Zofingen

Ein durchzogener Jahrgang: Heitere kommerziell Top, musikalisch durchzogen

Das 27. Heitere Open Air war ausverkauft, vermisst wurde aber der grosse Überflieger, wie es noch vor wenigen Jahren etwa der Belgier Stromae war. So glich sich das Gebotene dem Wetter an: Es war durchzogen, mal trüb und garstig, da und dort gab es Lichtblicke, aber das strahlende Highlight fehlte bis zum Schluss.

Mit dem stimmungsvollen Auftritt des deutschen Sängers Andreas Bourani ging am Sonntagabend die 27. Ausgabe des Heitere Open Airs zu Ende. Kommerziell waren die drei Tage schon lange im Voraus ein Erfolg. Wie eigentlich immer in den letzten Jahren war das Festival ausverkauft. Von Freitag bis Sonntag je 12'000 Zuschauer und in der ganzen Heitere-Woche 58 200 (Di: 7700, Mi: 6500; Do: 8000; Fr bis So: je 12'000) pilgerten auf den Zofinger Hausberg.

Musikalisch vermisste man aber den wirklichen Überflieger, wie es noch vor wenigen Jahren etwa der Belgier Stromae war. So glich sich das Gebotene dem Wetter an: Es war durchzogen, mal trüb und garstig, da und dort gab es Lichtblicke, aber das strahlende Highlight fehlte bis zum Schluss.

Die deutsche Band Silbermond mit Sängerin Stefanie Kloss, der Headliner am Samstag, machte ihre Sache gut – sehr sympathisch und professionell, aber auch nicht mehr. Die Combo ist nicht mehr so angesagt wie auch schon. Ihre letzte Platz-1- und gleichzeitig Top-Ten-Single «Irgendwas bleibt» liegt doch schon acht Jahre zurück. Aber das Heitere-Publikum ist treu. Ihre früheren Auftritte sind noch in bester Erinnerung.

So hatte die Band die Schweizer schnell im Griff. Silbermond sind seit ihrem letzten «Heitere»-Besuch eindeutig rockiger geworden, ohne aber die leisen Töne zu vernachlässigen. Dem Publikum gefiel es, zumindest bis in die Hälfte des Platzes hinein. Dahinter war eher Small- oder Alkohol-Talk angesagt.

Nervöser Kuno Lauener

Einen eher durchzogenen Eindruck hinterliess Züri West, der Headliner vom Freitag. Die erneuerte Band lässt keine Wünsche offen, klingt wieder rockiger als zuletzt. Doch der sonst so coole Bandleader Kuno Lauener wirkte eigenartig nervös und fahrig. Vielleicht, weil die Band schon bei ihrem Heimspiel auf dem Berner Gurten nicht so gut ankam wie üblich. Aber es ist eindeutig: Im intimen Rahmen von Clubs kommt die Stärke von Züri West besser zur Geltung als auf den grossen Bühnen der Festivals.

Interessante Ansätze zeigte die französische Sängerin Jain. Electronica und Dance mischt sie mit afrikanischen und karibischen Rhythmen. Das ist spannend. Schade nur, dass die plumpe und überlaute Bassdrum die Nuancen der Musik wie auch den Gesang auf weite Strecken zudeckte.

Positive Eindrücke hinterliessen in Zofingen auch die Thuner Pop-Rock-Band The Souls, Dabu Fantastic und vor allem Yokko. Die aargauisch-bernerische Band um den charismatischen Sänger Adrian Erne entwickelt sich zu einer vielversprechenden Liveband. Neu ohne Keyboarder klingt die Band transparenter, ohne den typisch flächigen Sound zu vernachlässigen.

Gespannt konnte man auf den Auftritt von Marc Amacher sein, der im Aargau erstmals mit Band auftrat. Die Musiker sind tadellos, kommen aber noch zu wenig zur Geltung. Die Musik des Anarcho- und Rabauken-Bluesers hat durchaus seinen Reiz. Die Songs mögen aber nicht zu überzeugen, und die Stimme Amachers ist zwar markant, aber auf die Länge eines Konzertes zu wenig variantenreich.

Icona Pop grandios gescheitert

Peinlich war der Auftritt des schwedische Elektropop-Duos Icona Pop. Was auf Konserve ganz passabel klingt, wurde auf der Bühne zum Fiasko. Die beiden Sängerinnen Aino Jawo und Caroline Hjelt trafen kaum einen Ton und scheiterten grandios. Schade, denn der Mix aus Euro Dance und Technopop hätte durchaus das Potenzial, die Fans für eine fette Party aus der alkoholischen Lethargie hervorzuholen. Aber wenn es dann dermassen schräg aus den Boxen quietscht und auch die Choreografie aus dem Ruder läuft, ist der Auftritt definitiv verloren. Da können auch Lichtshow und sexy Outfit nichts mehr daran ändern.

Getoppt, im negativen Sinn, wurde Icona Pop nur noch von den deutschen Aggro-Rappern K.I.Z., die auch auf dem Heitere konsequent die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Einfach nur ärgerlich. Indiskutabel. Bitte nicht!

So mussten am Samstag die beiden Retro-Bands Vintage Trouble und Rival Sons die Kohlen musikalisch aus dem Feuer holen. Die kalifornische Band um den Sänger Ray Buchanan ist die grosse Hoffnungsträgerin der angeschlagenen Rockmusik. Auf dem Heitere bietet sie alles, was gute Rockmusik ausmacht: Energie, Kraft, tolle Riffs und leidenschaftliche Interpretation und Performance. Ähnliches gilt auch für Vintage Trouble, die in ihren rockigen Sound noch Soul und ein Stück James Brown mischt. Noch vor einem Jahr in Montreux hat sich der begnadete Sänger zu stark auf die Animation verlegt. Jetzt hat er sich zum Glück wieder auf seine Stärken besonnen: Auf das Singen und Performen.

Pegasus in neuer Formation

Am Sonntag kam dann endlich die Sonne, auf die die Besucher so lange gewartet hatten. Die famose Bläser-Combo Traktorkestar brachte das Publikum schon am Morgen in Stimmung. Davon konnten danach auch die Schweizer Rapper Nemo, Manillio und Lo & Leduc profitieren. Die Bieler Band Pegasus folgte und präsentierte sich in neuer Formation mit dem Gitarristen Martin Deplazes. Grosse Unterschiede waren aber nicht festzustellen. Die Band lebt vor allem vom lockeren Auftreten von Frontmann Noah Veraguth, der galant und charmant durch das Set führte. Happy End in der durchzogenen Heitere-Woche. (ZT)

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