Nachruf
Milchmann, Bodybuilder, Bond-Ikone: Warum Sean Connery auf der Leinwand auf einmal nicht mehr alterte

Er gab James Bond das erste Gesicht. Doch Sean Connery war weit mehr als 007. Eine Reise durch das lange Leben des verstorbenen Filmstars.

Daniel Kothenschulte
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Sean Connery.

Sean Connery.

Keystone

Es ist ein Allgemeinplatz, dass das Kino grösser als das Leben sei. Für ein paar wenige Stars aber lässt sich das tatsächlich behaupten. Wenn sie abtreten, verschwindet etwas aus unserem Leben, das sich nicht ersetzen lässt. Sean Connery war so ein Star.

Seine Karriere begann er in den 1960ern. In einer Epoche, die Männlichkeitsideale zertrümmerte, die mehrere Jahrhunderte und zwei Weltkriege überstanden hatten, verteidigte der Schotte eine fast altmodische Maskulinität. Aber nicht als selbstgefälligen Machismo, sondern als Vermächtnis einer Zeit, als in den Schlössern des Hochlands wohl noch echte Ritterlichkeit herrschte.

Eine Auswahl an Bilder von Sean Connerys Karriere:

1958: Lana Turner und der Sean Connery, aufgenommen in einem Ruderboot während der Dreharbeiten zum Film «Another Place, Another Time».
19 Bilder
1962: Wurde an Connery Seite als Bond-Girl weltberühmt: Die Schweizerin Ursula Andress.
1964: Sean Connery posiert für ein Bild.
1964: Connery bei der Ankunft am Flughafen Zürich. Einige Szenen für den Bond-Film «Goldfinger» wurden im Gotthardgebiet gedreht.
1965: Connery trifft auf der Croisette in Nizza ein und verteilt Autogramme, während eine junge Frau ein Gewehr auf ihn richtet.
1966: Sean Connery steht in der Rolle des Samson Shillitoe im Film «A Fine Madness» auf dem Geländer der Brooklyn Bridge in New York.
1966: Connery bei den Dreharbeiten zum Bond-Film «You only live twice.»
1981: Sean Connery (links) diskutiert bei den Dreharbeiten für den Film «Maiden, Maiden» mit einem Kameramann im Engadin.
1983: Sean Connery als James Bond.
1988: Sean Connery erhält einen Oscar für seine Rolle im Film «The Untouchables.»
2000: Der schottische Schauspieler wird von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.
Sean Connery wird von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.
2001: Sean Connery in «Finding Forester» an der Seite von Rob Brown.
2002: Auch auf dem Golfplatz war Connery anzutreffen.
2003: Sean Connery mit seiner Frau Micheline Roquebrune in Prag.
2003: Sean Connery mit seinen Händen, die voller Gips sind, in der Leicester Square Hall of Fame.
2005: Connery bei einem Spiel des FC Barcelona mit dem damaligen Weltfussballer Ronaldinho.
2006: In Los Angeles erhält Connery einen AFI Life Achievement Award.
2015: Eines der letzten Bilder Connerys in der Öffentlichkeit. Er sitzt beim Tennisturnier US Open in New York im Publikum. Auf dem Platz stehen Roger Federer und Novak Djokovic.

1958: Lana Turner und der Sean Connery, aufgenommen in einem Ruderboot während der Dreharbeiten zum Film «Another Place, Another Time».

Keystone

So reagierte übrigens Daniel Craig, der aktuelle Bond-Darsteller, auf die Todesnachricht von Sean Connery auf Twitter: «Wo auch immer er jetzt ist, ich hoffe, dort gibt es einen Golfplatz.»

Der letzte Ritter unserer Zeit nach dem Schlag durch Elizabeth II

John Hustons Abenteuerfilm «Der Mann, der König sein wollte», ist dafür ein Beispiel. Zwei britische Soldaten im Indien der Kolonialzeit fühlen sich darin zu Höherem geboren. Sie brechen auf in die afghanische Provinz, um dort Könige zu werden. So formuliert es der wortgewandte Michael Caine als der drahtigere der beiden Freunde. Zum König aber krönt man seinen stoischen Begleiter, verkörpert von Sean Connery.

