Konzertbetrieb

Musikchef Sandro Bernasconi: «Wir müssen die Kaserne stärker öffnen»

«Ich konnte noch nicht alles verwirklichen», sagt Sandro Bernasconi. Er leitet auch in Zukunft das Musikbüro der Kaserne Basel.

«Ich konnte noch nicht alles verwirklichen», sagt Sandro Bernasconi. Er leitet auch in Zukunft das Musikbüro der Kaserne Basel.

Sandro Bernasconi spricht über die Zukunft der Musik im Dreispartenhaus: Nebst der herkömmlichen Konzertkultur sollen künftig auch Kreationsprojekte mit Künstlern aus südlichen Ländern gefördert werden.

Er ist seit 2009 der Mann hinter dem Musikprogramm der Kaserne: Sandro Bernasconi (41). Wohin zieht es ihn, wohin den Konzertbetrieb?

Sandro Bernasconi, die Kaserne erlebt derzeit einen Leitungswechsel. Carena Schlewitt geht, Sandro Lunin kommt. Und Sie?

Sandro Bernasconi: Ich bleibe.

Bleiben Sie aus Bequemlichkeit oder weil Sie noch nicht alles erreicht haben?

Genau diese Frage habe ich mir auch gestellt. Bewege ich mich Richtung Stillstand oder erlebe ich einen Aufbruch? Ich kam zum Schluss, dass ich noch nicht alles verwirklichen konnte. Als mir Sandro Lunin erzählte, was ihm mit der Kaserne vorschwebt, wusste ich, dass mir das neuen Schwung verleihen würde.

Was zum Beispiel?

Kreationsprojekte mit Künstlern aus südlichen Ländern. Wir hatten im Februar mit «Crossroads» ein Festival im Haus, das Sandro Lunin in Zusammenarbeit mit den Aussenstellen von Pro Helvetia realisiert hat. Dabei kam es auch zu einer Kooperation, für die die Basler Musiker Janiv Oron und Michael Anklin nach Kairo gereist sind und mit der ägyptischen Klangkünstlerin Nour Emam zusammenarbeiteten. Das stiess auf erfreulich grossen Zuspruch beim Publikum. Solche Projekte reizen mich, weil man den üblichen Weg über die Booking-Agenturen verlässt und aktiv darum bemüht ist, dass ein Projekt zustande kommt.

Sie wollen also stärker kuratieren?

Ein Stück weit, ja. Und mich auch mit organisatorischen und produktionstechnischen Fragen auseinandersetzen.

Warum konnten Sie das bisher nicht tun?

Das habe ich mich auch gefragt: Vermutlich lag das an der Erwartungshaltung ans Musikprogramm, auch von mir selber: Dass man mit den nationalen und internationalen Booking-Agenturen zusammenarbeitet, schaut, wer auf Tour kommt und sich überlegt, wen man nach Basel holen möchte. So bewegt man sich in einem Fahrwasser. Dieses möchte ich hin und wieder verlassen und das Programm diverser gestalten, übrigens auch in Bezug auf die Geschlechter.

Mehr Musikerinnen im Programm?

Ja. Bislang bewegte sich der Frauenanteil bei den Kasernen-Acts zwischen 18 und 30 Prozent. Hatte ich früher noch damit argumentiert, dass die Qualität stimmen müsse, so merke ich, dass das für mich nicht mehr stimmt. In Zukunft möchte ich auch mehr auf die Quote achten.

Auch innerhalb des Musikbüros? Sie sind ja zu zweit. Steffi Klär ist nur noch bis Ende Saison im Musikteam. Wird sie durch eine Frau ersetzt?

Nicht zwingend. Es ist alles möglich und denkbar. Was zählt, ist, dass die Stelle von jemandem besetzt wird, der Lust auf Kreationsprojekte hat, auf Musik aus dem Süden und darauf, dass die Kaserne einen Tick experimenteller werden möchte.

