Konzert
Das 50-Minuten-Solo des einsamen Drummers

Der Bündner Perkussionist Peter Conradin Zumthor spielt in Liestal sein Solostück «Grünschall» und präsentiert seine erste LP.

Mathias Balzer
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Peter Conradin Zumthor präsentiert sein erstes Solo-Album. Bild Marco Hartmann

Peter Conradin Zumthor präsentiert sein erstes Solo-Album. Bild Marco Hartmann

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Peter Conradin Zumthor ist der Sohn von Peter, dem renommierten Architekten. Wie dieser lebt er im bündnerischen Haldenstein. Und wie dieser ist der Sohn drauf und dran von jenem kleinen Dorf aus weit in die Welt auszustrahlen. Peter Conradins Metier ist jedoch die Musik, genauer: die Perkussion. Der 37-Jährige gehört hierzulande zu den Besten seines Fachs.

Als Autodidakt hatte der damals knapp 20-Jährige seine ersten Auftritte mit dem Freejazz-Urgestein Werner Lüdi. Nach der Begegnung mit dessen Hochenergie-Musik gründete Zumthor mit Daniel Sailer und Marc Lardon das Trio Krakatau. Die Schüler standen Meister Lüdi in Sachen Geschwindigkeit nicht nach, in der Lautstärke übertrafen sie ihn. Später hat Zumthor im Zusammenspiel mit Perkussions-Koryphäen wie Fritz Hauser und Lukas Niggli den Feinschliff in Sachen Trommelkunst erlernt.
«Grünschall» heisst nun die erste Solo-LP von Zumthor. «Das Wort stammt aus der Tontechnik», erklärt der Schlagzeuger. «Grünschall steht für eine Aufnahme, die lediglich geschnitten, ansonsten aber unbearbeitet auf den Tonträger kommt. Kein Hall, kein EQ, kein Kompressor.»
Um ohne Hilfe von Aufnahme-Elektronik den guten Sound zu gewährleisten, braucht es einen geeigneten Raum. Zumthor konnte seine Komposition im Studio 1 von Radio SRF in Zürich aufnehmen. «Der Raum ist 30 Jahre alt, hoch, gross, für Orchester gebaut», schwärmt der Schlagzeuger. Die Aufnahme gibt es — passend zur spartanischen Aufnahmetechnik — nur auf Vinyl. Wer die Platte beim Zürcher Label Hiddenbell Records kauft, erhält einen Code, um die Musik herunterzuladen.

Innere Bilder als Stütze

Solos zu spielen ist für jeden Musiker eine Herausforderung, zumal wenn sie 50 Minuten dauern, wie «Grünschall». «Am Anfang macht das schon Angst», gesteht Zumthor. Erstmals ins kalte Wasser für Einzeldrummer wurde er am Festival Origen im bündnerischen Riom geworfen. In einem Luftschutzbunker bestritt er alleine einen Konzertabend, umgeben vom Publikum, das auf Eisenbetten sass. Das Stück hiess «Einsam».
«Kein wirklich guter Titel für eine Platte», meint Zumthor und lacht. Aber das Stück, das er in Riom 14 Mal aufführen konnte, bildet die Basis, für sein neustes Werk. Die Einsamkeit sei als Grundthema geblieben.

Bei seinen Kompositionen folgt Zumthor meist inneren Bildern oder nimmt diese als Stütze. «Das hilft, um sich nicht zu verzetteln.» Da gibt es in seiner Imagination diese riesige Industriehalle, «wie bei Tarkowski», staubig, düster, angefüllt mit einem Grundrauschen. Förderbänder, Maschinen, Lüftungen gehen an und aus. Keiner weiss, ob geplant oder nicht.

Oder dieses Bild: «Ich sitze in einer Zelle mit meinem Schlagzeug. Ich langweile mich, bin ratlos und beginne sinnlose, unzusammenhängende Sachen auszuprobieren, die dann auf einmal zu einem Ganzen heranwachsen. Repetitionen entstehen, türmen sich auf, bilden Schichten, als ob ein weiterer Schlagzeuger hinzugekommen wäre, und noch einer, und noch einer, und noch einer. Bis jeder denkt, es geht nicht noch mehr — und doch geht es.» Wohlgemerkt spielt Zumthor solche Effekte ohne das überall verbreitete Sampling-Gerätchen.

Das Klavier, das langsam den Geist aufgibt

Aber wieso tauft er seine Platte in Liestal? «René Waldhauser von der Klavierwerkstatt dort kennen wir schon länger», sagt Zumthor. Der umtriebige Klavierbauer verwandelt seine Werkstatt regelmässig in einen Konzertraum, wo es zum Nachgang jeweils Suppe gibt. Vera Kappeler, die Basler Pianistin, Zumthors Lebensgefährtin, ist dort bereits aufgetreten. Und kommt diesmal auch mit, wenn auch nur als Filmfigur.
Vor dem eigentlichen Konzert wird in Liestal das Video «Gartenklavier» gezeigt. Darin sieht man Kappeler, wie sie auf einem Piano im Garten Chopin spielt, über Monate hinweg, bei jedem Wetter. Nach und nach gibt das Klavier, das sie von Waldhauser für die Aktion erhielt, den Geist auf. Ein Ton nach dem anderen verstummt. Kappeler spielt aber trotzdem weiter.

Peter Conradin Zumthor: Freitag, 7. April, Klavierwerkstatt René Waldhauser, Hanro-Areal, Liestal. 19.15 Uhr: Kurzfilm «Gartenklavier». 19:45 Uhr: Solokonzert.
«Grünschall», hiddenbellrecords.com.

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