Sean Connery wird von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.

Sean Connery wird von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.

Keystone

Eine unübersehbare Herrschaftlichkeit ging von Sean Connery nicht nur in dieser Rolle aus. Er war der letzte Ritter unserer Zeit – auch wenn er erst im Jahre 2000 offiziell von Königin Elisabeth in diesen Stand erhoben wurde. Tatsächlich war es erst die lange und beschwerliche Flucht aus den offiziellen Diensten ihrer Majestät als Agent 007, der ihn die eigentlichen Höhen seiner Karriere erklimmen liess.

Mit Bond-Fans kann man endlos darüber diskutieren, welcher der Darsteller der beste sei, und besser man versucht gar nicht erst, eine Lanze für einen seiner Nachfolger zu brechen. Connery brachte soviel proletarische Bodenständigkeit ins luxuriöse Ambiente der 007-Welt, dass er nie zu jenem Snob wurde, den Ian Fleming erfunden hatte.

Nur so bewahrte er sich und der Rolle eine Kantigkeit und Härte, die sich im dolce vita leicht in Wohlgefallen auflöst.

Ein ironischer Zug um die Mundwinkel, ein elektrisierendes Spiel der buschigen Augenbrauen, ein jungenhafter Schalk im Nacken – man kann etliche Attribute seines Charmes aufzählen ohne das Geheimnis zu erfassen.

Leinwandpräsenz ist eine Frage der Aura, nicht der Kraftprotzerei. Der schottische Bodybuilding-Meister des Jahres 1950 hatte beste Voraussetzungen für beides.

Vom dritten Platz bei der Mister-Universum-Wahl zum Schauspieler

Einen Silberlöffel fand man jedenfalls nicht in seinem Mund, als er am 25. August 1930 als Sohn einer Putzfrau und eines Arbeiters in Edinburgh zur Welt kam. Er verdingte sich als Milchmann, Lastwagenfahrer und Aktmodell an der Kunstakademie und belegte einen dritten Platz bei der Konkurrenz zum Mister Universum.

Nun stand er vor zwei verlockenden Perspektiven: Dem Profifussball oder der Schauspielerei.

Seine Wahl ist bekannt, er selbst nennt sie eine seiner «intelligenteren Entscheidungen».

Für die erste wichtige Filmrolle entdeckte ihn Walt Disney, der sich gern das Geld für teure Stars sparte, um lieber in die Trickkiste zu investieren. Im Fall von «Das Geheimnis der verwunschenen Höhle/ Darby O’Gill and the Little People» (1959) war das die realistische Darstellung einer Armee winziger schottischer Kobolde, die alles daran setzten, Connery die Schau zu stehlen.

Das sind die Lieblingsfilme der Redaktion mit Sean Connery

Dr. No (1962): Der erste Bond und ein Traumpaar auf der Leinwand: Unvergessen ist die Strandszene in der ersten 007-Verfilmung, als der junge Connery auf sein erstes Bond-Girl trifft, die Schweizerin Ursula Andress.

Goldfinger (1964): Werbeträger für die Schweiz: Immer wieder wurden Bond-Szenen hierzulande gedreht. Neben den Ski-Szenen am Schilthorn ist die Auto-Verfolgungsjagd am Furkapass (im Bild) die vielleicht legendärste.

Highlander (1986): Noch eine Reihe mit Kultstatus: Im Fantasy-Historien-Genremix geht es um einen Unsterblichen im Hier und Jetzt und im schottischen Mittelalter. Schwungvolle Kamerafahrten, und ein Sean Connery im Oriental-Look.

