Das Allerletzte, was Madonna nach einer phänomenalen Karriere mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern verdient hat, ist Mitleid. Doch genau dieser Gefahr setzte sich der Megastar, der in der Ruhmeshalle direkt neben Michael Jackson, Prince, Bruce Springsteen und David Bowie steht, im Mai aus. Mit ihrem als Fiasko empfundenen Gastspiel beim Eurovision Song Contest. Ziemlich wacklig und stimmlich indisponiert wirkte die 60 Jahre alte Sängerin auf der riesigen Bühne in Tel Aviv. Voller Sorge (oder auch Häme) wurde daher Madonnas neues Studioalbum «Madame X» erwartet. Stürzt die «Queen of Pop» mit der angekündigten Ausrichtung auf Latino-Sounds noch tiefer, verliert sie ihre Würde? Oder kann sie sich noch mal neu erfinden?

Madonnas eher dünne Stimme klingt auf der Platte schon mal besser, auch jünger als an diesem vermaledeiten Abend am ESC. Gleich im ersten Song, «Medellín», trifft die Amerikanerin die Töne hell und klar – wenn auch im Studio nachbehandelt. Neben ihr rappt der Kolumbianer Maluma. Man denkt zurück an den Superhit «La Isla Bonita» von 1986 – und schwenkt zum englisch-spanischen Gesangsmix das Cocktailglas. «One, two – cha cha cha» säuselt Madonna zu einem mittelschnellen Beat. Sommerhits kann sie also noch. Doch danach geht es bergab – mit «Dark Ballet», einem von Madonnas Lieblingsstudiohelfer Mirwais produzierten Epos, das viel zu viel auf einmal will. «I can dress like a boy, I can dress like a girl», singt Madonna, als wolle sie ihre einst grenzenlose Allmacht beschwören. Zuerst Ballade, dann Piano-Solo und Pseudo-Klassik, schliesslich eine vermeintlich coole Spoken-Word-Passage – und andauernd diese im heutigen Pop fast schon wieder aus der Mode geratene Stimmenmanipulation per Autotune: Ein kunterbuntes Durcheinander ist dieses «Dark Ballet», unfreiwillig komisch, ja bizarr – und gewiss nicht so modern wie von der Pop-Veteranin mit dem einst zielsicheren Trendbewusstsein erwünscht.

Gut gemeint, aber ...

So richtig erholt sich das unruhige, mit rund einer Stunde Spieldauer auch zu lange Album von diesem Tiefpunkt nicht mehr. «God Control» kombiniert House, Hip-Hop und Streicher, Madonna fordert «Democracy!» – ganz nett und durchaus tanzbar. Auch der beim ESC mit dem jungen Rapper Quavo dargebotene Track «Future» bemüht sich um Bedeutungsschwere, ist mit Reggae-Rhythmus und – leider schon wieder – penetranten Autotune-Vocals jedoch ziemlich altbacken.

Das Latin-Gospel-Stück «Batuka» klingt hübsch exotisch. Im politischen Song «Killers Who Are Partying» geht es etwas wirr um Schwule, Arme und Frauen, Afrika und Islam, Israel und Indianer – Madonna sieht sich auf der Seite der Schwachen, Verfolgten und Unterprivilegierten. Gut gemeint – aber textlich: nun ja ... Mehrere aufwendig produzierte R&B-Balladen und Midtempo-Lieder enthält «Madame X» – da konkurriert die Pop-Veteranin selbstbewusst mit Nachfolgerinnen wie Beyoncé, Rihanna oder Robyn. Auch manche Hinweise auf Madonnas Liebe zu Portugal gibt es in den mehrsprachigen Songs. Doch trotz Klangfarben wie Akkordeon und Orgel kommt vieles auf der zweiten Albumhälfte kaum über Füllmaterial hinaus.

Der Gesamteindruck: Die erfolgreichste, zeitweise auch einflussreichste Musikerin der Pop-Moderne klingt nicht mehr modern – und ihre neue Platte wie ein Dokument der Ziellosigkeit. Ein Totalabsturz ist «Madame X» nicht, und für Platz 1 der Charts vieler Länder wird es wohl wieder reichen. Aber irgendwie ist Madonna in der Pop-Welt von heute nicht mehr hip, sondern ziemlich egal.

Madame X: Madonnas neues Studioalbum.

Madame X: Madonnas neues Studioalbum.