Orgelfestival
«Der Hörer fühlt sich wie auf einer Achterbahn»

Heute beginnt das 2. Basler Orgelfestival. Tobias Lindner und Dominik Sackmann sagen, welche Akustik Organisten brauchen.

Jenny Berg
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Ein Herz für Reger: Musikwissenschaftler Dominik Sackmann (li.) und Organist Tobias Lindner.

Ein Herz für Reger: Musikwissenschaftler Dominik Sackmann (li.) und Organist Tobias Lindner.

Roland Schmid

Die Orgel bereichert nicht nur den Gottesdienst — sondern ist auch ein veritables Konzertinstrument. In den kommenden zwei Wochen ist dies im 24-Stunden-Takt zu erleben: in den täglichen Konzerten des 2. Basler Orgelfestivals. Tobias Lindner, Organist an der Franziskuskirche in Riehen und Professor für Orgel an der Schola Cantorum Basiliensis, und Dominik Sackmann, Professor für musikwissenschaftliche Fächer an der Zürcher Hochschule der Künste und Organist der katholischen Kirchgemeinde Schönenbuch, erklären im Interview, welche Akustik eine Orgel zum Klingen bringt.

Welche Akustik hat das Basler Münster aus Sicht eines Organisten?

Tobias Lindner: Eine recht komplexe Akustik. Der Hall ist lang, aber der Sandstein lässt die Strukturen sehr deutlich hervortreten. Der Spieler muss extrem genau vorbereitet sein.

Welche Basler Kirche hat denn für Organisten die beste Akustik?

Lindner: Die Heiliggeistkirche. Sie hat den tragfähigsten Hall.

In diesem Jahr steht Max Reger im Zentrum des Orgelfestivals — ein Name, der nicht allen Klassik-Fans geläufig sind. Wer war Max Reger?

Dominik Sackmann: Es gibt drei wichtige Orgelkomponisten: Bach, Reger und Messiaen. Reger hat eine sehr eigene, neue Klangsprache für die Orgel gefunden. Zudem sind seine Stücke technisch extrem anspruchsvoll. Sein Todestag jährt sich 2016 zum 100. Mal. Und Basel ist eine Reger-Stadt: Er war oft hier; viele seiner Werke wurden in Basel in seinem Beisein aufgeführt, auch viele Kammermusik- und Orchesterwerke.

Lindner: Martin Sander spielt am 13. September in der Paulus-Kirche einige seiner Werke, die einst in Regers Anwesenheit im Münster erklungen sind. «Basel 1903» heisst das Programm.

Und welche Kirche in Basel ist für Regers Musik besonders geeignet?

Sackmann: Man kann seine Musik in ganz verschiedenen Kontexten aufführen. Wichtig für Regers Musik ist, dass der Grundklang durch den Hall getragen wird, und dass trotzdem die Konturen hörbar bleiben.

Und welche Rolle spielt die Orgel?

Sackmann: Eine grosse. Es gibt nur wenige erhaltene romantische Orgeln. Die Orgelbewegung hat in den 1920er- und 1930er-Jahren viele Orgeln herausgerissen oder zu Barockorgeln umgebaut. Manche sind dann zu Kompromissorgeln geworden, die romantische und barocke Elemente enthalten. Wir wollen mit unserem Festival beweisen, dass Max Regers Musik zu interessant ist, um sie nur auf den wenigen erhaltenen romantischen Orgeln zu spielen. Es funktioniert auch auf den Kompromissorgeln sehr gut.

Lindner: Der ideale Ort für Regers Musik neben der Heiliggeistkirche wäre in Basel die Matthäuskirche gewesen. Hier steht eine Walcker-Orgel. Doch sie ist leider nicht Teil unseres Festivals — die Miete dieser Kirche ist für uns unerschwinglich.

Welches Publikum wollen Sie mit Ihrem Festival ansprechen? Gibt es in Basel eine Orgel-Fangemeinde?

Lindner: Ja, in Basel gibt es eine recht eingeschworene Orgel-Fangemeinde. Die Konzertbesucher sind oft Orgel spielende Laien, musikaffine Gottesdienstbesucher. Am liebsten hören sie Bach — daher war auch die erste Ausgabe unseres Orgelfestivals 2014 mit Fokus auf Bach ein voller Erfolg. Nun mit Reger wagen wir etwas Neues. Man muss sich auf seine Musik einlassen.

Was heisst das konkret?

Sackmann: Reger war auch ein Begründer der neuen Musik. An manchen Stellen klingt es bei ihm wie Ligeti, zum Beispiel in seinem op. 73!

Lindner: ... das bei uns am 9. September in der Heiliggeistkirche zu hören sein wird. Reger geht hier in die Extreme, vom vierfachen Piano bis zum vierfachen Forte. Da fühlt sich der Hörer manchmal wie auf einer Achterbahn!

Was ist denn das Highlight in Ihrem Festival?

Lindner: Neben all den vielen Konzerten — das Festival wird ja vom KVOB getragen, vom Verein der Konzertveranstaltenden Organistinnen und Organisten in Basel; es treten also hauptsächlich Basler Musiker auf — ist es für mich das Konzert im Musikautomatenmuseum Seewen am 4. September. Hier hören wir, wie Reger selbst seine Werke spielte und registrierte — auf alten Welte-Mignon-Rollen. Das sind also ganz frühe Aufnahmen. Und ein absoluter Glücksfall ist, dass in Seewen auch die passende Orgel dazu steht, die diese Rollen abspielen kann. So etwas gibt es sonst fast nirgendwo.

2. Basler Orgelfestival: Eröffnung heute im Basler Münster, 19.30 Uhr, mit dem Sinfonieorchester Basel. Täglich Festival-Konzerte bis 14. September.