Klassik
Piano Girls: High Heels, Vorurteile und grosse Konzerte

Beim Pianofestival in Luzern spielen gleich vier schöne Frauen, die auch bereit sind, sich erotisch kühn in Szene zu setzen. Das Phänomen gab es auch schon früher – und es ist ein Abbild des Marktes.

Christian Berzins
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High Heels und grosse Musik: Gleich vier schöne Frauen spielen beim Luzerner Pianofestival
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Hélène Grimaud Bild: Mat Hennek / Deutsche Grammophon
Yuja Wang Bild: Esther Haase / Deutsche Grammophon
Khatia Buniatishvili Bild: Esther Haase / Sony Classical
Khatia Buniatishvili Bild: Esther Haase / Sony Classical
Lise de la Salle Bild: Lynn Goldsmith
Hélène Grimaud Bild: Mat Hennek / Deutsche Grammophon
Khatia Buniatishvili Bild: Esther Haase / Sony Classical
Yuja Wang Bild: Esther Haase / Deutsche Grammophon
Lise de la Salle Bild: Lynn Goldsmith

High Heels und grosse Musik: Gleich vier schöne Frauen spielen beim Luzerner Pianofestival

Zur Verfügung gestellt

«Kann man mit High Heels Klavier spielen?!» Es war vielleicht nicht die intellektuellste Frage des Abends, die wir am Mittwoch im KKL hörten, aber Yuja Wangs zahnbürstenlange Absätze trafen mitten hinein in ein Phänomen, das die Klavierwelt verändert: Aus den Heerscharen der unbekannten Spitzenkräfte fischt sich die CD-Industrie – und in ihrem Gefolge die Dirigenten und die Konzertveranstalter – junge, überaus attraktive Frauen heraus, die auch bereit sind, sich erotisch kühn in Szene zu setzen. Wang macht es auf CD-Covern und im Konzertsaal vor: Der Schlitz ihres asymmetrischen schulterfreien langen Kleides reichte bei ihrem Rezital hoch bis zum Hüftknochen.

«Es gab das Phänomen schon früher!», werden die Herren Altkritiker nun einwerfen. Gewiss: In der schwarzweissen Vergangenheit sehen wir Martha Argerich (1941) und rundherum nicht mehr ganz so junge Dirigenten, mit denen sie Konzerte gibt, Aufnahmen macht, ja, Charles Dutoit gar heiratet. Dieser Dirigent könnte auch in der folgenden Geschichte ein Protagonist sein, hat ihm doch zumindest eine unserer Heldinnen viel zu verdanken.

Überarbeitung der Fachliteratur?

Argerich, noch früher Elly Ney , Clara Haskil, Alicia de Larrocha und Ingrid Haebler waren grosse Namen, zeugten aber nicht von einem Pianistinnen-Boom. 1965 verlor Joachim Kaiser in seinem legendären Buch «Grosse Pianisten in unserer Zeit» gerade mal über eine Handvoll Frauen ein paar Worte. Selbst in Jürgen Ottens Nachschlagewerk «Die grossen Pianisten der Gegenwart» beträgt der Anteil der Frauen 2009 trotz Argerich, Mitsuko Uchida, Elisabeth Leonskaja oder Maria Joao Pires keine 20 Prozent. Wird Otten sein Buch in fünf Jahren überarbeiten, müssten es 50 Prozent sein, denn der seit 15 Jahren andauernde Erfolg der jungen Geigerinnen hatte Signalwirkung auf die Pianistenwelt.

Eine Protagonistin des Booms ist Hélène Grimaud (1969). Sie wissen schon: die mit den Wölfen... Die Französin ist am Lucerne Festival Stammgast. Im Sommer hätte sie dort gar mit Claudio Abbado auftreten sollen. Doch da man zwei Monate vorher bei CD-Aufnahmen von Mozarts 23. Klavierkonzert darüber stritt, ob Ferruccio Busonis 90 Sekunden lange Kadenz im 1. Satz dafür passend sei, kam es zu einem Bruch zwischen den beiden vermeintlich Seelenverwandten.

