Kultur

Kreative Künstler profitieren von der Krise, das Publikum auch: 5 Thesen zum Kultursommer 2020

© Stefan Künzli, Sabine Altorfer, Julia Stephan und Daniel Fuchs

Endlich können Konzerte, Theater und Kinovorführungen wieder stattfinden. Und sie werden heuer besonders sein: Kleine Veranstalter, die Herzblut zeigen, werden belohnt. Es gibt mehr Platz für Schweizer Künstler – und fürs Publikum. 5 Thesen zum Kultursommer.

These 1: Die kleinen Veranstalter profitieren

Der Reiz des Kleinen: Blickkontakt zwischen Künstlerin (Steff la Cheffe) und Zuschauer ist möglich.

Der Reiz des Kleinen: Blickkontakt zwischen Künstlerin (Steff la Cheffe) und Zuschauer ist möglich.

5½ Millionen Besucherinnen und Besucher pilgern jährlich an die grossen Musikveranstaltungen, Konzerte, Open Airs und Festivals in der Schweiz – vor allem in den Sommermonaten. Die grossen Veranstalter setzen gemäss dem Branchenverband SMPA rund 80 Prozent der in der Schweiz verkauften Musiktickets um. Doch im Sommer 2020 ist alles anders. Der Bundesrat respektive Corona hat die sommerliche Musikparty, wie wir sie bisher gefeiert haben, abrupt beendet.

Doch alles wird gut. Es ist die grosse Chance der kleinen Konzerte und Festivals. Hand aufs Herz: Was ist der Reiz an der kalten Atmosphäre des Hallenstadions oder anderen funktionalen Grosshallen? Im Sommer 2020 und vielleicht auch länger sind nicht mehr die Monster- und Massenanlässe, sondern die kleinen, feinen Konzerte, Festivals und Open Airs in gediegener und idyllischer Umgebung gefragt. All die kleinen Kulturanlässe in den Dörfern und Gemeinden. Wir freuen uns darüber.

Das Kleine gewinnt wieder an Wert. Sowieso ist es weniger der Grossanlass für die anonyme Masse, nicht der Megaevent des internationalen Superstars, der unsere Kultur bereichert. Es sind vielmehr die Anlässe auf den kleinen Bühnen, die den kulturellen Boden der Schweiz bereichern und befruchten. Es sind die kommunalen Kulturkommissionen, die idealistischen Kulturvereine, die bis ins hinterste Tal der Schweiz für kulturelle Vielfalt sorgen.

Hier kann sich der Zauber des Intimen entfalten. Hier kann der Zuschauer (fast) den Atem des Künstlers auf der Bühne spüren. Hier findet noch echte Interaktion mit dem Publikum statt, und sogar der Blickkontakt mit der Künstlerin ist möglich. Hier ist der Künstler nicht abgeschirmt, sondern lässt sich in der Pause auf Small Talk ein und signiert die mitgebrachte CD. Hier hat auch die kleinste Konzertbesucherin freie Sicht auf die Bühne und läuft nicht Gefahr, angerempelt zu werden. Hier wird geklatscht, nicht gejohlt.

Und vor allem: Hier ist noch ein wirkliches Konzert- und Hörerlebnis möglich. Nicht der Event, sondern nur die Musik, die Musik und die Musik zählt. Äussere Faktoren beeinträchtigen das ästhetische Urteilsvermögen. In unserer eventgesteuerten Welt haben wir es deshalb verlernt, das reine Musikerlebnis, die Kraft der Klänge und Töne zu geniessen. Nur wer sich der Musik hingibt, kann die sinnliche Kraft der Musik erleben. Im Sommer 2020 bietet sich die Chance, die Magie der Musik wiederzuentdecken.

Stefan Künzli

These 2: Die Kreativen werden belohnt

Strassentheater von Kunststudenten in Genf.

Strassentheater von Kunststudenten in Genf.

Wie oft haben wir in den letzten Jahren neidisch nach Berlin geschielt, wo arme, aber ziemlich sexy wirkende Menschen verrückte, grossartige Dinge tun? Während die in Berlin jetzt auf noch fieseren finanziellen Problemen sitzen als wir und dabei gar nicht mehr so sexy aussehen, sollten wir jetzt, wo der Coronasturm die meisten gut schweizerisch vorgespurten Pläne für den Sommer weggefegt hat, diese Gründermentalität endlich mal nicht nur den Hochschulabsolventen und jungen Künstlern überlassen.

