Nakhane Touré sitzt auf einer Parkbank in London und schaut den Enten zu. «Enten!» Er lacht. «Die bringen mich wieder runter.» Im letzten Monat war er in Los Angeles, New York, Toronto, Athen, São Paolo. Unter anderem. Es ist die erste grosse Welttournee des 31-jährigen Südafrikaners, dessen Musik die «New York Times» als «Balsam» bezeichnet.

Nakhanes Musik ist geprägt von seiner Kindheit und Jugend am Ostkap, wo er mit 19 sein Coming-out hatte. Sein Volk, die Xhosa, toleriert zwar Homosexualität unter Heranwachsenden, weniger aber bei Erwachsenen. Ein Thema, das Nakhane in seiner Musik verarbeitet – in den 20 Minuten Telefongespräch aber nicht zu sehr in den Vordergrund treten soll.

In der Schweiz sind Sie relativ unbekannt. Wie würden Sie sich beschreiben?

Nakhane Touré: Wie würde ich mich beschreiben ...

Sagen wir, jemand kommt an einer Party auf Sie zu und fragt, was Sie machen.

Das läuft meistens gleich ab: Ich sage, ich mache Musik. Darauf meint mein Gegenüber: «Oh interessant, was für Musik denn?» Und ich sage: «Ich glaube Pop.» Und dann sagen sie: «Okay Pop. Was denn für Pop?» Dann sage ich: «Ich glaube, es ist Pop with an edge. Pop mit Ecken und Kanten. Avantgarde-Pop.» Dann sind sie endgültig verwirrt und ich schicke ihnen einfach einen Link (lacht).

Weil sich Musik nicht immer mit Worten beschreiben lässt.

Würde sich Musik mit Worten erklären lassen, gäbe es keinen Grund, sie zu machen.

Ihr erstes Album nannten Sie «Brave Confusion» – auf Deutsch: mutige Verwirrung. Das bringt es auf den Punkt, nicht?

Absolut. Ich habe lange Zeit versucht, mich aus meiner Kunst zu entfernen, mich hinter meiner Arbeit zu verstecken. Heute sage ich: Seht mich! Genau das ist doch der Punkt. Sich der eigenen Verletzlichkeit auszusetzen. Das finde ich aufregend.

Sie wuchsen in einer Xhosa-Familie auf. Wie war Ihre Kindheit?

Unglaublich musikalisch. Ich wuchs umgeben von Musik auf – meine Tante war eine Opernsängerin, alle meine Familienmitglieder sangen in Chören. Ich wusste immer, dass ich Musik machen wollte. Ich habe Posaune im Schulorchester gespielt, trat in Musicals auf, war in einer Schülerband. Aber mit 17 merkte ich, dass ich nicht mehr nur die Songs anderer zitieren wollte.

Sie wollten eigene Songs schreiben.

Erst mal habe ich einfach Gedichte geschrieben. Und fand sie wahnsinnig tiefgründig (lacht). Aber dieses Selbstbewusstsein, diese Verklärung der eigenen Fähigkeiten ist ungeheuer wichtig in dem Alter: Man muss das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein. Das hatte ich. Auch wenn es natürlich nicht unbedingt der Wahrheit entsprach.

Mit 19 outeten Sie sich. Wie vertrug sich das mit den Werten des Xhosa-Volkes?

Es war nicht einfach. Ich war queer, aber nicht auf die akzeptierte Art. Sie wissen schon: So wie Schwule im Fernsehen dargestellt werden. Übertrieben exzentrisch und immer in der lustigen Nebenrolle. Ich wollte keine Karikatur sein. Das interessierte mich nicht.

Ihr Umfeld war sehr christlich.

Deshalb verliess ich mit 19 auch die Kirche. Die war das Hauptproblem. Südafrika hat eine Doppelmoral, was schwul sein betrifft. Auf den ersten Blick werden wir akzeptiert, aber wenn Homosexuelle Raum für sich verlangen oder keine Zielscheibe von Witzen mehr sein wollen – ab dem Moment ist es nicht mehr okay, queer zu sein.

Sehen Sie sich als Aktivist?

Schwierige Frage. Ich würde mich als Künstler, nicht als Aktivist bezeichnen. Aber Kunst ist immer politisch, so wie alles, was wir an die Öffentlichkeit tragen, politisch ist. Und meine Kunst ist sehr persönlich, also bin ich als Künstler wohl auch ein Aktivist. (Lange Pause.) Sagen wirs so: Ich bin ein Künstler, der was zu sagen hat und es sagt. Das passt.

 

Live: Donnerstag, 25. Juli, Stimmen-Festival Lörrach.