Wie geht es Ihnen?

Endo Anaconda : Wieder sehr gut. Letztes Jahr hatte ich grosse gesundheitliche Probleme und mir musste die Neben niere entfernt werden. Ich hatte Glück, denn 80 Prozent dieser Tumore sind bösartig, bei mir nicht.

Eigentlich habe ich nicht deshalb gefragt. Auf dem Titelsong des neuen Albums «Böses Alter» tönen Sie so heiser wie noch nie.

Das stimmt. Der Song wurde mitten in einer Influenzaphase aufgenommen und meine Stimme klingt dementsprechend brüchig. Wir fanden dann aber, dass es wunderbar zum Song passt, und haben es so gelassen.

«I werde selber so ne böse alte Maa», singen Sie in «Böses Alter». Wie äussert sich das bei Ihnen?

Mit 57 spürt man schon langsam das Alter und macht sich so seine Gedanken. Entweder mache ich so weiter und riskiere den Totalschaden oder ich ändere mein Leben. Das «böse Alter» ist aber nicht nur direkt auf mich übertragbar, denn auch meine fünfjährige Tochter ist in einem bösen Alter. Als ich ihr kürzlich empfahl, wegen der Kälte die Mütze aufzusetzen, meinte sie: «Such dir doch ein anderes Kind.» Oder auch das Atomkraftwerk Mühleberg ist in einem «bösen Alter». Wobei: Dort bin ich eher Anhänger der Sterbehilfe. Das kannst du nicht mehr reparieren.

Böses Alter hat also mehrere Dimensionen.

Ja, «Böses Alter» ist mehrdeutig und hat eine starke gesellschaftliche Dimension. Ich meine damit aber nicht zuletzt auch unser politisches und wirtschaftliches System, das sich in einem bösen Alter befindet. Auch hier müssen wir uns entscheiden: Systemwechsel oder Totalschaden?

Wie meinen Sie das?

Nach dem Versagen des Kommunismus wird auch das Versagen des Kapitalismus und des Liberalismus offensichtlich. Das Böse wird deutlich, wir befinden uns im bösen Zeitalter. Es herrscht das nackte Chaos und die alten Rezepte wirken nicht mehr. Das Primat der Ökonomie über die Politik kann nicht aufrechterhalten bleiben, weil es zu kurzfristig gedacht ist und es die Lebensbedingungen der meisten Leute nicht verbessern kann. Der Kollaps wird nur noch durch die Ankurbelung der Gelddruckmaschine hinausgeschoben. Die Welt ist aus den Fugen. Doch weil es uns in der Schweiz noch relativ gut geht, merken wir es nicht so stark, dass sich der Planet und mit ihm die menschliche Zivilisation in einem bösen Alter befindet.

Was bedeutet das?

Die Kräfte meiner Generation, also jener, die sich im bösen Alter befinden, reichen nicht aus, um neue gesellschaftliche und kulturelle Perspektiven zu eröffnen. Ich bin aber überzeugt, dass etwas Neues kommen wird, und vertraue auf die kommende Generation. Ich vertraue der Vernunft und der Kreativität der Menschen. Dass aus den besten Komponenten aller Systeme etwas Neues und Besseres entwickelt wird. Aber es wird ein schmerzvoller Weg.

Wo stehen Sie eigentlich politisch?

Weder rechts noch links. Ich bin kein Kommunist. Ich bin nicht gegen Reichtum, aber gegen die Armut.

In Ihrem Album «Geischterbahn», wo Sie die Krise vorweggenommen haben, bewiesen Sie prophetische Fähigkeiten. Gibt es jetzt nicht auch hoffnungsvolle Ansätze?

Die gibt es. Viele haben eingesehen, dass es den ökologischen Wandel braucht. Aber das Kapital ist träge. Die Schweiz hätte die besten Voraussetzungen, um die Nase vorn zu haben. Die Technologie, das Know-how. Doch die bösen Alten lassen die Mühle weiter rattern, bis es knallt. Es braucht jetzt einen mutigen Kapitalismus.

Ein neues Unternehmertum?

Wenn ich einen Nick Hayek oder Peter Spuhler sprechen höre, dann macht mir das Hoffnung. Wir haben kreative Unternehmer, die den ökologischen Umbau angehen könnten. Ich bin überzeugt: Für die Schweiz wäre dieser Weg profitabel und wir könnten unseren Wohlstand halten.

Das Schweizer Forum für Nachhaltigkeit Natur hat sich gerade eben mit mit dem Prix Nature Swisscanto in der Kategorie Hoffnungsträger ausgezeichnet. Auf Ihrem neuen Album wettern Sie gegen die Masslosigkeit und im Song «Chlini Wält» gegen die Rumreiserei der Schweizer. Wo waren denn Sie zuletzt in den Ferien?

