John Coltrane, der grosse Saxofonist und Erneuerer, ist vor mehr als 50 Jahren gestorben. Das Erstaunliche: Seine Musik hat auch nach so langer Zeit kein bisschen Staub angesetzt. Das gilt auch für die lange verschollenen Aufnahmen aus dem Jahr 1963, die jetzt veröffentlicht werden (siehe nebenstehende Seite W6).

Coltrane ist sogar aktueller denn je: In einem Jazz-Special des soeben erschienenen Popmagazins «Musikexpress» ist Coltranes spirituelles Werk «A Love Supreme» aus dem Jahr 1965 zum besten Jazzalbum aller Zeiten gewählt worden. Dazu ist auf dem Cover der amerikanische Saxofonist Kamasi Washington abgebildet, der interessanterweise vor allem von der Popgemeinde als neuer Jazzmessias gefeiert wird. Dabei macht er nicht viel anderes, als den Coltrane der 60er-Jahre zu reproduzieren. Das sind Gründe genug, um das Original, John Coltrane, in Erinnerung zu rufen. In dieser Playlist werden seine besten, einflussreichsten und schönsten Stücke gewürdigt.

«Giant Steps» ist Höhepunkt und Endpunkt zugleich. Das rasend schnelle Stück ist gespickt mit ständigen Harmoniewechseln. Mehr geht nicht. In der Folge wendet sich Coltrane aber nichtwestlichen Musikkulturen und modalen Skalen zu. Wie etwa auf «India», mit Eric Dolphy, oder «My Favorite Things», in dem er das orientalisch klingende Sopransax im modernen Jazz einführt. Das Stück, auch als Single auf zwei Seiten veröffentlicht, wurde zu einem Radio-Hit und blieb bis zuletzt im Live-Repertoire von Coltrane. Es wurde unzählige Male dokumentiert und zeigt auf faszinierende Weise, wie sich das Spiel Coltranes in nur wenigen Jahren veränderte. In einer 57-minütigen Live-Version aus Japan zum Beispiel spielt Coltrane das Thema erst nach über 25 Minuten.

Coltranes Spiel wird von Kritikern in jener Zeit als aggressiv, wütend und hässlich beschrieben. Das Gegenteil bewies er 1963 in den Aufnahmen mit Duke Ellington und dem Sänger Johnny Hartman. Sie blieben die Ausnahme. Stattdessen suchte er nach einer neuen Intensität und Spiritualität wie in der berühmten Suite «A Love Supreme». Sein Spiel wurde freier, ekstatischer und erreichte in der Kollektiv-Improvisation «Ascension» den Höhepunkt.

Giant Steps (1960)

My Favorite Things (1961)

My Favorite Things (1966, live in Japan, mit Pharoah Sanders)

India (1961, live at the Village Vanguard, mit Eric Dolphy)
In A Sentimental Mood (1963 mit Duke Ellington)
My One And Only Love (1963, mit Johnny Hartman)
A Love Supreme (1965)
Ascension (1966 mit Pharoah Sanders, Archie Shepp, Freddie Hubbard u. a.)


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