Eine CD mit ebendiesem, dem 23.Klavierkonzert, ist nun dank einer älteren Live-Aufnahme bei der Deutschen Grammophon erschienen und stürmt in den USA gar die Hitparade. Grimaud unterstreicht auch bei Mozart ihren Hang zur Überemotionalität. Das Fingerzeigen aufs «ach, wie Schöne!» wird zur platten Romantisierung. Gestern Abend spielte sie, ganz die Marketingfrau, das CD-Repertoire für die Grimaud-Versteher im KKL.

Aber anstatt vom Selbstläufer Grimaud, dieser Anne-Sophie Mutter der Pianistinnen, sprechen wir lieber nochmals von Yuja Wang. Als die Chinesin in Luzern im Sommer 2009 mit Claudio Abbado – wieder er ... – Rachmaninow spielte, wars nicht nur ihre Technik, die verblüffte, sondern vor allem, wie sie Abbados Idee des singenden Musizierens verinnerlichte. Jetzt zeigte sie diese Kunst solo – am eindrücklichsten in der 6. Klaviersonate A-Dur von Sergei Prokofjew. Wie sie jedem Satz seinen Charakter gab, wie sie die Schläge in Klangwege führen konnte und wie nonchalant sie den letzten Ton hinschleuderte, zeugte von Reife. Am erstaunlichsten neben Werken von Rachmaninow und Skrjabin war Beethovens op. 27, Nr.1: voller Andacht und nobler Zurückhaltung und alle Verschrobenheit aufzeigend.

Wie anders doch die gleichaltrige Khatia Buniatishvili, deren Aufstieg in den letzten drei Jahren fast noch rasanter als jener von Wang vor sich ging. Obwohl sie 2011 mit zwei grossartigen CDs bei Sony wie ECM debütierte, musste die Georgierin beim Pianofestival mit der nüchternen Lukaskirche mittags um 12.15 Uhr vorliebnehmen. Egal, Buniatishvili ist im Konzert ein ungestümes Naturereignis – und das zeigte sich nicht nur in mirakulösem Ausmass in Prokofjews 7. Sonate. Aber wie famos sie die Klangschichtungen in zwei Intermezzos von Brahms aufeinanderlegte, wie sie in einem Präludium und einer Fuge J.S. Bachs jede Note zu einem Wunder machte, war unheimlich grossartig. Und nebenbei: Unsere Ausgangsfrage beantwortete sie mit einem «Ja!»...

Beleidigung der herben Siegerin

Damit nicht genug der jungen Frauen beim Pianofestival! Neben Wang und Buniatishvili zeigt die 23-jährige Lise de la Salle heute Morgen ihre Kunst im KKL. Das hippe Luzerner Trio gehört neben Alice Sara Ott, Hyun-Jung Lim, Olga Scheps oder Olga Kern zur Speerspitze der weiblichen Klavierkunst: Allesamt sind sie unter 40 Jahre alt, alle mit CDs auf dem Markt – und beneidenswert schön.

Wie entscheidend der Faktor «Schönheit» ist, offenbart die CD-Industrie an der Pianistin Yulianna Avdeeva (1985) entlarvend schamlos. Die Russin gewann 2010 den Chopin-Wettbewerb. Dessen Sieger hatte in der Vergangenheit den Vertrag bei der Deutschen Grammophon fast auf sicher. Und der These dieser Geschichte folgend, wäre eine Frau für die DG ein doppeltes Glück gewesen! Nicht aber die herbe Avdeeva. Da nahm die DG lieber den Zweitplatzierten, den Schönling Ingolf Wunder (1985), unter Vertrag. Obs gegen die labeleigene weibliche Konkurrenz (Wang und Ott) reicht? Immerhin: Ein Maurizio Pollini, Chopin-Concours-Sieger von 1960, spielt immer noch CDs ein – und morgen Abend im ausverkauften KKL.

Pianofestival Lise de la Salle, Luzern, KKL, heute Sa, 11 Uhr. Weitere vier Konzerte bis Sonntagabend. Karten: Tageskasse oder www.lucernefestival.ch