Schon mit seinen letzten beiden Alben landete Marco Kunz jeweils auf Platz 1 der Schweizer Hitparade. Mit «Förschi« ist dem 33-jährigen Luzerner jetzt der Hattrick gelungen. Das ist nicht selbstverständlich, denn der Sänger hat sich von Hitmill, dem erfolgreichsten Schweizer Produktionsteam, getrennt. Der neuerliche Erfolg bestärkt ihn in seinem Entscheid. Mit seinem Mundart-Folk trifft Kunz ziemlich genau den Trend im Land: Mundart und handgemacht.

Freut man sich beim dritten Mal noch gleich wie bei der Premiere?

Marco Kunz: Sicher. Im Gegensatz zu den ersten beiden Top-Platzierungen haben diesmal alle gesagt: «Du schaffst das sowieso.» Ich war mir aber keineswegs sicher, zumal auch Stephan Eicher in der gleichen Woche sein Album veröffentlicht hat. Umso schöner, dass wir es schon wieder geschafft haben.

Da ist jetzt schon ein Stück Understatement dabei, oder?

Nein, wirklich nicht. Natürlich hofft man und hat vielleicht sogar ein bisschen gesteigerte Erwartungen, aber dass es am Ende reicht, hat mich doch ganz ehrlich überrascht. Solche Erfolge darf man nie als selbstverständlich annehmen, sonst riskiert man nur grosse Enttäuschungen.

Was bringt in Zeiten von stetig sinkenden CD-Verkäufen ein Platz 1 in der Hitparade überhaupt noch?

Im heutigen Musikgeschäft gibt es kaum klar messbare Dinge. Ob ein Album gefällt oder eben nicht, ist für jeden Hörer anders. Wenn du es auf Platz 1 der Charts schaffst, ist das vor allem ein Zeichen, dass deine Musik ankommt. So habe ich auch die Bestätigung, dass ich mit meinem Gefühl richtig lag: Ich finde meine neue CD nämlich richtig gut. (lacht)

Also einfach Anerkennung?

Eine hohe Chartplatzierung ist auch immer noch ein gutes Argument, dass man bei Radios etwas mehr Airplay bekommt. Das wiederum bringt mir mehr Aufmerksamkeit, was am Ende zu mehr Publikum an Konzerten führt.

Warum heisst das Album «Förschi»?

Nach drei Alben war es Zeit, einen Schritt rauszumachen. «Förschi» passt wunderbar für diese Zeit der Neuanfänge und des Aufbruchs. Ich habe diesmal auch alles selber geschrieben. Mir war eine Veränderung wichtig. Natürlich hätte ich auch alles gleich belassen können, und es hätte wohl funktioniert. Wenn man sich aber selber nicht herausfordert, wird man irgendeinmal satt und fett.

Es gibt Schlimmeres.

Ja, aber es ist nicht das, was ich suchte. Kunz klingt immer noch nach Kunz, aber anders. Wir haben jetzt auch Bläser dabei, ich hatte Lust, dieses Band-Livegefühl noch mehr auf Platte zu packen.

Ist Ihnen das Songschreiben leicht gefallen?

Erstaunlicherweise ja. Natürlich habe ich auch Ideen verworfen und oft etwas geflucht. Ich bin aber recht konsequent: Wenn mich ein Song nicht packt, lasse ich ihn sein. Ich will nicht halb gute Songs fertig machen, um am Ende doch zu merken, dass sie es nicht aufs Album schaffen.

Wie merkt man, ob ein Song gut genug ist?

Wenn er auch in einer reduzierten Form funktioniert. Wenn ich die Musik schreibe, kann ich das nur mit Gitarre und Klavier tun – und Klavier spiele ich nicht besonders gut. Vielleicht ist das sogar gut, weil man dann die Lieder einfach halten muss.

Sind Sie ein besserer Songschreiber geworden?

Gegenüber den Anfängen schon. Es wäre auch komisch, wenn es nicht so wäre. Heute kann ich Dinge viel besser auf den Punkt bringen. Das ist doch das Geheimnis an guten Songs, dass man sie auf die Essenz beschränkt. Es braucht nicht noch die x-te Strophe, wenn man schon gesagt hat, was man sagen will.

Bei beiden vorab veröffentlichten Singles geht es um die Liebe.

Haben Sie bei «L.I.E.B.I.» genau hingehört? Eigentlich geht es da genau drum, dass die Liebe eben nicht etwas wahnsinnig Spezielles ist, sondern eine chemische Reaktion im Körper. Liebe ist oft nicht dieses hollywoodmässige Superding, sondern etwas Natürliches.

Wir treffen uns alle zwei Jahre wieder, und immer sind Sie weiter nach oben gekommen. Ein Masterplan?

Überhaupt nicht. Ich habe keinen Masterplan. Ich mache einfach. Und alles, was kommt, nehme ich gerne, verbiege mich dafür aber nicht. Von meinem Umfeld, besonders von meinem Vater, ernte ich dafür etwas Unverständnis. Für ihn wäre das nichts: Er braucht mehr Sicherheit.

Vor zwei Jahren sagten Sie, wenn Sie auf dem Bau geblieben wären, würden Sie mehr verdienen denn als Musiker. Ist das immer noch so?

