Literatur
Wenn man aus Liebe zum Hündchen wird

Dem unheimlichen Sog dieser zwei radikalen Liebesromane kann man sich kaum entziehen. Bénédicte Belpois' «Hingabe» und Alma Mahijesens «Ich will kein Hund sein» erzählen vom gefährlichen Trost der Unterwerfung in der Liebe.

Hansruedi Kugler
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In diese Romane stürzt man sich emotional wohl deshalb ganz hinein, weil sie die Sehnsucht der Enttäuschten in eine bedingungslose Hingabe lenken. Für die Hauptfiguren ist das eine äusserst gefährliche Liebeszone und das Gegenteil der emanzipierten Selbstbestimmung - und deshalb eine aufrüttelnde Provokation. Aber wir sind hier weit entfernt von lächerlich softgezeichneten Sadomaso-Schmonzetten wie «Fifty Shades of Grey» mit ihrer flachen Psychologie und peinlichen Werbespot-Ästhetik. Wenn man schon Referenzen benennen will, wird man eher in Leopold von Sacher-Masochs hellsichtigem Klassiker «Venus im Pelz» fündig, dem literarischen Urtext des Liebes-Masochismus aus dem Jahr 1870. Explizite Sexszenen gibt es dort nicht. Hingegen wird darin die gesellschaftliche Tragödie im Geschlechterverhältnis gespiegelt: In einer Gesellschaft, die Frauen gleiche Rechte, Bildung und Arbeit verwehre, könne die Frau dem Mann «nur seine Sklavin oder Despotin sein, nie aber seine Gefährtin», erkennt der masochistische Severin am Ende. So einfach ist die Lösung allerdings nicht und kann auch wieder in ein Dilemma führen, wie diese zwei aktuellen Romane zeigen.

Die Hauptfiguren bei der Französin Bénédicte Belpois und der Holländerin Alma Mathijesen sind zwei junge Frauen in der Gegenwart: Die eine wird wie ein herziges zugelaufenes Hündchen benutzt, verwöhnt und missbraucht. Sie wird zur freiwilligen Sklavin eines Vergewaltigers, aber allmählich zu dessen Partnerin. Die andere lässt sich genetisch in einen Hund verwandeln, um ihrem Ex-Freund wieder nahe zu sein, die Rolle der leidenschaftslosen Gefährtin empfindet sie als Demütigung. Ausgestossene sind sie beide: Sylviane, die jugendliche, zarte, hübsche Ausreisserin aus einem schweizerischen Heim für Lernbehinderte, und Flauf, die 34jährige holländische Schriftstellerin, welche die Trennung von ihrem Ex-Freund, einem Pianisten nicht aushält.

Warum beide Romane auch literarisch funktionieren? Warum man sich dem Sog dieser literarischen Provokationen kaum entziehen kann? Das liegt an der konsequenten Erzählperspektive, an der spannenden Dramaturgie und trotz einiger Klischees am verblüffend-schockierenden Realismus des Erzählten. Denn sowohl bei Mathijesen wie Belpois gibt es keinen allwissenden Erzähler. Man hört den Geplagten zu und ist so immer ganz nahe an den Figuren dran. Das wirkt atemberaubend nicht nur wegen der radikalen psychologischen Dramatik, sondern auch, weil es beiden Autorinnen gelingt, allen ihren Figuren eine eigene, authentische Sprache zu geben.

In «Hingabe» sind es die einfältige Sylviane, die nach Spanien ausgerissen ist, und ihr dortiger «Beschützer», der zornige, 40jährige Grossbauer Tomas, der unheilbar an Krebs erkrankt ist. Bénédicte Belpois lässt Sylviane verträumt, mit einem kindlichen Gemüt und pflichteifrig wie ein Dienstmädchen von ihren Erlebnissen berichten. Sie ist das perfekte Missbrauchsopfer, eine Ausreisserin: «Im Heim war mir immer zu kalt. Ich putzte gern, das beruhigte mich.» Sie ist jung, hübsch, einfältig und nimmt die sexuellen Übergriffe von Männern scheinbar gleichgültig hin: «Der zweite Typ war aus Holland, er machte auch Liebe mit mir und kaufte mir einen Kaffee und ein Croissant.» Der krebskranke, verwahrloste Bauer Tomas erzählt zunächst in ruppigen Floskeln von seiner Einsamkeit, seinem Hass und seiner raubtierartigen Geilheit auf die junge Ausreisserin: «Ihre grossen, leeren Hundeaugen liessen sie leicht dümmlich aussehen ..., was in mir den starken Drang weckte, sie zu packen, zu schütteln, zu ohrfeigen, sie letztendlich zu besitzen. Sie eben vögeln. Aber zuerst schlagen.» Gewalt ist wie ein Tumor in seinem Gehirn. Tomas denkt bei Sylviane immer wieder an einen Welpen und will ihr ein Halsband anlegen - sie wiederum leckt beim Sex seine Hand.