Ein Plan B ist gefragt! Denn in diesem Jahr haben es die Kulturschaffenden zu Sommerbeginn nicht mit übersättigten Kulturkonsumenten zu tun, sondern mit Menschen, denen man schon beim Einkaufen ansieht, dass sie ein paar kulturelle Happen dringend nötig hätten.

Die Festivalveranstalter und Leitungsteams von Theater-, Kunst- oder Konzerthallen kommen sich schon seit Wochen vor, als würden sie pausenlos ein und dasselbe Zimmer neu möblieren. Konzepte werden um- oder auf den Kopf gestellt. Viel nutzlos gewordenes Mobiliar wurde rausgeschmissen und gegen billigere, aber kreative Lösungen ersetzt.

Und die Lernkurve ist beeindruckend: Festivals haben bewiesen, dass man mit Telefonkonzerten, Anrufbeantworter-Lyrik, Live-Streams und liebevoll gestalteten persönlichen Briefen Festivalstimmung bis in die Wohnzimmer retten kann. Wer als Veranstalter noch nicht kapituliert hat, wird in diesem Sommer trotz Zuschauerbeschränkung und Hygiene- und Abstandsregeln tolle Live-Erlebnisse schaffen, soviel ist sicher.

Theater muss dafür nicht zwingend auf Sitzplätzen verfolgt werden (davor haben wir eh noch grossen Respekt), sondern kann als Installation wie im Museum zu Fuss erkundet werden.

Partys müssen nicht nachts gefeiert werden, sondern können auch an einem sonnigen Sonntagvormittag Ekstase hervorrufen (die eingefleischten Partylöwen in den städtischen Clubmetropolen wissen das eh schon lange). Und warum als Musikerin nicht Platzkonzerte vor den jetzt grosszügiger denn je bestuhlten Aussenbereichen der Restaurants veranstalten?

Dass diese Pop-up-Kulturevents nicht die gewohnte Perfektion ausstrahlen, ist dann für einmal völlig egal.

Julia Stephan

These 3: Die Schweizer Künstler sind die Gewinner

Die Sängerin Sina: Sie ist bereit für einen aufregenden Konzertsommer.

Die Sängerin Sina: Sie ist bereit für einen aufregenden Konzertsommer.

Schweizer Künstlerinnen und Künstler haben unter dem Lockdown stark gelitten. Sie waren die Ersten, die betroffen waren, die Letzten, die von den Lockerungen profitieren. Die staatlichen Entschädigungen waren und sind willkommen, konnten aber die Ausfälle nur unzureichend kompensieren. Es bleibt ein Loch.

Insofern ist die formulierte These gewagt. Trotzdem sind wir überzeugt, dass der Sommer 2020 zum Sommer der Schweizer Künstler werden kann. Denn die Nachfrage nach Kultur ist gerade nach dem Lockdown gross. Grösser denn je. Internationale Stars werden in diesem Sommer weitgehend ausbleiben. Das ist die Chance für die Schweizer Künstler. Sie sind hungrig, sofort verfügbar und bereit, ihr Können zu präsentieren.

Engagements sind allemal besser als staatliche Unterstützung. Gefordert sind deshalb die Veranstalter: Sie müssen umdenken, ihr Programm helvetisieren und auf Schweizer Künstlerinnen und Künstler setzen. Zum Wohl und Vergnügen aller.

Stefan Künzli

These 4: Mehr Platz fürs Publikum

Viel Ruhe und Platz vor Monets «Seerosen» für die Besucherin.

Viel Ruhe und Platz vor Monets «Seerosen» für die Besucherin.

So glückliche Gesichter, so viel Freude bei den Besucherinnen wie in den letzten Tagen sah man in Museen selten. Zum einen, weil der Entzug von der Originalkunst seit Mitte Mai aufgehoben ist, und weil man zweitens in den Sammlungen Ausstellungen so viel Platz, Ruhe und Musse geniesst wie nie zuvor.