Höhere Frauenquoten und ein stärkerer Austausch mit südlichen Ländern, das sind hehre Absichten. Aber sind diese denn auch im Interesse des Kasernen-Publikums?

Ich hoffe es. Wir müssen dafür mehr Arbeit leisten und die Kaserne stärker öffnen, auch für Künstler. Wir verstehen uns als Dienstleister, mit einem Haus im Herzen des Kleinbasels.

Einem Haus auch, das weit über die Stadt hinaus interessiert. Viele Gäste kommen, weil Sie grössere Indie-Acts wie eine Sophie Hunger oder Faber nach Basel bringen.

Das ist uns bewusst. Die herkömmliche Konzertkultur werden wir weiterhin pflegen, also die Zusammenarbeit mit den üblichen Agenturen. Von den rund 90 Konzerten, die wir in einer Saison machen, werden auch in Zukunft mehr als die Hälfte gängig programmiert. Aber wir möchten uns vertieft in andere Materien reinstürzen, Projekte kreieren.

Das eine tun, das andere nicht lassen?

Ja, genau. Einen Vorgeschmack gibt Nocturna Visión, eine Reihe, die wir am kommenden Wochenende lancieren. Für diese arbeiten wir mit jungen Leuten aus dem Quartier zusammen. Der Fokus liegt bei mittel- und südamerikanischer Musik, wobei traditionelle Elemente, man könnte sagen Folklore, in neue Musik transformiert wird. Zum Auftakt spielt die peruanische Gruppe Dengue Dengue Dengue. Mitgetragen wird die Reihe von den lokalen DJs Sonidos Resistencia.

Ist die Szene aus dem lateinamerikanischen Raum genügend gross in Basel?

Ja, ich denke schon, ich hoffe auf 500 Besucher. Diese Künstler sprechen auch ein Indie-Publikum an, es gibt also Schnittpunkte zu verschiedenen Szenen. Diese Strömungen sind im Moment sehr spannend.

Dass Sie die Reggae-Reihe einstellen, hat für Wirbel gesorgt. Worauf werden Sie sonst noch verzichten?

Voll ausschliessen möchte ich nichts. Aber wir haben in der Vergangenheit viel Musik aus Island gebracht. Diese Bands müssen wir nicht jedes Jahr wieder bringen.

Sie waren soeben beruflich in Ramallah. Was haben Sie vor?

Wir möchten ein Kreationsprojekt im Austausch auf die Beine stellen. Deshalb war ich mit Musikerinnen aus Basel dort, wo wir Musikerinnen aus Ramallah und Haifa getrofffen haben. In Anbetracht der dortigen Verhältnisse, empfanden wir die Musik von einer besonderen Dringlichkeit, ebenso das Interesse und die Motivation für ein solches Kreationsprojekt. Generell wird ein noch intensiverer Austausch zwischen Musik, Tanz und Theater gesucht. Das erfordert auch mehr Aufwand. Sandro Lunin möchte das noch stärker zusammenbringen und manche Abende zusammen programmieren.

Dass die Sparten mehr ineinandergreifen ist ein alter Wunsch, den jeweils jede neue Kasernen-Direktion beim Antritt geäussert hat. Warum soll das jetzt funktionieren?

Weil es in der Szene selber mehr Annäherungen gibt. Musiker sind heutzutage viel offener für andere Bühnenprojekte. Und im Gegenzug fällt auf, dass Theatercrews auch stärker die Zusammenarbeit mit Musikern suchen.

Diskutiert wird immer auch die Frage, weshalb es nicht mehr regionale Acts hat in der Kaserne. Sie kündigten im vergangenen Jahr in der «TagesWoche» an, dass Sie der lokalen Szene noch mehr Platz einräumen möchten.

