Kolumne

Künzlis Playlist: Saxofonisten leben länger

Stefan Künzli

Stefan Künzli

Unser Kulturredaktor analysiert in seiner aktuellen Kolumne die neusten Entwicklungen in der Jazzwelt – und zieht ein überraschendes Fazit.

Jazz war lange Synonym für hedonistischen Lebenswandel und Sittenzerfall. Gespielt wurde in Hurenhäusern, illegalen Spelunken, verrauchten Bars und Kellerlokalen, wo Alkohol, Drogen und Prostitution regierten. Tatsächlich waren in der Hochblüte des Jazz viele Musiker alkohol-, drogenabhängig und sie starben früh. Auch die Giganten des modernen Saxofons: Der drogenverseuchte Charlie Parker wurde 35, John Coltrane 40 und auch der Neuerer Eric Dolphy nur 36 Jahre. Wer Sax spielte, lebte gefährlich.

Inzwischen muss diese Sichtweise revidiert werden. Benny Carter, (mit Johnny Hodges) stilbildend für das Alto, wurde 93 Jahre. Der 1922 geborene Illinois Jacquet, prägend für das Tenor in Sachen Jazz und Blues, lebte immerhin 81 Jahre, und der Vater des Free Jazz, Ornette Coleman, starb 85-jährig. Einen positiven Einfluss auf die Lebenserwartung muss auch der World Jazz haben: Charlie Mariano erlebte seinen 85. Geburtstag, Yusef Lateef sogar den 92. Sehr alt wurde aber auch Big Jay McNeely. Der Prototyp des Rock’n’Roll-Honkers starb vor zwei Jahren mit 91.

Unglaublich ist zudem, dass viele der stilbildenden Saxofonisten noch leben und teilweise aktiv sind. Pharoah Sanders, in diesem Jahr 80, ist aktuell ebenso auf Tour wie der 91-jährige Benny Golson. Schon 93 ist der Altist Lou Donaldson, der sich aber vor vier Jahren zur Ruhe gesetzt hat. Immer noch aktiv ist dagegen der 92-jährige Lee Konitz, ein wichtiger Architekt des Cool Jazz. Sein neues Album «Old Songs New» ist höchst empfehlenswert.

In die Kategorie der lebenden Legenden gehören auch Sonny Rollins (89) und Wayne Shorter (86). Letzterer erhielt 2019 einen Grammy für sein Meisterwerk «Emanon». Beide haben sich zurückgezogen und sollen nicht mehr bei bester Gesundheit sein. Noch voll im Saft sind dagegen Charles Lloyd (neu: «Kindred Spirits Live») sowie Marshall Allen, der mit 95 noch das Arkestra des verstorbenen Sun Ra leitet. Der Methusalem der Saxofonisten ist aber der 100-jährige Hal Singer. «Cornbread» hiess sein Nr.-1-Hit von 1948, und bis vor fünf Jahren trat er noch auf. Heute führt er mit seiner Frau ein ruhiges Leben in der Nähe von Paris. Saxofonisten leben länger!

Benny Carter: When Lights Are Low

Illinois Jacquet: Flying Home

Ornette Coleman: Lonely Woman

Charlie Mariano: Yagapriya

Yusef Lateef: Ching Miau

Big Jay McNeely: Nervous Man Nervous

Pharoah Sanders: The Creator Has A Master Plan

Benny Golson: I Remember Clifford

Lou Donaldson: Blues Walk

Lee Konitz: Good Bye

Sonny Rollins: Don’t Stop The Carnival

Wayne Shorter: The Three Marias

Charles Lloyd: Requiem

Marshall Allen presents Sun Ra: Plutionian Nights

Hal Singer: Cornbread

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