Literatur

Karl Marx verehrte diesen berühmten Schriftsteller – doch der wusste davon nichts

Schriftsteller Charles Dickens lebte von 1818 bis 1883 – seinen Verehrer Karl Marx traf er aber nie.

Schriftsteller Charles Dickens lebte von 1818 bis 1883 – seinen Verehrer Karl Marx traf er aber nie.

Sie lebten gleichzeitig in London und wussten beide, was Armut ist: Karl Marx und Charles Dickens. Während Marx den Kommunismus begründete, schrieb Dickens sozialkritische Romane. Und machte Marx damit neidisch. Eine Hommage zum 150. Todestag von Charles Dickens.

Im 19. Jahrhundert war London bereits eine rasend schnell wachsende Millionenstadt, voll elender Slums. Zwei sozial kühn engagierte Männer lebten gleichzeitig in ihr, ohne einander je zu begegnen: Charles Dickens (1812–1870) und Karl Marx (1818–1883). Beide kannten bitterste Armut: Dickens als Kind und Marx als Familienvater mit vier Kindern. Beide waren manische Arbeitstiere: Marx exzerpierte unablässig Ökonomie-Schriften im British Museum, schwitzte über dem Hauptwerk «Das Kapital». Dickens schrieb öfter an zwei Fortsetzungsromanen gleichzeitig. Das Genie als Fliessbandarbeiter.

Emigrant Marx verbrachte manche Tage im Bett, weil seine Kleider beim Pfandleiher lagen. Als Marinezahlmeister John Dickens, Charles’ Vater, im Schuldgefängnis landete, musste der zwölfjährige Charles monatelang in einer Schuhwichse-Fabrik schuften. Der Vater holte seinen Sohn heraus, gegen Mutters Willen. «Ich habe später nie vergessen, ich werde es nie vergessen, ich kann es nie vergessen, dass meine Mutter sich dafür erwärmte, mich in die Fabrik zurückzuschicken», schrieb Dickens später.

«Oliver Twist» – böser Anfang und gutes Ende

Das Leiden der Kinder – davon handeln Dickens-Romane. Als Kind, Anwaltsgehilfe und Reporter kannte Dickens die Misere der Proletarier ganz nah. «Das Kapital» kannte er nicht. Marx seinerseits verehrte den Dichter: «Dickens ist eines der grossartigsten Beispiele der englischen Dichter, deren detailreiche und sprachmächtige Werke mehr politische und gesellschaftliche Wahrheiten gegeben haben als alle Berufspolitiker, Publizisten und Moralisten zusammen.»

«Das Leiden der Kinder – das ist der Fels des Atheismus», schrieb einmal ­Albert Camus. Atheist wurde Charles Dickens nicht. Aber seine qualversehrten Kindergestalten rühren zutiefst – David Copperfield, Oliver Twist, Little Dorrit. Marx wollte die Gesellschaft umstürzen, Dickens harte Herzen erweichen.

Karl Marx, Begründer des Kommunismus, war sechs Jahre älter als sein literarisches Idol Dickens.

Karl Marx, Begründer des Kommunismus, war sechs Jahre älter als sein literarisches Idol Dickens.

Mit dem Roman «Oliver Twist» (1837/39) um einen bitterarmen Waisenjungen wurde der erst 25-jährige Dickens berühmt. Unvergesslich die Szene im Arbeitshaus, wo Oliver einmal um einen Nachschlag Wassersuppe bittet: «Sir, ich will noch mehr» – und stracks eingesperrt wird. Denn «die Mitglieder des Armenrates waren weise, einsichtsvolle, kluge Männer. Sie setzten daher fest, dass alle Armen die Wahl haben sollten – denn zwingen wollten sie gewiss keinen – nach und nach im Haus oder ausser Haus zu verhungern.»

Später gerät Oliver in die Fänge des Juden Fagin, der eine florierende Verbrecherschule führt. Im Kriminellenmilieu, voller Gefühlskälte und Ausbeutung, spiegelt Dickens die «gute Gesellschaft» – die das Elend verachtet, in das deren «Gentlemen» die Proletarier hineingestossen haben. Anders als der Sozialrevolutionär Marx blieb Dickens ein Mann der Evolution. Immerhin erreichte er mit seinen Romanen eine Revision der unmenschlichen Armengesetze. Und gründete zusammen mit einer reichen Erbin ein Heim für «gefallene Mädchen».

Olivers Leiden enden als Märchen! Typisch Dickens. Durch wundersame Fügung gerät der Junge an herzensgute Menschen, ausgerechnet nach erzwungener Teilnahme an einem Einbruch, bei dem er angeschossen wird und in einem gutbürgerlichen Bett landet: Zukunft gesichert. Blöd unrealistisch, nicht wahr? Aber wer wünscht sich eigentlich im realen Leben ein Unhappy End? Tröstet im Märchen nicht gerade der Sieg des Guten über das Böse? Dickens’ gewaltige Wirkung bis heute beruht wesentlich auf seinem Mix von Realismushärte und Märchenmagie.

