Musical
Licht und Schatten einer Legende: Evita kehrt auf die Bühne zurück

Die Faszination für das Kultmusical «Evita» von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice hält an – nun wird es in einer Neuinszenierung in Zürich und Basel gespielt.

Elisabeth Feller
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Pamela Raith

Ein bisschen ungläubig blickt es ins Publikum, das ihm an der Premiere im Deutschen Theater München eine Standing Ovation beschert. Dabei ist das zuvor im Londoner Westend auftretende, danach auf dem Kontinent tourende «Evita»-Ensemble wahrlich erfolgsgewöhnt. Dennoch: Blumen in den argentinischen Nationalfarben «und eine derart grosse Aufmerksamkeit gegenüber unserer Inszenierung, wie wir sie hier erleben» überraschen und beglücken selbst den erfahrenen Dirigenten David Harrison-Steadman.

So wie er loben anderntags auch Emma Hatton (Evita) und Gian Marco Schiaretti (Che) ein Publikum, das ein fast 40 Jahre altes Musical neu entdeckt: «Evita» von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Libretto) – für David Harrison-Steadman «eines von drei Musicals, die ich nie im Leben vergessen würde» (die anderen zwei sind «The Sound of Music» von Rodgers & Hammerstein und «A Little Night Music» von Stephen Sondheim).

Noch immer, so der Dirigent, erstaune ihn, wie jung das Team Webber/Rice gewesen sei, als es sich in den Siebzigerjahren förmlich auf eine Figur gestürzt habe, deren schillernder Charakter noch immer zu reden gebe: Eva Perón. Als diese 1953, mit 33, an Krebs starb, trauerte ganz Argentinien. Vor allem die Armen liebten die uneheliche Tochter aus der Provinz, die es zur glamourösen Präsidentengattin gebracht hatte. An der Seite von Diktator Juan Perón beschenkte Evita die Schwachen und erkämpfte das Frauenwahlrecht.

Moralisch oder unmoralisch?

Aber: Die argentinische First Lady wurde nicht nur geliebt, sondern auch gehasst – über ihren Tod hinaus. «Ist Evita moralisch oder unmoralisch?», fragt sich Emma Hatton. «Jedenfalls ist sie ein faszinierender Charakter. Einiges bewundere ich an dieser Frau, anderes nicht. Aber es ist doch so: Keiner von uns ist nur gut oder nur schlecht. Wir alle haben Licht und Schatten.»

Evita – welch ein Stoff für die Bühne! Aber würde sich dieser als Musical mit politisch gefärbtem Einschlag bewähren? Webber und Rice waren überzeugt; vorausgesetzt, sie würden Evita nicht verklären, sondern die Gesichter einer widersprüchlichen Frau zeigen, die all dies war: Träumerin, Schauspielerin, Karrieristin, politische Strippenzieherin, Wohltäterin, Hoffnungsträgerin und – ja, selbst dies: Liebende.

Im Juni 1978 wurde das Musical unter der Regie von Harold Prince in London uraufgeführt – und danach weltweit gespielt. «Evita» gilt längst als Klassiker, der immer neue Generationen packt – und das nicht nur, weil Evitas «Don’t Cry for Me Argentina» ein Ohrwurm ist, der den Griff zum Taschentuch zwingend macht. Ist der Schlüsselsong deswegen kitschig? Nein, denn Webber und Rice lassen das Publikum nicht ausschliesslich in Emotionen baden, sondern lassen es permanent darüber rätseln, ob Evitas Worte aufrichtig gemeint oder vorgetäuscht sind.

Keine Wünsche offengelassen

Webber und Rice spielen mit den Zuschauern; lassen diese mit Evita sympathisieren oder auch nicht: Immer dann, wenn einer in Uniform die Szenen kritisch begleitet und Evitas echte oder unechte Gefühle bissig kommentiert – Che (Guevara).

Mit der Einführung einer zweiten Kultfigur ist dem Team Webber/Rice ein genialer Kunstkniff gelungen. Dass die Dramaturgie des vielschichtigen Stationendramas nun auch in der Neuinszenierung von Bob Tomson und Bill Kenwright ihre Wirkung entfaltet, verwundert nicht.

Die Aufführung lässt keine Wünsche offen: Das Ensemble setzt mit atemberaubender Präzision eine Bilderfolge um, die bei allem bühnenbildnerischen Aufwand in den farbenprächtigen Gesellschafts- und Tanzszenen ihren Fokus mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Begegnungen zwischen Evita und Che richtet. Alles nur Kalkül, sagt einem der Kopf, aber gleichwohl hat man am Ende, bei Evitas letzter Rede, einen Kloss im Hals.

«Ich kann mir diese Szene fast nicht anschauen, weil Emma sie so berührend spielt», bekennt Che-Darsteller Gian Marco Schiaretti und bringt nach einer kleinen Pause auf den Punkt, weshalb die auch musikalisch fein austarierte Neuinszenierung derart stimmig ist: «Wir identifizieren uns komplett mit unseren Rollen, denn wir alle wissen: Wir sind Teil einer grossartigen Story.»

Evita, 25.–30. April, Theater 11 in Zürich; 11.–16. Juli, Musical Theater Basel; www.musical.ch

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