Musik

Fast taub, aber tapfer: Rockikone Huey Lewis veröffentlicht ein Album trotz Krankheit am Gehör

Hat die 1980er geprägt: Huey Lewis.

Hat die 1980er geprägt: Huey Lewis.

Huey Lewis hätte ein ungetrübteres Comeback verdient. Doch das Leben ist kein Glückskeks. Die Rockikone der 1980er-Jahre hat nach zwei Jahrzehnten ein formidables und kurzes Album veröffentlicht. Dabei hört er kaum mehr etwas.

Morbus Ménière – die Krankheit, an der Huey Lewis (69) leidet, ist so tückisch wie scheusslich. Es handelt sich um eine Erkrankung des Innenohrs, die zu Schwindel und Übelkeit führt. Und wenn es wirklich ganz schlecht läuft, verliert man sein Gehör. «Es passierte unmittelbar vor einem Konzert in Dallas», erinnert sich Lewis.

Seitdem gebe es gute, schlechte und komplett beschissene Tage, manchmal könne er hören, was die Leute sagen, manchmal nicht, doch statt Musik nehme er nunmehr nur noch eine Art Fiepen wahr.

Die Erwartungen an unser Telefonat mit Huey Lewis sind also nicht sehr hoch. Doch Lewis überrascht. Ein paar Nachfragen hier und da, alles in allem indes scheint er seinen Gesprächspartner ganz ordentlich zu verstehen. «Ich gehe nachher ins Fitnessstudio, so wie fast jeden Tag», erzählt er. «Anschliessend werde ich mir etwas zu essen einkaufen.» Kein Koffein mehr, keine Schokolade, dafür möglichst viel Frisches – die Ernährungsumstellung habe auch ihre positiven Seiten.

Singen ist an den meisten Tagen nicht mehr möglich

«Ich bin in wirklich guter Form, sieht man von meinem Gehör ab.» Für Huey Lewis am schlimmsten: An den meisten Tagen ist an Singen nicht zu denken. Livekonzerte sind unmöglich.

Trotz der Widrigkeiten veröffentlicht Huey Lewis mit seinen alten Bandfreunden 19 Jahre nach dem letzten Werk ein neues Album. «Weather» heisst es. Wie das? «Wir sind die Arbeit über die Jahre sehr entspannt angegangen. Kein Mensch hat auch ernsthaft auf neue Musik von uns gewartet.»

Das stimmt jetzt nur so halb. Huey hat die Achtziger mit lässig aus dem Ärmel geschüttelten melodischen Rock-Hits wie «The Power Of Love» (aus dem Film «Zurück in die Zukunft»), «Stuck With You», «I Want A New Drug» oder «Hip To Be Square» mächtig mitgeprägt, insbesondere seine Alben «Sports» und «Fore!» stecken voller Klassiker, insgesamt seien es 19 Top-Ten-Songs in den USA gewesen, weiss Huey, der jetzt geradezu ins Plaudern kommt.

Huey Lewis schweift ein bisschen ab. Schwärmt von seiner grossen Passion, dem Fliegenfischen, der er gerade beim Salzwasserfischen auf Kuba gefrönt habe. «Ich liebe es, draussen zu sein, beim Angeln fühle ich mich Mutter Natur und meiner Spiritualität, meinetwegen nennen wir sie Gott, am nächsten.» Seit er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, sei er umso häufiger an der frischen Luft – Huey lebt auf einer Farm in Montana.

«Weather» besteht krankheitsbedingt nur aus sieben Songs. «Wir wollten zehn machen, doch vorher zerschoss es mir das Gehör.»

Auf den neuen Songs knüpft er gekonnt an die alten Rock-Soul-Blues-Zeiten der Band an. «Her Love Is Killin’ Me» klingt nicht nur wie früher, sondern ist tatsächlich auch schon 25 Jahre alt. «I Am There For You» ist eine hübsche Ballade, «One Of The Boys» flirtet mit Country-Einflüssen. Besonders berührend und zum Heulen schön: «While We’re Young», in dessen Songtext Huey Lewis daran erinnert, das Leben agil bei den Hörnern zu packen, «denn es ist so kurz».

Diese kleine Platte macht Spass. Wenn Lewis und seine Kumpels sich beispielsweise «Pretty Girls Everywhere» widmen, dem alten Boogie-­Soul-Klassiker von Eugene Church aus dem Jahr 1959, hört man das verschmitzte Lächeln und die leichte Selbstironie förmlich durch.

Huey Lewis war keiner dieser arroganten, koksenden 80er-Jahre-Poprocksäcke. Er war immer der Bursche, mit dem man ein Bier trinken wollte. «Ich mag Menschen», sagt er fröhlich.

Trotz allem, so resümiert die Rock-Ikone Lewis, «habe ich nur einen grossen Grund, um frustriert zu sein und viel, viel mehr Gründe, um Glück und Dankbarkeit über dieses Leben zu empfinden.»

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