New Sounds & Grooves
Taugt Jazz für den Dancefloor?

Die Schweizer Band Ikarus von Ramón Oliveras hat einen ganz eigenen Bandsound entwickelt und ist jetzt zur weltgrössten Jazzmesse eingeladen worden.

Stefan Künzli
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Ikarus: Ramón Oliveras, Andreas Lareida, Anna Hirsch, Lucca Fries und Mo Meyer (von links).

Ikarus: Ramón Oliveras, Andreas Lareida, Anna Hirsch, Lucca Fries und Mo Meyer (von links).

Jazz wurde ursprünglich getanzt. Der weltweite Siegeszug in den 1930er-Jahren erfolgte als Tanzmusik. Erst Be-Bop und der moderne Jazz lösten die funktionale Bindung zum Tanz. Jazz wurde eine reine Kunstmusik. In jüngster Zeit sind aber Bestrebungen einer Rückbesinnung zum Tanz zu beobachten. In London, Berlin und Los Angeles – aber auch in der Schweiz. Die Band Ikarus des Schlagzeugers und Komponisten Ramón Oliveras haben für ihr neues Album «Plasma» bewusst nach tanzbaren Grooves und Rhythmen gesucht.

«Wir möchten, dass man sich zu unserer Musik auch bewegen kann», sagt der Bandleader. Fliegt Ikarus nächstens auf den Dancefloor? «Wir sind immer noch am Experimentieren, aber eigentlich schon. Ich fänd’s cool», sagt Oliveras. Ikarus ist vor zehn Jahren aus dem Bachelor-Projekt von Oliveras an der ZHdK gewachsen und hat seitdem schon vier Alben auf Nik Bärtschs Label Ronin Rhythm Records veröffentlicht. Die musikalische Verwandtschaft zu Bärtschs jazziger Groove und Minimal Music ist dabei offensichtlich. Sich verändernde repetitive Muster stehen im Kern.

Oliveras betont aber, dass sich seine Band unabhängig von Bärtsch entwickelt hat. «Wir sind kein Produkt von Nik. Er ist auf uns zugekommen und wollte Ikarus auf seinem Label haben», erklärt er. Die Groove-Sektion mit Mo Meyer (Bass), Lucca Fries (Piano) und Oliveras ist zentral, aber vor allem die Stimmen von Anna Hirsch und Andreas Lareida geben der Band ihren unverwechselbaren, eigenständigen Bandsound.

In den Anfängen war Ikarus stark von Neuer Musik und der New Yorker Avantgarde beeinflusst. Eine intellektuelle Musik mit komplexer Harmonik und experimentellen Klängen. Oliveras ist sich aber bewusst geworden, dass gerade der Gesang eine starke emotionale Wirkung hat. «Heute wollen wir nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch ansprechen», sagt Oliveras. Sein Interesse gilt denn auch jener kinetischen Energie, die man vor allem von Techno und der elektronischen Tanzmusik (EDM) kennt. Ikarus soll, über einen längeren Zeitraum gespielt, eine emotionale und körperliche Wirkung auslösen.

Die internationalen Anfragen häufen sich

Wie Nik Bärtschs Musik wird auch Ikarus meist dem Jazz oder Jazz-Verwandtem zugerechnet. Nicht falsch: Die Improvisation ist ein wichtiges Element. Aber nicht im traditionellen Sinn. Die Band improvisiert nicht über Akkorde, sondern über Melodien und Motive, die die Musiker umspielen und in einem langsamen Prozess und in Interaktion mit den anderen Musikern erweitern und entwickeln. Oliveras spürt aber je länger je mehr, dass der Jazzmodus mit einem sitzenden Publikum immer weniger zu seiner Band passt. Würden die Leute die Musik von Ikarus anders wahrnehmen, wenn sie stehen würden?

Trotzdem häufen sich jetzt die Anfragen auch von grossen europäischen Jazzfestivals wie in Burghausen und Reykjavik. Und Ende April spielt Ikarus ein Set am European Jazzmeeting des weltgrössten Branchentreffs Jazzahead in Bremen. Eine internationale Jury lädt jeweils in jedem Jahr die spannendsten neuen Bands und Musiker aus ganz Europa zu diesem Treff ein. Für Ikarus ist die Einladung deshalb eine grosse Ehre und eine grosse Chance, um sich international noch stärker zu etablieren. Und erst recht freuen würde sich Ramón Oliveras, wenn das Publikum am Konzert aufstehen und sich bewegen und tanzen würde.

Ikarus: Plasma (Ronin Rhythm Records). Erscheint am 25.2. Live: 27.2. Plattentaufe im Moods Zürich; 6.3. Beflat Bern; 29.4. Jazzahead Bremen.

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