Klassik
Trend in der Schweizer Orchesterszene: Die Kleinen holen sich die Weltstars

Stardirigenten sind vor Schweizer Sinfonieorchestern fast nie zu sehen, geschweige denn als deren Chefdirigenten zu erleben. Gleich drei Schweizer Kammerorchester hingegen werden von weltberühmten Geigern und Geigerinnen geleitet. Das ist kein Zufall.

Christian Berzins
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Patricia Kopatchinskaja mit der Camerata Bern bei einem Konzert im Casino Zug.

Patricia Kopatchinskaja mit der Camerata Bern bei einem Konzert im Casino Zug.

Bild: Stefan Kaiser

Klavierstar Helene Grimaud in Andermatt, Pulttitan Zubin Mehta in Muri? In der Schweiz geht das durchaus, genügend Geld ist vorhanden, um sich in schöne Tongirlanden aufzulösen. Umso erstaunlicher aber, dass es den grossen Sinfonieorchestern seit Jahrzehnten nicht gelingt, einen Topdirigenten fest zu engagieren. Obwohl hie und da eines etwas heller leuchtet, waren und sind ihre Chef - als auch ihre Gastdirigenten immer aus der zweiten Reihe. Ganz anders bei den Kammerorchestern: Gleich drei altehrwürdige, aber mehr oder weniger unbedeutende Kammerorchester stehen dank weltberühmter künstlerischer Leiter plötzlich im Fokus der Klassikwelt.

Wer behauptet, dass sie international besser als die Konkurrenz sind, könnte recht haben. Aber richtiger als diese Antwort ist die Tatsache, dass die Solistenstars mit den Kammerorchestern einen idealen, bestens bezahlten Spielplatz gefunden haben, der sie nicht allzu viel Zeit kostet, aber eine reiche Selbstentfaltungsmöglichkeit bietet.

Diese künstlerischen Leiter sind nicht ausgebildete Dirigenten, sondern Geiger, die das Orchester bloss leiten. Das entspricht einem Trend, dank diesem sich Kammerorchester mittlerweile den Dirigenten fast immer einsparen. Die Rechnung geht für alle auf. Es ist eine Win-win-Situation.

Die Kleinen – Orchester von vielleicht 18 Musikern und Musikerinnen, die mal etwas grösser, mal etwas kleiner auftreten – sind nämlich im Vergleich mit den Sinfonieorchestern im Nachteil, müssen um Subventionen kämpfen, bisweilen wie das Zürcher Kammerorchester gar um ihre Daseinsberechtigung. Auch deswegen riskieren sie die Flucht nach vorne und engagieren teure Stars. Sie sollen nicht nur mehr Zuschauer zu Hause, sondern vor allem auch lukrative Gastspiele bringen: Die Kasse füllt sich, neue Projekte können realisiert werden. Im Idealfall.

Zürich war Vorreiter, holte einen Geigenstar als Musikdirektor

Das Beispiel Zürcher Kammerorchester zeigt, wie nahe Aufstieg und Fall sein können. 2016 wurde Stargeiger Daniel Hope Musikdirektor: ein Hansdampf in allen Gassen. Weltweit. Er ist Rundfunksprecher, Musikaktivist, Produzent, Autor, der Bücher wie «Wann darf ich klatschen?» schreibt. Er ist ein Musiker, der mit dem Publikum und den Sponsoren zu kommunizieren versteht. Heutzutage unverzichtbar.

Daniel Hope und das ZKO bei der «Lenzburgiade» auf Schloss Lenzburg.

Daniel Hope und das ZKO bei der «Lenzburgiade» auf Schloss Lenzburg.

Bild: Chris Iseli

Hope und der damalige Intendant trieben das Orchester rauschhaft voran. China-Tournee, Nuggi-Konzert, USA-Tournee, CDs bei Top-Plattenfirmen – klar doch. In der Hamburger Elbphilharmonie ging und geht man ein und aus – aber auch in Olten, Luzern oder Chur ist man präsent wie kein anderes Schweizer Ensemble.

Doch dann war da plötzlich nicht nur die Angst, dass man vom ZKO (Zürcher Kammerorchester) zum HBO ­(Hopes Begleitorchester) werden würde. Sondern Hope und der Intendant überforderten das Orchester auch finanziell. 2018 klaffte eine Millionenloch, Corona und neue Budgetdiskussionen trübten den Neustart.

