Literatur
Im Frühwerk von Jane Gardam, der Grand Old Lady der britischen Literatur, enttarnt eine kleine Löwin die Frömmelei

Jane Gardams satirisches Frühwerk «God on the Rocks», auf Deutsch «Mädchen auf den Felsen», erzählt rasend komisch von vorlauten Kindern und bigotten Eltern.

Bernadette Conrad
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Die britische Schriftstellerin Jane Gardam.

Die britische Schriftstellerin Jane Gardam.

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Dieser umwerfend witzige Roman ist keineswegs ein spätes Meisterwerk, in dem sich die 93-jährige Autorin mit duldsamen jungen Eltern und äusserst selbstbewussten Kindern von heute beschäftigt.

«God on the Rocks», auf Deutsch «Mädchen auf den Felsen», ist der 1978 erschienene Romanerstling der längst auch bei uns bekannten und gerühmten Grand Old Lady der britischen Literatur. Er handelt jenseits pädagogischer Moden vom untrüglichen Wissen, das sensible Kinder aller Zeiten über die sorgsam verschwiegenen Abgründe und Verdrängungen im Leben ihrer Eltern haben.

Margaret, die achtjährige Tochter der religiös dogmatischen Eltern Elinor und Kenneth Marsh, entfernt sich eines Tages gefährlich weit vom heimischen Gelände und trifft auf einen geheimnisvollen Maler. Er hört ihr zu, wie ihr sonst nie Menschen zuhören.

Dass er merkwürdig wirr daherredet und ihr dreimal sagt, dass er Mr.Drinkwater heisst, schmälert Margarets tiefen Eindruck nicht. Wer ist dieses vorlaute, frühreife, freche, ruppige, sensible, lebhafte Kind, das jeweils haarscharf den Nagel auf den Kopf trifft? Wenn sich ihre Eltern bemühen, sie nicht unter der Ankunft des gerade geborenen Bruders leiden zu lassen, antwortet Margaret mit Wutanfällen.

Ein frischer Wind weht durch die dogmatische Familienwelt

Jane Gardams Roman erzählt von der Macht eines Kindes, das mit Vitalität und untrüglichem Sensorium in die vielen Räume des Schweigens und Verschweigens drängt, in denen die Erwachsenen ihr ungelebtes Leben unter Kontrolle zu halten versuchen.

Und Jane Gardam wäre nicht Jane Gardam, wenn sie in der scharfzüngig und brüllend komisch erzählten Geschichte der hinreissenden Margaret nicht auch noch ein beissend-satirisches Sittenbild einer in Klassendünkel und Bigotterie befangenen Gesellschaft verpacken würde. So cool, so lapidar, so ganz nebenbei herzzerreissend erzählt Jane Gardam, wie es ausser ihr nur wenige können, – und sie konnte das, wie man nun weiss, auch schon in ihren Anfängen.

Margarets völlig auf Rettung verlorener Seelen spezialisierter Vater hat sich Lydia vorgeknöpft, seit neuestem Margarets Kindermädchen, deren furchtlose Direktheit Marshs angestrengte Missionsbemühungen allerdings zum Teufel jagt. Und auch Margaret selbst kann zwar auf des Vaters Kontrollfragen sofort die entsprechenden Bibelstellen zitieren.

Aber etwas Wesentliches in ihr beugt sich dem frömmlerischen Getue der «Primal Saints» nicht, verweigert sich der im Namen des Glaubens verordneten Unlebendigkeit und schaut immer tiefer, als ihr erlaubt wird. Und durch Lydia, die einen frischen Wind in die dogmatisch enge Familienwelt trägt, wird ihr bewusst, dass den Vater eigentlich nur interessiert, dass sie funktioniert.

Das Kind führt die Stunde der Wahrheit herbei

Was aber ist es, was Margaret im Gesicht ihrer Mutter aufbrechen sieht, als sie mit ihr die einstmals herrschaftlichen Geschwister Charles und Binkie besuchen geht, die nach längerer Abwesenheit in die Nachbarschaft zurückgekehrt sind? Welches Geheimnis lauert da? Und wieso sieht sie die sorgsam manikürten Hände ihres moralisch so gestrengen Vaters über den Rücken des Kindermädchens Lydia streichen?

Schneller als irgendwer gucken kann, kommt der Moment, in dem alle Wahrheiten sich gleichzeitig Bahn brechen. Wahrheiten, die unter Putzwahn oder Lethargie, unter Konvention oder Missionseifer verborgen und in braven Tea Partys versteckt waren. Wie so oft ist es das Kind, das die Stunde der Wahrheit herbeiführt.

Glücklicherweise begreift Ellie, Margarets Mutter, dies gerade noch rechtzeitig: «Dieses Wunder namens Margaret – so gut und aufrichtig und keinen Grund zur Sorge gebend – liess Ellie Tränen in die Augen steigen. Sie ist klüger als sie alle zusammen, dachte sie, sie sieht geradeaus und klar. Sie ist stark wie eine Löwin. Das Beste in meinem Leben.»

Jane Gardam: Mädchen auf den Felsen. Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin, 222 Seiten.

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