Musik

Hurts - Popstars statt Prügelknaben

Die Newcomer greifen stark auf die Musik der 80er-Jahre zurück. (zvg)

Hurts

Die Newcomer greifen stark auf die Musik der 80er-Jahre zurück. (zvg)

Hurts haben sich mit dem Album «Happiness» die Melancholie vom Leib geschrieben. In ihrer Musik greifen die beiden Newcomer stark auf die 80er-Jahre zurück.

Der Sound von Hurts, eine Mischung aus 80er-Jahre-Synthie-Pop und Coldplay, klingt ebenso, wie das Duo auf den PR-Fotos und in seinem Videoclip aussieht – wie aus dem Ei gepellt. Fast zu gut, als dass das tatsächlich auf dem Mist von zwei Newcomern gewachsen sein könnte.

Ein Retortenprodukt der Musikindustrie, antiseptisch und langweilig? Weit gefehlt. Zumindest erweckt das Treffen mit Sänger Theo Hutchcraft und Musiker Adam Anderson in Zürich einen anderen Eindruck. Die Hitparadenstürmer sind zwar höflich und korrekt gekleidet, aber unkompliziert und dankbar für das grosse Interesse, dass ihnen gegenwärtig entgegengebracht wird. Und vor allem haben sie Geschichten zu erzählen, die kein Ghostwriter, sondern nur das Leben schreibt.

Kennen gelernt haben sich die Jungs vor einem Club in Manchester. «Während sich unsere Freunde aus irgendeinem doofen Grund prügelten, standen wir daneben und unterhielten uns über Michael Jackson, Prince und unseren Traum, selbst tolle Songs zu machen», sagt Hutchcraft. «Also mailte mir Adam seine Musik und ich schickte sie mit meinem Gesang zurück.» Schliesslich gründeten die Arbeitslosen die Band Daggers, mit der sie einige Konzerterfahrung sammelten, ehe sie wieder auseinanderfiel. «Weil es zu zweit einfacher ist, Entscheidungen zu treffen», weiss Anderson heute.

Damals kannten sie das Glück eh nur vom Hörensagen. «Wir hielten uns mit Gelegenheitsjobs über Wasser und konnten uns nur einen guten Anzug leisten», erklärt Hutchcraft. «Den trugen wir, um uns einen Rest von Selbstbewusstsein für eine Bewerbung oder den Gang aufs Amt bewahren zu können.»

Glück mit Melancholie

Obwohl die Melancholie auf dem Debütalbum «Happiness» dominiert, leuchtet immer der Funken Hoffnung aus ihren Liedern. Dem opulenten «Stay» und dem fröhlichen «Sunday» hört man gar an, dass sie erst nach der Unterzeichnung des Plattenvertrags geschrieben wurden.

Neben Vereinbarungen über die künftige Beteiligung am Erfolg enthielt er Zusagen über sofort fällige Sachleistungen: neben einer Reise nach Amerika einen neuen Anzug für Hutchcraft und für Anderson eine Manchester-United-Saisonkarte. Nun hat er jedoch kaum Zeit für den Besuch der Spiele seines Lieblingsklubs, aber das haben sie sich selbst eingebrockt.

Ihr grösster Hit «Wonderful Life», mit dem sie im deutschsprachigen Raum die Top 5 eroberten, handelt von einem Familienvater, der auf einer Brücke steht und sich das Leben nehmen will, als ihn eine Frau erblickt, die in ihm den Mann ihrer Träume sieht und ihm wieder die Augen für die Schönheiten des Lebens öffnet. Der Song stammt noch aus ihren Anfängen, als die Trauer überwog und sie kaum Geld besassen, um ihn einzuspielen und ein Clip zu produzieren.

So stellten sie vor ihrem Übungsraum eine Tafel auf: «Tänzerin für Popvideo gesucht. Muss zu einer bestimmten Zeit hier sein und schwarze Kleider tragen.» Hurts warteten sechs Stunden, ehe endlich eine junge Frau auftauchte, die in dem sehr reduzierten Schwarz-Weiss-Clip zu sehen ist, der heute noch im Netz kursiert.

Sie drehten eine Stunde. Dann war sie – ohne Name und Adresse hinterlassen zu haben – verschwunden. «Wir dachten uns nichts dabei, weil wir nicht erwarteten, was das Lied auslöste», erzählt Hutchcraft. «Als wir ein Jahr später einen professionellen Clip drehen konnten, vermochten wir sie nicht mehr ausfindig zu machen, und heute werden wir in jedem Interview nach diesem Girl gefragt.»

Verschwundene Tänzerin

Im neuen Video sind nun mehrere Synchrontänzerinnen und -schwimmerinnen ihr nachgestylt. Das Duo hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie sich eines Tages melden wird, wenn sie in dem abgelegenen nordenglischen Dorf ohne Internet, aus dem sie vielleicht stammt, auch noch von ihrem Hit hört. Dann wollen sie den Clip zur nächsten Auskoppelung aus dem mit potenziellen Singles gespickten Album mit ihr drehen. Ehrlicherweise zählen Hurts zu den Künstlern, die bekennen, dass ihre Ohrwürmer nicht nur sie als Väter haben.

«Den grössten Einfluss hatten Depeche Mode und Tears For Fears, die in Sachen Musikalität, Atmosphäre und Melodien noch immer unerreicht sind», findet Anderson. «Wir haben uns aber auch von Coldplay und der Wall of Sound des legendären Produzenten Phil Spector inspirieren lassen.» Stil beweisen Hurts nichtnurinSachenAnzüge.

Hurts: «Happiness» (Sony Music).
Live: 23.10. Zürich Härterei.

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