Doch nicht nur die Kunst kann man diesen Sommer quasi exklusiv geniessen. Grossveranstaltungen sind abgesagt, aber wer Kultur nicht wegen Pausen-Cüpli oder Open-Air-Schlammschlachten besucht, wird sich – mit Abstand und hochwillkommen – dem Hör- und Filmgenuss oder einem theatralischen Experiment hingeben können. Es lohnt sich, das Angebot in heimischer Nähe, bei einem inländischen Städtetrip oder den Bergferien genau anzuschauen. Vieles ist noch in Planung, Überraschungen inklusive.

Die Gewinnerinnen und Gewinner im Kultursommer sind wir. Das Publikum. Mehr Arbeit, weniger Einnahmen heisst das im Gegenzug für die Veranstalter. Noch könne man die Verluste nicht beziffern, aber sie seien markant, melden uns die Museen von Bern bis St. Gallen. Mit Eintritten und im Shop erwirtschaften sie einen grossen Teil ihres Budgets.

«Vor der Coronakrise sahen 2500 bis 3000 Besuchende pro Tag unsere Edward-Hopper-Ausstellung. Seit der Wiedereröffnung kommen täglich erst ein paar hundert», heisst es aus der Fondation Beyeler. Mit dem Zusatz: «Nie wird man die Hopper-Bilder mit weniger anderen teilen müssen.»

Nicht nur Hopper, sondern schweizweit konnten die Ausstellungen verlängert werden. Ab Mitte Juni wird man zudem wieder Führungen anbieten. Kleiner und feiner. Wer sich im Lockdown-Frühjahr über Verpasstes geärgert hat, kann es im Kultursommer nachholen. Selbst der Stadtbummel dazu wird gemütlich. In Luzern, Basel und Chur fehlen die ausländischen Gäste. Was die Museen bedauern – wir aber geniessen.

Sabine Altorfer

These 5: Freiluftevents werden noch wichtiger

«Film ab!» vom Gartentisch. Warum auch nicht?

«Film ab!» vom Gartentisch. Warum auch nicht?

Ab in den Garten! Als Aufruf lässt sich Simonetta Sommarugas Äusserung von der Lockerungspressekonferenz dieser Woche verstehen. Ein ihr bekannter Chor, so Sommaruga, habe sich fürs Proben im Garten getroffen. Eine gute Idee, wie sie fand: «So hat auch gleich das Quartier noch etwas davon.»

Finden wir auch. Spielt das Wetter mit, werden wir in der Schweiz noch mediterraner, als wir es in den letzten Hitzesommern ohnehin waren. Outdoor liegt das Risiko einer Corona-Ansteckung deutlich tiefer als indoor, sofern man den Abstand wahrt. Es wird also nicht nur ein Sommer der Pop-up-Bars, sondern auch der Gartenkonzerte, Park-Lesungen und – warum nicht? – Waldkinos. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, höchstens durch die Bewilligungspflichten hierzulande.

Nicht vergessen: Wer öffentlich Filme vorführen will, braucht eine Lizenz. Auch für die Filmmusik. Zum Flair des Mediterranen gehört das Spontane. Hinter der Gartenhecke anstelle von Underground bekommt der Gesetzeshüter auch nicht alles mit. Und um das Ansteckungsrisiko gering zu halten, gilt ja ohnehin: je kleiner, umso feiner.

Open-Air-Kino-Veranstalter zum Beispiel sind frohen Mutes. Vor allem die Kleineren werden gut mit der Zuschauer-Obergrenze von 300 Personen zurechtkommen. Auch die Coop-Open-Air-Kinos halten an ihren Veranstaltungen landauf, landab fest.

Einzig die ganz grossen, die Allianz-Cinemas, wären mit bis zu 2000 Besuchern viel zu gross und können ihre Kinos in Basel, Zürich und Genf mit den Restriktionen nicht wirtschaftlich betreiben. So setzen sie nun auf Autokinos in 20 Schweizer Städten. Die Suche nach den Standorten läuft.

In Luzern haben Cineasten eine Plattform für Gartenkinos ins Leben gerufen. Sie stehen Organisatoren beratend und mit Beamern sowie Leinwänden zur Seite. Und abseits vom Kino? Die Liste der Freiluftevents ist lang. Sie beginnen bei Open-Air-Theatervorführungen, zum Beispiel am Theater Basel, und reichen bis ins Safiental mit seiner Landschaftskunst.

Daniel Fuchs

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