«Great Expectations» – ein Liebestraum

Kinderleid war Charles Dickens’ lebenslanges Trauma. Er hob es ins Allgemeine. Im Spitzenroman «Grosse Erwartungen» (1860/61) arbeitete er sich an einem anderen tiefen Trauma ab: Liebesleid. 1829–1833 durchlitt er seine herzzerreissende erste Liebe zur Bankierstochter Maria Beadnell. Elterngesteuert liess sie das junge Genie schliesslich abblitzen. Auch der frühe Tod seiner Schwägerin Mary Hogarth riss Dickens in den nie verwundenen Schmerz des Unwiederbringlichen. Marys Schwester Catherine, Dickens’ Frau, gebar ihm zehn Kinder. Was er ihr eher übel nahm.

Eine seltene Abbildung von Charles Dickens mit kurzem Bart – normalerweise trug ihn der Schriftsteller länger.

Eine seltene Abbildung von Charles Dickens mit kurzem Bart – normalerweise trug ihn der Schriftsteller länger.

1857 spielt Dickens mit der 17-jährigen Ellen Ternan in einer Benefizvorstellung. Dort mimt er einen Vormund und sie sein Mündel – in das er sich verliebt. Zunächst auf der Bühne, dann im Leben. Darauf trennte sich das Ehepaar Dickens. Scheidung kam nicht infrage für einen Prominenten unter viktorianischer Sittenstrenge. Estella (= Stern) heisst eine kalte Heissgeliebte in «Grosse Erwartungen» – Spiegelung der Jugendliebe Maria Beadnell. Icherzähler Philip, genannt Pip, lernt in einem geradezu modern-surrealen Schauer-Ambiente Estella kennen, von einer skurrilen Miss Havisham zu blindem Männerhass erzogen – wegen eines ihr einst untreuen Partners.

Grosse Erwartungen – sie gelten der Liebe und der Zukunft. Pip, Waise gleich Oliver, leidet unter seiner sadistischen Schwester, die ihn mit «harter Hand» erzieht. Nicht bloss bildlich. Doch diesmal gibt es eine Gegenfigur mitten im Kinderleid: Der Schwester gutmütigen Ehemann, Schmied Joe. Mit dessen Werkzeug befreit Pip heimlich einen Kettensträfling in einer Themse-Marschlandschaft: eines der Stimmungsbilder des unvergleichlichen Sprachmalers Dickens.

Estella zuliebe träumt Pip davon, ein «Gentleman» zu werden. Und wieder erblüht das Dickens-Märchen mitten im hart gesellschaftskritischen Zeitroman. Pip trifft in London den zwielichtigen Advokaten Jaggers, der ihm allerdings erste Raten eines geheimnisvollen Vermögens auszahlt.

Daraufhin verfällt Icherzähler Pip dem Müssiggang. Eines Tages begegnet er dem einst von ihm befreiten einstigen Sträfling Magwitch, der, zu Geld gekommen, Pip via Jaggers heimlich sein Vermögen vermacht hat, um aus ihm einen «Gentleman» zu zimmern. Bei einer zweiten Fahndung wird Magwitch erwischt und stirbt im Gefängnis. Sein Pip zugedachtes Vermögen wird eingezogen.

Voller Einsicht fügt sich der Jung-Snob in eine bescheiden-arbeitsame Existenz. Adieu, Gentleman! Ganz neu: Für Estella und Pip plant Dickens kein Happy End. Doch ein Kollege findet das für die «Marke» Dickens höchst unpassend. Dickens fügt sich und schreibt ein gutes Ende. Das Armutstrauma macht Dickens zu einem Erfolgsgetriebenen. Manchmal schreibt er quotenhörig eine Romanfortsetzung um, wenn die Zeitschriften-Auflage der Folge zuvor gesunken ist.

Als Vortragskünstler reisst er mit wie als Romancier. Einmal gibt es 5000 Eintrittsvorverkäufe plus Schwarzhandel für den Popstar der Literatur. Gegen den Rat seiner Ärzte verausgabt sich Dickens völlig. Bei einer Lesung im April 1870 bricht der Ausgepowerte zusammen. So dichtet und rezitiert er sich quasi zu Tode. Er starb vor 150 Jahren am 9. Juni 1870.

Dickens’ Romane sind wie Filme oder Opern

Es gibt über 50 Dickens-Filme. Er bleibt uns. Das beruht auf der ungeheuren «Welthaltigkeit» seiner Romane. Gerade das stringent gestaltete späte Werk «Grosse Erwartungen» liest sich gleichzeitig als Kriminalroman, Abenteuerroman, Liebesroman, zeitkritischer Roman, surrealer Roman, Entwicklungsroman, Schauerroman – in einem Mix von shakespearischer Tragik und Komik.

Auch Kitsch konnte Dickens. Für jeden etwas. Samt kunstvoll gefügten Vorzeichen und Leitmotiven, Aussendrama und Innenschau, anschauungsgesättigten Landschaft-Stimmungsbildern. Dickens’ Romane sind geschriebene Filme oder Opern. Bei alledem eben auch Märchen, führen sie uns tief in unser archaisch-mythisches Unterbewusstsein. Dickens-Bewunderer Marx hat die Menschheit, Dickens die Menschenseelen sozial bewegt. Das Elend durch Ausbeutung damals haben wir heute outgesourct. In andere Weltgegenden.

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