Der Name der Rose: Der Gentleman aus dem Mittelalter: Sean Connery als Franziskanermönch William von Baskerville 1986 im Film von Jean-Jacques Annaud. Grundlage war natürlich Umberto Ecos Romanklassiker.

The Rock (1996): Wem hallt da nicht die Filmmusik nach im Ohr? An der Seite von Nicolas Cage kämpfte Connery auf der Gefängnisinsel Alcatraz gegen die Vernichtung San Franciscos. Der Film, der Actionfans in den 1990ern prägte.

Entrapment (1999): Und wieder ein Traumpaar, nur sind diesmal die Rollen verteilt. Catherine Zeta-Jones heftete sich als Agentin Gin Baker an die Fersen des Meisterdiebs, gespielt von Connery. Sehr vergnüglich und äusserst charmant.

Wer den Streaming-Kanal Disney Plus abonniert hat, kann den Film gerade dort entdecken: Connery vermittelt darin eine Warmherzigkeit, die er bald gegen ein gänzlich gegensätzliches Leinwandimage eintauschen sollte, um es erst viel später in seiner Karriere wieder zuzulassen.

Der lange Versuch, das Bond-Image loszuwerden

1962 suchten die britischen Produzenten Broccoli und Saltzman den idealen Darsteller einer geplanten Filmserie nach den James-Bond-Romanen Ian Flemings. Dass sie Connery die Hauptrolle in «Dr. No» gaben, bereuten sie nie.

Anders als der Schotte, dem die Bond-Manie bald über den Kopf wuchs. Connery wusste, dass mehr in ihm steckte.

Seinen wohl bedeutendsten Film drehte er bereits 1964 unter der strengen Regie Alfred Hitchcocks. Der Thriller «Marnie» zeigt den typischen Connery der sechziger Jahre, einen kühlen, zielstrebigen und überaus attraktiven Mann, der nach seiner eigenen Moral lebt und handelt. Selbst für Hitchcock ist es ein ausgesprochen abgründiger Held, der eine betrügerische Angestellte, in die er sich verliebt hat, zur Ehe erpresst.

Eine Vorliebe für Rollen, die älter waren als er selbst

Denkbar weit gesteckt war Connerys Rollenspektrum ausserhalb der Serie: In John Boormans Science-Fiction-Film «Zardoz» spielte er einen Barbaren in postapokalyptischer Zukunft. In «Der Wind und der Löwe» einen marokkanischen Mullah, der eine amerikanische Familie entführt und dabei aus dem Koran predigt. Jetzt aber geschah etwas Merkwürdiges: Connery wählte bewusst Rollen, die ihn älter aussehen liessen als er tatsächlich war – wie die des gealterten, kampfesmüden Robin Hood in Richard Lesters philosophischem Heldengedocht «Robin und Marian».

Die Folge war, dass er bis zu seinem Rückzug vom Filmgeschäft im Jahre 2005 nicht mehr zu altern schien.

1988 erhielt er einen Oscar für seine Nebenrolle im Thriller «Die Unbestechlichen». Zur selben Zeit gelang Steven Spielberg und George Lucas ein Besetzungscoup, als sie Connery in «Indiana Jones und der letzte Kreuzzug» als Vater von Harrison Ford engagierten. Connery spielte hier so gekonnt mit dem eigenen Image, das die Erinnerung an frühere Heldentaten in der Rolle mitzuschwingen schienen.

Erst nach dem einfallslosen Actionfilm «Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen» zog Connery 2003 die Notbremse. Seinen Rückzug von der Kamera erklärte er mit diesen Worten:

Es wurde einfach immer kostspieliger, die Frustration aufzuwiegen und mich davon abzuhalten, einen Mord zu begehen und im Gefängnis zu landen.

Auch wenn Sean Connery überwiegend in Spanien und auf den Bahamas lebte, unterstützte er die Scottish National Party und warb 2014 für die Abspaltung vom Vereinigten Königreich.

Auf den Bahamas ist Connery am Sonntag, 90-jährig, im Schlaf gestorben.