Nackt sitzt Lizzo auf dem Cover von «Cuz I Love You», splitterfasernackt, bedeckt nur von ihrem – praktischerweise sowieso bis zum Hintern reichenden – Haar. Das muss man sich erst mal trauen, oder Lizzo? «Ach, ich bin gern nackt. Wenn es nach mir ginge, würde ich mich noch viel häufiger in der Öffentlichkeit ausziehen. Ich finde, mein Körper sieht cool aus, ich liebe meine dunkle Haut, und überhaupt ist Nacktheit der beste Stylingtipp, den es gibt.»

30 Jahre ist Melissa Jefferson, wie Lizzo mit bürgerlichem Namen heisst, nun alt, und die meiste Zeit ihres Lebens wurde ihr eingetrichtert, dass nichts cool sei an ihr. Übergewichtig, schwarz, mit nicht eindeutig definierter Sexualpräferenz, Frau – ihr Umfeld reagierte viel zu oft nicht besonders positiv auf Lizzo. «In der Schule wurde ich als fettarschiges Mädchen beschimpft und von den anderen gemobbt. Für ein Kind ist das schlimm. Ich war noch zu jung, um mich wirklich zu wehren und zu behaupten. Aber nach und nach stiegen in mir die Lust und der Wunsch, mich selbst zu mögen, mich gern zu haben. Ich hatte es einfach satt, mich selbst runterzumachen und doof zu finden. Meine Songs spiegeln diese Geschichte und meine Entwicklung wider. Sie sind mein Manifest der Stärke.»

«Wir schwarzen Frauen übernehmen»

Wir sprechen mit Lizzo am Telefon. Sie ist in Austin, nicht weit entfernt von ihrem Geburtsort Houston, und verbringt den Vormittag eines raren freien Tages im Bett. Ein leichtes Krächzen ist zu vernehmen («Ich will mich heute ein wenig schonen») und hin und wieder ein ausgiebiges Gähnen. Aber Lizzo ist Profi, sie spricht gern, und so schickt sie ihre freundlich-verbindlichen, nicht selten druckreifen Statements durch den Hörer. «Ich sage es dir jetzt: Wir schwarzen Frauen übernehmen. Lange genug sind wir gegängelt und bevormundet und nicht ernst genommen worden.»

«Cuz I Love You» ist zwar schon das dritte Album von Lizzo, jedoch sei es das erste, mit dem sie sich zu hundert Prozent identifiziere. Schon «Juice», die erste Vorabsingle, begeisterte mit origineller 80er-Jahre-Pop-Instrumentierung und einem selbstironischen Aerobic-Video. Ob ein Stück Pop oder Soul, R ’n’ B oder Hip-Hop ist, sei ihr egal. «Was soll ich mit Genres? So denke ich nicht. Ein Song ist für mich geil, wenn er mich berührt.» «Cuz I Love You», das Titellied, ist eine epische Powerballade, die nach früher klingt, nach Aretha Franklin, Amy Winehouse oder Janis Joplin, in jedem Fall extrem und nicht so schnell aus dem Kopf zu bekommen.

Lizzo singt sich um Kopf und Kragen. «Für mich ist ‹Cuz I Love You› einer der gefühlvollsten, einzigartigsten und ehrlichsten Songs, die ich je geschrieben habe. Ach was! Das ist einer der einzigartigsten Songs, die überhaupt jemals von irgendwem geschrieben wurden.»

Mit dem Rappen begann sie früh. Mit 14 gründet sie eine Mädchen-Rap-Combo, dann noch eine, dann eine R-’n’-B-Girl-Group, immer ohne kommerzielle Resonanz. Sie liebt Missy Elliott. Insofern ist Lizzo unendlich stolz, dass die Rap-Legende auf ihrem Stück «Tempo» dabei ist. «Missy ist die Legende meines Lebens. Sie hatte Lust, mit mir ins Studio zu gehen und sich anzuhören, was ich zu sagen habe. Das war einer der glücklichsten Tage meines Lebens.» Nicht abwegig, dass Lizzo bald schon einen ähnlichen Status hat wie die grosse Kollegin. Für das Wirtschaftsmagazin «Forbes» gilt Lizzo schon jetzt als einer der 30 einflussreichsten Menschen unter 30.