Seine traumhaften Melodien entführten uns in eine Welt voller Elfen, Zauberer und Magie: Howard Shore komponierte die Filmsoundtracks zu «The Lord of the Rings» (2001–2003) und gewann dafür drei Oscars und vier Grammys.

Gestern Abend nahm der 69-jährige Kanadier am Filmfestival in Locarno den Vision Award entgegen — eine Auszeichnung für seine inspirierende Karriere, die Shore einen Tag nach dem anderen angegangen ist.

Howard Shore, komponieren Sie mit dem Kopf oder mit dem Herzen?

Howard Shore: Zuerst mit dem Herzen, dann mit dem Kopf. Ich mag es, mir den Film in einem dunklen Saal anzusehen und mich in die Gefühlswelt des Zuschauers zu versetzen. Diese Emotionen übersetze ich dann zu Melodien. Danach folgt die intellektuelle Arbeit: Ich gehe zusammen mit dem Regisseur Szene für Szene durch, und wir diskutieren, warum es wo welche Musik braucht.

Ihre berühmteste Arbeit ist die Filmmusik für «The Lord of the Rings». Was sind Ihre Erinnerungen an jene Zeit?

Ich hatte Tolkiens Bücher schon als Kind gelesen, war also mit dieser Welt bereits vertraut. Als ich nach Neuseeland reiste und sah, wie Peter Jackson das Land Mittelerde visualisieren wollte, war ich inspiriert. Daheim in New York schrieb ich dann die Hauptmelodie für die Hobbits, es war das erste Stück, das ich für den Film komponierte.

Howard Shore – The Lord of the Rings

Howard Shore – The Lord of the Rings

Besuchten Sie zur Inspiration auch die Filmsets?

Ja – aber: Dieser Blick hinter den Vorhang ist nicht immer nützlich. Wenn du auf dem Set bist, siehst du überall Kabel, das kann die Magie eines Films zerstören. Aber ich ging trotzdem, und zwar, um die Schauspieler zu treffen. Sie sind es, die mich inspirieren. Die Darsteller von Frodo und Sam hatten grossen Einfluss auf meine Arbeit.

Sie setzten für unterschiedliche Figuren auch unterschiedliche Instrumente ein. Die bösen Orks werden beispielsweise von Schlaginstrumenten begleitet. Wie wählen Sie da aus?

Die Orks leben in der Festung Isengart, die symbolisch für die Industrialisierung von Mittelerde steht: Dort werden Stahl und andere Metalle geschmiedet. Also wählte ich als Sound dazu metallene Schlaginstrumente. Wir schlugen auf Ambosse und hauten sogar mit Ketten auf die Innenseite eines Klaviers. Und bei den Ents, den Baumwesen, nutzte ich ausschliesslich Instrumente aus Holz. Die Natur von Mittelerde gab die Farbpalette meiner Musik vor.

Sie haben sich bereits ein Vierteljahrhundert vor «The Lord of the Rings» in der Filmgeschichte verewigt: Als Taufpate der «Blues Brothers»…

Ich war damals der musikalische Leiter von «Saturday Night Live». Bevor es mit der TV-Aufzeichnung losging, machten wir mit der Band jeweils ein Warm-up. Dazu holte ich Dan Aykroyd auf die Bühne, der Mundharmonika spielte, und seinetwegen wollte auch John Belushi mitmachen. Ich stellte sie dem Publikum als die Blues Brothers vor. Das blieb haften.

Sie haben, mit einer Ausnahme, alle Filme von David Cronenberg komponiert, seit über 30 Jahren sind sie ein unzertrennliches Duo. Wie haben sie einander ursprünglich kennen- und schätzengelernt?

Wir sind in Toronto in der gleichen Nachbarschaft aufgewachsen. Er ist etwas älter als ich. Er machte damals schon Amateurfilme, die auf Underground-Festivals gezeigt wurden. Ich war ein Fan. Als er zwölf Jahre später seinen ersten Kinofilm, «The Brood» (1979), drehte, bat ich ihm meine Dienste an. Seither versuchen wir mit jedem unserer 15 gemeinsamen Filme etwas Neues: elektronische Musik, Symphonie-Orchester, Kammermusik, Jazz. So ist alles frisch und aufregend geblieben.

Sind Sie eigentlich Synästhetiker? Sprich: Können Sie Melodien riechen oder in verschiedenen
Farben sehen?

Nun ja, ich denke sehr visuell. Ich komponiere in Bildern.

Hier in Locarno ist alles gelb und schwarz, wie der Leopard. Evoziert das in Ihrem Kopf bereits eine Melodie oder eine Stimmung?

Nein, nein, so funktioniert mein Verstand dann schon nicht. Ich denke zunächst in Schwarzweiss, in Harmonie und Kontrapunkt, und füge dann mit verschiedenen Instrumenten die Farben hinzu. Diese können stark von der Umgebung abhängen, von der Beschaffenheit des Raumes, in dem die Musik aufgeführt wird. Deshalb schreibe ich auch gerne Live-Musik.

Praktisch alle Filme, die Sie komponierten, waren bei den Oscars erfolgreich. «Das Schweigen der Lämmer» (1991) beispielsweise, oder auch der diesjährige Sieger «Spotlight». Ist das Zufall, oder haben Sie ein unheimlich gutes Gespür?

(Lacht.) Ich halte immer nach Filmen Ausschau, die mich bewegen, die ich mir auch selbst ansehen würde. Ich muss eine Verbindung spüren zwischen mir und der Leinwand. Kürzlich habe ich den Soundtrack für den Film «Denial» fertiggestellt, ich denke, auch der kommt gut.

Howard Shore – Spotlight

Howard Shore – Spotlight

Howard Shore, die Arbeit an «The Lord of the Rings» war eine jahrelange Reise. Wie steht man
so etwas eigentlich durch?

Schritt für Schritt. Du darfst nie zu weit vorausblicken. Ich habe Dokumente über Tolkiens eigenen Arbeitsprozess gesehen: Auch er hat seine riesige Welt Stück für Stück aufgebaut. Wenn du zu umfassend denkst, erdrückt dich das. Der Trick ist, Tag für Tag etwas Kleines zu erschaffen.