Ja, es gibt ihn noch – und er macht noch immer Musik: Jari Altermatt, der von Erschwil aus die Rockwelt erobern wollte und diesem Vorhaben mit seiner Band Navel in 15 Jahren erstaunlich nahe kam: Die Post-Grunge-Band veröffentlichte zwischen 2008 und 2014 vier Alben und gab auf der internationalen Bühne insgesamt 385 Konzerte. Darunter so prestigeträchtige wie etwa als Toursupport der Queens of the Stone Age. Am 6. Dezember 2015 gaben Navel ihre Auflösung bekannt, nachts zuvor noch hatten sie in der Kaschemme Basel ein letztes Konzert gegeben.

In ebendieser Kaschemme kann man Jari Altermatt, der sich mittlerweile Jari Antti nennt, mit seinem neuesten Bandprojekt erleben: Mr. Ray heisst dieser psychedelische Sohn von Navel. Jari Antti zeichnet für Gesang und Gitarre verantwortlich. Und auch für einen Grossteil der Musik. Doch er betont, dass es sich nicht um sein Projekt handle, sondern um eine Band, die er mit Pablo Thiermann gemeinsam gegründet habe.

Jari Antti lernte seinen Kompagnon in Berlin kennen, seiner neuen Wahlheimat. Als er vor vier Jahren in die Szene der deutschen Hauptstadt eintauchte, traf Antti ihn sowie die chilenische Band Chicos de Nazca. Mit dieser ging er auf Tour, spielte Bass, agierte im Hintergrund. Daneben baute er mit dem Keyboarder und Toningenieur Pablo Thiermann gemeinsam ein Studio auf. Als sie es fertig eingerichtet hatten, fragten sie sich: Und jetzt? Sie begannen zu spielen. Daraus gingen Songideen hervor und schliesslich die feste Absicht, ein Album zu produzieren.

Feuertaufe in Chile

«Interior» heisst das Werk, das nun beim chilenischen Indie-Label BYM Records erschienen ist. Das südamerikanische Land ist für Jari Antti zur erweiterten Heimat geworden. In den vergangenen Jahren entfloh er jeweils für einige Wochen den kalten Berliner Winternächten, um sich im chilenischen Sommer und in der dortigen Gastfreundschaft zu wärmen. So haben Mr. Ray ihre Feuertaufe bereits in Santiago erlebt. Thiermann und Antti griffen für ihre erste kleine Tournee auf einheimische Gastmusiker zurück. Diese Vorgehensweise haben sie auch für Europa vorgesehen. Warum? «Weil ich in Berlin festgestellt habe, dass es schwierig ist, Musiker an eine Band zu binden. Jeder will hier sein eigenes Ding machen, jeder will frei sein.», sagt Antti. Deshalb werde man für Mr. Ray-Konzerte jeweils befreundete Musiker hinzuziehen, mit denen sich ein voller Bandsound erzielen lässt. Das Duo holt also live Gäste ins Boot und paddelt mit diesen durch psychedelische Gewässer.

Wie das klingt? Abgehangene, in Hall getauchte Gesänge, kosmische Gitarren und Synthesizerflächen laden zu schwelgerischen Momenten, in denen man sich herrlich verlieren kann. Die Folkeinflüsse, wie sie im Pressetext beschrieben werden, sind eher im elektrifizierten Sinn zu verstehen.

«Interior» lädt dabei zu Kopfreisen, die mal an amerikanischen Psychedelic aus den Sixties erinnern, mal an den britischen Shoegaze der 80er-Jahre.

Damit ist Mr. Ray bereits das dritte Bandprojekt, das aus der Asche von Navel hervorgegangen und im psychedelischen Rock angekommen ist: Auch in den ebenso eindrücklichen Schweizer Bands Harvey Rushmore & the Octopus und The Night Is Still Young sind Leute aus der letzten Navel-Besetzung tonangebend.

Kann das Zufall sein? Haben Navel gegen Ende ihres Bandseins einen besonders nachhaltigen Trip genossen? «Psychedelik war schon immer ein grosser Einfluss», sagt Jari Antti. «Für uns war diese Musik immer schon da.»

Diese Entwicklung sei für ihn daher ganz natürlich. «Es geht mir um innere Gefühlswelten.» Diese trägt er mit Mr. Ray nun erstmals in der Schweiz nach aussen.

Album: Mr. Ray «Interior», BYM Records/Irascible.
Live: 17. Mai, Kaschemme Basel. 10. August, Open Air Basel.