In Curaçao. Ich liess mich von der Mutter meiner fünfjährigen Tochter überreden. Sie hatte sich das gewünscht, weil sie gerade ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hatte. Es war schön, aber wie überall. Das ist genau der Punkt: Der Reiseaufwand hat sich nicht gelohnt. Mich stört diese Euphorie für die Reiserei. Mich interessiert das je länger, je weniger, und momentan bin ich vernarrt ins Emmental, wo ich wohne. Es ist reichhaltig und eine einmalige Einheit von Geschmack, Kultur und Architektur. Mit dem Emmental verbindet mich auch die schönste Zeit meiner Jugend. Dort bin ich gewachsen und dort will ich zu Boden.

Ist das Emmental nicht etwas Klischeeschweiz?

Nein, das finde ich nicht. Boden und Wasser waren bei diesen Bauern über 700 Jahre gut aufgehoben. Diese Strukturen sollte man versuchen zu erhalten. In dieser Beziehung bin ich SVP-nahe. Die schlimmsten Auswüchse der Globalisierung muss man bekämpfen. Diese Bauern stehen für eine unerreichte Qualität. Dazu sollte die Schweiz schauen, dass sie sich selbst ernähren könnte.

Weshalb?

Wir haben immer das Gefühl, dass alles sicher ist. Doch wenn die EU auseinanderbricht, gibt es eine Kriegsgefahr.

Das ist ein Votum für die Schweizer Armee.

Ich bin gegen die Abschaffung der Schweizer Armee und für das Gewaltmonopol des Staates. Das ist eine zivilisatorische Erkenntnis. Die Armee muss sich aber der Bedrohungssituation schneller anpassen und friedensstiftende Massnahmen stärken.

Sie schreiben den Titelsong für einen Film von Viktor Giacobbo über das Verhältnis Schweiz - Deutschland. Ist «Gränze» dieser Song?

Ich habe verschiedene Vorschläge gemacht. Mein persönlicher Favorit ist aber «Gränze».

Und wie sehen Sie diese Beziehung?

Uns verbindet eine Hass-Liebe. Die Deutschen haben uns im Zweiten Weltkrieg bedroht und wollten einmarschieren. Zum Äussersten kam es glücklicherweise nicht, aber jetzt sind sie trotzdem da. Das weckt ungute Gefühle in uns, aber eigentlich können wir froh sein, dass sie da sind. Wir brauchen sie, kulturell sind sie verwandt und integrieren sich ohne Probleme. Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Wir brauchen die Deutschen und auch die ungeliebten Ics, weil die Schweiz am Veraltern ist. Wir brauchen sie, um unser Sozialsystem am Leben und unsere Wirtschaft in Schwung zu halten.

Apropos Deutschland. Sie beginnen Ihre Tour in Deutschland. Planen Sie eine Deutschland-Offensive?

Nein, wir pflegen ein paar ausgewählte Orte, aber unsere Deutschland-Karriere stagniert. Dafür läuft es im Vorarlberg sehr gut. Aber ich bin sowieso nicht von Ehrgeiz zerfressen, und eigentlich finde ich, dass ich schon genug berühmt bin. Ich will auch nichts besitzen, mich stört es aber, wenn ich meine Rechnungen nicht bezahlen kann.

Wie das?

Ich habe Probleme mit den Steuern, weil ich einmal zu viel und einmal zu wenig verdient habe. Deshalb bin ich zurzeit illiquid. Ich habe keine zweite Säule, aber eine Viertelmillion in der gebundenen Vorsorge 3A. Ich bräuchte das Geld jetzt, muss aber warten, bis ich 60 Jahre alt bin. Wenn ich Geld hätte, würde ich es in die Matratze einnähen.

Wie sieht es mit der Pension aus?

Als Musiker werde ich nie in den Ruhestand gehen und spiele und schreibe, solange ich kann. Ich zahle AHV aus Solidarität, aber nicht für mich. Mit meinen Alimenten für meine drei Kinder wird mir eh nichts bleiben. Aber ich nehme sowieso nicht an, dass ich ein biblisches Alter erreichen werde.

Salvado Dali sagte: «Das grösste Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazugehört.» Der Spruch steht im Booklet. Möchten Sie noch einmal jung sein?

Nein, und schon gar nicht heute. Die heutige Jugend hat es viel schwerer. Schon auf der Sekundarstufe muss man sich für eine Berufsrichtung entscheiden. Sie haben gar keine Zeit, herauszufinden, was das Richtige ist. Sie erben ganz viele Probleme von uns. Die Euphorie der Moderne hat ganz grosse Brüche erhalten. Unsere Zeit war viel einfacher. Wir hatten einen klaren Gegner.

Wen?

