehörte zu den Grossen der Avantgarde-Bewegung in der Musik, sein Werk liegt ebenfalls bei der Paul- Sacher-Stiftung. «Voci» wurde 1984 von Berio selbst mit dem Sinfonieorchester uraufgeführt. Die Solo-Viola wird Kim Kashkashian spielen, sie gewann vor zwei Jahren den Grammy für das beste Instrumentalsolo. Schliesslich folgt eine Uraufführung des Komponisten Edu Haubensak. Auch hier wird das Orchester in Gruppen aufgeteilt sein. «Wir sind froh, dass Neue Musik in Basel auf so grosses Interesse stösst», freut sich Hofmann. Allerdings ist die Neue Musik ja nicht die eigentliche Domäne des Sinfonieorchesters. «Deshalb nennen wir es auch Extrakonzert». Zudem rechtfertige die enge Verbindung zu Boulez eine solche Hommage des Orchesters. Genauer auf diese Verbindung wird ein «Entdeckerkonzert» ab 17 Uhr eingehen. Im Sinne einer Einführung spielt Maki Namekawa Teile der «Notations» als Klavierfassung, dazu sprechen der Komponist (und Nachfolger von Boulez in der Lucerne Festival Academy) Wolfgang Rihm, die Musikjournalistin Eleonore Brüning, Dirigent Dennis Russel Davies und der Musikwissenschaftler Robert Piencikowski über Boulez Schaffen und seinen spezifischen Bezug zu Basel. Piencikowski verwaltet Boulez’ Schriften im Paul-Sacher-Archiv.

Die Legende selbst wird nicht nach Basel kommen können, er habe jedoch ausrichten lassen, er sei in Gedanken bei den Musikern; und dem Dirigenten.

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