Das ist noch immer unser Vorhaben, ja. Aber es geht mehr Richtung Projektarbeit und weniger Richtung klassischer Konzerte. Da bieten kleinere Orte wie die Kaschemme, Sommercasino, Parterre oder Atlantis ja einiges – und das ist gut so, denn für viele Bands ist die Kaserne schlicht zu gross. Gruppen wie Brandhärd oder Zeal & Ardor, die ein paar Hundert Leute ziehen, gehören zur Ausnahme. Die meisten regionalen Bands ziehen 150 bis 200 Leute an, für diese sind unsere Säle zu gross, allein der Rossstall hat ja eine Kapazität von 600 Zuschauern.

Warum gibt es bei den DJs oft ein lokales Vorprogramm, bei den internationalen Bands selten?

Wir würden das ja auch gerne bei den Bands öfter machen und schlagen den Agenturen mögliche Support Acts aus der lokalen Szene vor. Aber das letzte Wort hat die Band und ihr Management. Und grössere Musiker bringen meist ihre eigene Vorband mit.

Die Reithalle hat eine Tausender-Kapazität. Bewegen sich die Acts, die so viel Publikum anlocken, mittlerweile auch in höheren Sphären, was die Gage angeht?

Ja, höhere Gagen sind auch für uns eine Realität. Internationale Acts, die 800 bis 1000 Leute ziehen und nach Jahren wieder kommen, verlangen im Schnitt 3000 bis 8000 Franken mehr als früher. Hinzu kommt eine Gewinnbeteiligung. Das war früher nicht der Fall.

Was kostet Sie denn ein Reithallen-Act heutzutage?

Das ist unterschiedlich, hängt von der Grösse des Trosses ab: Kommt eine Band mit einem ganzen Lastwagen voll Equipment und einem Nightliner, betragen allein die Produktionskosten
10 000 Franken. Die Künstlergage ist darin nicht enthalten, aber in solchen Fällen natürlich klar fünfstellig. Auf der Kostenseite kommen bei uns Quellensteuer und Vorverkaufsgebühren hinzu, bei einem 50-Franken-Ticket bleiben uns nach diesen Abzügen noch 38 Franken; damit zahlen wir die Gage und unser Personal.

Früher hatte Basel oft das Nachsehen bei internationalen Agenturen, weil Zürich als Medien- und Labelhauptstadt bekannter war. Gibt es ihn noch, den Standortnachteil?

Zum Teil, ja, aber auf eine andere Art: Am Schluss des Tages dreht sich bei den Agenturen alles ums Geld. Wer zahlt die beste Gage? Der erhält den Zuschlag. Das Problem ist, dass alle Agenturen wissen, dass die Schweiz ein Hochpreisland ist und dass in Zürich höhere Ticketpreise verlangt und auch entsprechend höhere Gagen bezahlt werden. Da wollen wir nicht immer mitmachen. Was wir dafür bieten können, wenn sich ein Künstler für uns entscheidet, sind publikumsfreundliche Ticketpreise. Denn diese sind ja subventioniert.

Wieviel der Subventionen fliessen eigentlich in die Musik?

Da muss man differenzieren zwischen Programmgeld und all den anderen Kosten wie zum Beispiel Löhne, Unterhalt Gebäude, Miete, Arbeiten der Techniker oder des Marketings, die bei uns nicht auf einzelne Sparten aufgeschlüsselt werden und auch von den Subventionen bezahlt werden. Fürs Musikprogramm sind 100 000 Franken pro Saison vorgesehen.

Gibt es einen Künstler, der Sie in Sachen Loyalität enttäuscht hat?

Das nicht, nein. Ich bin nicht nachtragend und einem Künstler auch nicht böse, wenn er sich auf einer Tour nicht mehr für uns, sondern beispielsweise fürs Zürcher Kaufleuten entscheidet. Aber natürlich würde es mich freuen, wenn Künstler wie Kraftklub, die bei uns ganz am Anfang vor 100 Leuten gespielt hatten, nun, da sie weitaus bekannter sind, wieder zu uns zurückkommen würden.

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