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Falls man die Kunst wieder weiterdenkt, sich nicht damit begnügt, mit dem Immergleichen zu gefallen, blühen dem ZKO weitere schöne Jahre. ­Typisch ZKO: In den Frühling startet man mit der Begleitung von «Psycho», dem Filmklassiker Alfred Hitchcocks.

Die neue Leiterin der Camerata Bern würde über ein so populäres Programm laut lachen, würde eher einen szenischen Hitchcock-Abend mit Geige geben. Die Rede ist von Patricia Kopatchinskaja, die seit 2018 Artistic Partner der Camerata Bern ist. Und siehe da: Das Kleinorchester, das vorher ausserhalb von Bern kaum jemand wahrnahm, ist nun in aller Munde.

Nun ist der grosse Name Programm und naturgemäss werden die Konzertabende geheimnisvoll spektakulär, wenn die in Bern lebende Barfussgeigerin mitmacht: Multimedial inszenierte Konzerte sind es bisweilen, denn Kopatchinskaja ist sich für keinen musikalischen Schabernack zu schade.

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Doch die eingebürgerte Schweizerin ist ideal für ein Kammerorchester: Sie hat weltweit eine Fangemeinde, ist von unbändigem Entdeckergeist getrieben und liebt die Musik des 20. Jahrhunderts. So kommt ein Kammerorchester weg vom Vivaldi-Schrummeln, gelangt weit ins 21. Jahrhundert. Bezeichnend das Programm, das die Camerata bald spielt: Es ist eine Reise vom Frühbarock bis zu einer Uraufführung.

Kaum war in Lausanne der Neue da, war Arte im Saal

Kaum haben sich Hope und Kopatchinskaja warmgespielt, strahlt in der Westschweiz – beim Orchestre de Chambre de Lausanne (OCL) – ein Geigenstern. Hier hat man nicht lange gezögert, als man von Geigenstar Renaud Capuçon Avancen spürte, brachte der Franzose doch auch gleich via Sponsor neues Geld mit. Das braucht er auch.

Dieser charismatische Künstler hat überall mit allen gespielt. Jetzt will er mehr: richtig dirigieren. «Das ist die offene Tür zu einer gewaltigen Welt!», sagt Capuçon uns in Gstaad strahlend.

Renaud Capuçon und das Orchestre de chambre de Lausanne bei den Sommets Musicaux Gstaad in der Kirche Saanen.

Renaud Capuçon und das Orchestre de chambre de Lausanne bei den Sommets Musicaux Gstaad in der Kirche Saanen.

Bild: Raphael Faux / Sommets

Auch für das OCL gehen Türen auf. Das erste Lausanner Konzert wurde von Arte übertragen, einen Monat später spielte man zusammen im Gefängnis, bald kommen grosse Dirigenten nach Lausanne.

Es geht mit weltweiter Aufmerksamkeit auch ohne diese Gestalten, wie das famose Kammerorchester Basel und die Festival Strings Lucerne beweisen. Basels Orchesterdirektor Marcel Falk spricht von langfristigen künstlerischen Entwicklungslinien, die man mit Principal Guest Conductor Anto­nini verfolge. Doch stolz sagt er, was Daniel Hope stereotyp repetiert: «Bei uns sind die Musikerinnen und Musiker des Kammerorchesters Basel der ‹Star›.»

Bei den Festival Strings Lucerne geht man von einem aus dem Orchester gewachsenen Konzertmeister aus: So könne eine grössere Bandbreite von Partnerschaften mit Starsolisten eingegangen werden, erklärt Orchesterdirektor Hans-Christoph Mauruschat. Aber er sagt ehrlich, dass der Musikmarkt bei Kammerorchestern vor allem auch bei privaten Veranstaltern sehr von Solisten geprägt ist, die das Publikum kennt und liebt.

Wie auch immer: Die Kleinen machen den Grossen Beine. Schöne Zeiten für Schweizer Klassikfreunde.

Camerata Bern/Kopatchinskaja: 13.3., Bern.
Orchestre de chambre de Lausanne/Capuçon: 23./24. März und 4./5. Mai, Lausanne
Zürcher Kammerorchester/Daniel Hope: 9.3., Zürich.