Das ist schwierig zu sagen. Auf dem Bau wäre ich ja auch nicht stehen geblieben und wäre da jetzt wohl Polier und hätte einen guten Lohn. Was sicher anders ist, wäre das regelmässige Einkommen. Jetzt habe ich oft Jahreszyklen. Ein Jahr lang verdiene ich gut, im kommenden dann dafür wenig. Das hängt immer von Veröffentlichungen und Konzerten ab – wenn ich daheim Songs schreibe, erhalte ich dafür ja erst einmal kein Geld.

Und Sie schaffen es, in guten Jahren nicht alles zu verprassen?

Das konnte ich immer. Das kenne ich, seit ich angefangen habe, ausschliesslich von der Musik zu leben. Wenn ich das nicht könnte, dann wäre dieser Traum schnell ausgeträumt. Einen Masterplan braucht man nicht unbedingt, aber einen Plan. Vor allem, was das Finanzielle betrifft.

Keine Angst, dass der Traum platzt?

Doch. Vor allem in den Anfängen meiner Karriere. Als Musiker hast du nur eine Chance, und die musst du nutzen. Wenn du die Chance verpasst, bist du weg vom Fenster. Aber mittlerweile bin ich glücklicherweise auf einem Level angekommen, bei dem ich nicht mehr komplette Existenzängste haben muss. Für meine kommende Tour haben schon viele Leute ein Ticket gekauft, ohne dass sie einen einzigen Ton gehört haben – völlig abstürzen kann ich nicht mehr.

Am Turnerabend in unserem Dorf tanzten die Kinder alle zu Kunz und waren als «Künzli» verkleidet.

Süss. Das ist doch schön.

Gibt es auch weniger schöne Seiten der Bekanntheit?

Ja, natürlich. Wenn man in einem Restaurant sitzt und merkt, dass nebenan getuschelt wird. Oder wenn man auf der Strasse ein Handy vors Gesicht kriegt und es heisst: «Komm, wir machen ein Selfie!» Erstens: Frag mich bitte vorher. Und zweitens: Nur wenn ich Lust habe.

Also ist das nicht nur eine Ehre?

Ganz oft ist es eine. Wenn ich merke, dass sich jemand für mich als Musiker interessiert, dann freut mich das ausserordentlich. Ich rede gerne über meine Musik mit Leuten. Mühe habe ich dann, wenn man meint, ich sei jetzt so ein bisschen Allgemeingut und gehöre allen.

Damit müssen Sie wohl leben. Das Berühmtsein hat sicher auch gute Seiten.

Ja, wenn ich so gratis den Queen-Film schauen kann, ist das cool. Ich achte aber darauf, dass ich eher knapp gehe, so entkommt man dem «roten Teppich». Sonst ist man am Ende vor allem wegen seiner Prominenz prominent. Das will ich nicht.

Wohnen Sie deshalb in einer Stadt?

Ich wohne schon seit zehn Jahren in einer Stadt. Mittlerweile in Zürich. Da kennt mich zum Glück eh fast niemand. (Lacht.)

Warum in Zürich?

Es war ein Entscheid für meine Frau, die da arbeitet. Ich selber bin auch viel da für Proben und Sitzungen. In Luzern bin ich aber zum Schreiben, Musizieren, Arbeiten, einfach mehr unter der Woche.

Ganz begeistert klingen Sie nicht.

Nein. Wir haben auch immer gesagt, dass wir jetzt erstmals aus pragmatischen Gründen in Zürich bleiben und dann irgendwann mal wieder nach Hause ziehen, also nach Luzern. Die Stadt ist mittlerweile wie ein Daheim geworden.

Im Booklet zum Album danken Sie der Kontaktbörsen-App Tinder. Wieso?

Ich danke nicht nur dieser Dating-App, sondern allen Partnerinnen meiner Bandkollegen, da diese Frauen meinen Jungs Energie geben. Da ein paar keine Freundin haben und auf dieser App unterwegs sind, musste ich Tinder halt auch danken.

Ich dachte schon, dass Sie Ihre Frau so kennen gelernt haben.

Nein, wir haben uns noch ganz klassisch offline kennen gelernt.

Sie haben letzten Sommer geheiratet. Warum heiratet man noch?

Das ist wohl der konservative Teil in mir. Ich finde das schön. Für uns war eh klar, dass wir vorhaben, lange zusammenzubleiben, da konnten wir auch gleich heiraten. Ich finde den Gedanken schön, dass wir so zusammengehören. Wir wollen auch nicht erst aus pragmatischen Gründen heiraten, wenn ein Kind unterwegs ist. So konnte meine Frau auch voll feiern und Alkohol trinken.

Dafür warten nach einer Heirat jetzt alle auf die Kinder.

Dann sollen sie warten. (Lacht.) Ich habe immer offen gesagt, dass ich mal Kinder möchte. Ob es am Ende klappt, kann man aber nie sagen.

Als Musiker von der Musik zu leben, wird dank Streams immer schwieriger. Wie erleben Sie das?

Als üblen Teufelskreis. Wenn ein Jugendlicher auswählen kann, ob er sein knappes Sackgeld für ein Album ausgeben soll oder dieses einfach gratis auf einer Plattform anhört, ist die Wahl doch komplett nachvollziehbar. Was mich wirklich wütend macht, ist die Tatsache, dass das Geld einfach in die grossen Konzerne fliesst. Google und Spotify verdienen sich dumm und dämlich, während ich mir für meine Streams kaum etwas kaufen kann.

Freut es Sie, wenn eine Guuggenmusig Ihren Song spielt, oder denkt man da eher «bitte nicht»?

Das ist doch eine Ehre. Früher war ich Fan von gewissen Guuggen, heute spielen die einen Song von mir.