Die 50er-Jahre waren kulturell so wie Pjöngjang heute. Man kämpfte gegen die verstockten Konservativen. Die 68er- und 80er-Rebellionen haben in unserer Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen. Die Gesellschaft ist toleranter geworden, die Jugend hat kein eigentliches Feindbild mehr. Das erschwert die Orientierung.

Aber jetzt regt sich bei Jugendlichen doch wieder Widerstand?

Viele Jugendliche können sich die teuren Clubs gar nicht leisten. Deshalb kaufen sie ihr Bier am Bahnhof und nehmen sich den Freiraum für ihre Party. Sie wollen ihre Party und ich finde, sie haben ein Recht darauf, sich zu treffen, zu tanzen und zu feiern. Es ist eine Frechheit, ihnen dieses Recht zu verweigern.

Patent Ochsner spielten an dieser grossen Demo im letzten Jahr. Waren Sie auch dabei?

Nein, aber man kann auch etwas unterstützen, ohne dabei zu sein. Ich merke einfach, dass mir das nicht mehr guttut. Meine Erholungsphase nach einer durchzechten Nacht geht eine Woche.

Auf «Toti Sigarette» beschreiben Sie eine solche durchzechte Nacht.

Wobei das natürlich ein sehr überspitztes Szenario ist. Wenn ich heute auf Tour bin, bin ich nur damit beschäftigt. Da hat gar nicht viel mehr Platz. Ich will genug schlafen, um fit zu sein. Das Touren ist bei uns sehr intensiv, weil wir alles selber machen. Wir fahren selber, laden selber ein und aus. Stellen das Equipment selber auf die Bühne, machen Soundcheck. Abrechnung, CD-Verkauf. Ein Konzert ist nicht nur ein Konzert. Das bedeutet eine Präsenzzeit zwischen zwölf und sechzehn Stunden. Und wenn ich heimkomme, ist es fünf Uhr am Morgen. Aber wir wollen das genau so. Und ich bin froh, dass ich etwas mache, das mir Spass macht.

Haben Sie Ihren Lebenswandel dem zunehmenden Alter angepasst?

Heute lasse ich einfach gewisse Dinge aus, von denen ich weiss, dass sie mir nicht guttun.

Was denn?

Ich trinke nicht mehr so viel. Respektive, ich setze den Alkohol bewusster ein. Nach einem Glas Whiskey hab ich in der Regel genug. Marihuana rauche ich nur noch ab und zu. Ich bin eindeutig ruhiger geworden und habe nicht mehr das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich schlafen gehe. Ich habe schon zu viel erlebt. Ich suche heute mehr Qualität statt Quantität, auch beim Essen. Nur das Beste, aber nicht zu viel.

Wie stehts mit dem Rauchen?

Das ist mein letztes Ziel. Aber ich versuche das schon seit zwanzig Jahren. Erfolglos. Ich träume davon, ein MonteCristo-Raucher zu werden. Nur eine pro Woche, aber eine ganz dicke.

Auf dem Album beziehen Sie sich einige Male auf Ihre Jugendzeit. Wie war sie?

Die Jugend wird als die unbeschwerte Zeit bezeichnet. Bei mir war das nicht so. Ich hatte eine schwere und konfliktreiche Jugend in Österreich und habe viele Blessuren davongetragen. Ich habe nur überlebt, weil ich leidenschaftlich war. Die Jugend lässt sich nur ertragen mit grosser Leidenschaft und das Alter mit grossem Humor. Diese Leidenschaft konnte ich bis heute bewahren. Dagegen glaube ich, dass ich nie wirklich jung war. Erst mit 35 Jahren begann ich mit der Musik, und sie gab mir eine Ahnung davon. Als mir dann endlich klar wurde, was Jugend sein könnte, war sie schon vorbei. Heute rufe ich: Geniesst das Alter, es geht viel länger als die Jugend. Das Alter ist nicht das Ende.

Sie preisen das Alter?

Jedes Alter hat seine guten und schlechten Seiten. Heute wird die Jugend glorifiziert und das Alter wird verboten. Es ist paradox: Unsere Gesellschaft wird älter, gleichzeitig wird das Alter zu einem Tabu. Wir dürfen nicht mehr würdevoll altern. Früher war man mit 50 schon alt und lief am Stock, heute wird erwartet, dass man bis 70 voll leistungsfähig bleibt. Das Alter wird dem Jugendlichkeitswahn geopfert, dabei sind mit dem Alter auch Werte verbunden wie Erfahrung und Weisheit. Ein Ältestenrat würde der Schweiz guttun.

Live: Einstein Aarau, 21. 3., 19.30 Uhr. Eintritt gratis

24. 3. Bern, Bierhübeli; 29. 3. Zürich, Rote Fabrik. Weitere Konzert e www.stillerhas.ch und www.facebook.com/StillerHas