Nachdem er sie vergewaltigt hat, geht sie mit Tomas zu ihm nach Hause - und allmählich werden sie ein Paar. Sein bevorstehender Krebstod lässt jedoch kein Happy End erwarten. Das tönt vielleicht haarsträubend, der Roman lebt aber von der extremen psychologischen und sozialen Spannung. Sie sucht wie ein einsames Hündchen einen sicheren Ort, er erlebt eine Heilsgeschichte: Die naive Unschuld reinigt seine seelische, soziale und äusserliche Verwahrlosung. Mit ihrer weissen Haut, den blonden Locken und ihrer Einfältigkeit hat sie ja schliesslich etwas von einer Madonna, die in seinen Augen gleichzeitig Heilige und Hure ist. Hier geht Belpois nahe ans Klischee ran, denn Sylvianes naive Freundlichkeit heilt auch noch die verstockte Dorfgemeinschaft, die von etlichen Schicksalsschlägen in verschlossener Verbitterung verharrt. Die Provokation aber sitzt und es ist bemerkenswert, dass man das Erzählte gleichzeitig abstossend und rührend findet, weil man die Wahrheit und Verletzlichkeit dieser Figuren erkennt. Der harte Sozialrealismus in der Schilderung des Dorflebens schützt letztlich den Roman vor klischeehafter Melodramatik.

Ist in Belpois' «Hingabe» das Hündische im Symbolischen angesiedelt, wird dieses in Alma Mathijesens «Ich will kein Hund sein» unheimliche Wirklichkeit. Das Buch ist in der ersten Hälfte ein atemberaubender, wütender, trauriger Monolog, ein mitreissender Abgesang auf eine vertrocknete Liebe mit einem mimosenhaften Pianisten. Medikamente helfen nur kurzzeitig gegen Flaufs zerstörerisches Delirium. Den giftigen Mix aus Einsamkeit, Scham, verwehrter Leidenschaft, Eifersucht und krankhafter Fixierung kennt ja wohl jede und jeder aus eigenem Liebeskummer. Aber Flaufs Entzugserscheinungen mit Suizidfantasien, ritueller Trauerbeerdigung und verzweifeltem Freundschaftsangebot an ihren Ex-Freund ist extrem: «Die einzigen lebenden Wesen, die mich besuchen, sind die Fliegen. Sie wissen, dass ich verfaule.»

Selbstauslöschung scheint ihr der einzige Ausweg aus dem Elend. Und weil im Internet gerade eine genetische Transformation in einen Hund angeboten wird, greift sie zu. Schliesslich winkt ein behütetes Leben als Hündchen an der Seite des ehemaligen Geliebten. In der Broschüre heisst es: «Wir bieten einen Ausweg für alle Menschen, die nicht mehr weiter wissen. Das Leben eines Hundes ist spielerisch und voller Überraschungen. Winseln Sie nach Herzenslust um Aufmerksamkeit. Sie werden der treue Kamerad Ihres geliebten Menschen werden.» Was für ein radikaler, bitterer Ausweg aus dem Liebeskummer! Allerdings nur zu haben mit Fell, verschwindender Sprache und neuem Namen. Fabelhaft, wie Mathijesen diese Verwandlung in ihrer sinnlichen, präzisen Sprache beschreibt. Flauf heisst am tragikomischen, herzzerreissenden Ende Gianni.

Bénédicte Belpois: Hingabe. S.Fischer, 271 Seiten
Alma Mathijesen: Ich will kein Hund sein. C.H.Beck, 160 Seiten

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