Dürfen Heterosexuelle in Filmen Homosexuelle spielen? Kate Winslet hat es für ihren neuen Film «Ammonite» getan

Interview
Dürfen Heterosexuelle in Filmen Homosexuelle spielen? Kate Winslet hat es für ihren neuen Film «Ammonite» getan

Bild: Getty Images

«Ich habe viel über mich selber gelernt», sagt Kate Winslet über ihre neuste Rolle. Ein Gespräch über Sexismus, die Sicht der Frau – und wie entspannend es ist, den Atem anzuhalten.

Marlène von Arx
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Hollywood dreht wieder. Aber die Covid-Schutzprotokolle verlangsamen und verteuern die Produktionen. Die britische Schauspielerin erklärt, wie sie mit der neuen Situation umgeht und was sie vor Covid bei den Dreharbeiten zum Kostümdrama « Ammonite » und zum verspäteten Sequel « Avatar 2 » über sich gelernt hat.

Kate Winslet, woher zoomen Sie gerade?

Ich bin in Pennsylvania, wo ich die Serie « Mare of Easttown» für HBO drehe. Ich muss wegen Covid sehr vorsichtig sein und darf sonst nicht unter die Leute.

Haben Sie gezögert, unter den derzeitigen Umständen wieder zu drehen?

Ja, sehr. Letzten Sommer hatte ich endlose Video-Konferenzen mit den Produzenten von HBO und AT&T, wie wir eine Rückkehr zur Arbeit möglich machen können. Was verlangen wir von der Crew? Wie gehen wir mit den Schauspieler:innen um? Das ganze hat die Nerven schon ziemlich strapaziert. Aber ich muss sagen: Wir haben ein gutes Team, das sich um die Covid-Schutzprotokolle kümmert.

«Titanic» machte sie zum Weltstar

Kate Winslet – Schauspielerin
Bild: Keystone

Kate Winslet – Schauspielerin

Winslet wurde am 5. Oktober 1975 im englischen Reading als zweites von vier Kindern in eine Theaterfamilie geboren. Als 19-Jährige landete sie in Peter Jacksons «Heavenly Creatures» (1994) ihren Durchbruch. 1997 wurde sie mit «Titanic» zum Weltstar. Für «The Reader» gewann sie 2009 einen Oscar. Die Schauspielerin ist in dritter Ehe mit Richard Bransons Neffe Ned Rocknroll verheiratet und hat drei Kinder.

Was heisst das konkret?

Wir werden jeden Tag getestet. Crew-Mitglieder müssen Voll-Maske mit Schild tragen und dürfen sie nur runternehmen, wenn sie weg vom Set etwas essen oder trinken. Wir Schauspieler und Schauspielerinnen tragen zwischen den Takes auch Masken und Schilder, was manchmal nicht einfach ist fürs Schminken. Und wir arbeiten in Zonen: Die grüne Zone sind Schauspieler•innen und die direkte Dreh-Crew. Die anderen sind in der gelben Zone und dürfen den ganzen Tag nicht in unsere Nähe kommen. Auch das Catering ist jetzt mit einer App aufgegleist, aber ich nehme normal sowieso mein eigenes Essen mit.

Wie fühlt sich diese neue Situation für Sie an?

Was mir am meisten zu schaffen macht ist die physische Distanz. Ich würde die Leute gerne mal umarmen. Das ganze ist ein 116-Tage-Dreh und als wir wegen Covid aufhören mussten, hatten wir noch 38 Tage zu drehen. Dann kam eine lange Pause, und jetzt darf man nicht mal richtig hallo sagen. Das ist schwierig und traurig. Aber ich fühle mich sicher am Arbeitsplatz und das ist ja das wichtigste.

Konnten Sie während des Lockdowns gut mal abschalten und nichts tun?

Ich kann normalerweise nicht einfach mit Chips und einem Glas Wein vor den Fernseher sitzen, aber während Covid ging das plötzlich. Mein Mann und meine beiden älteren Kinder haben beschlossen, dass wir «Downton Abbey » schauen. Wir hatten die Serie nie gesehen. Es war grossartig, eine ganz Serie von A bis Z zu schauen. Vermutlich wird so etwas nie wieder passieren.

Kate Winslet mit zwei ihrer drei Kinder und ihrem Trauzeugen, Leonardo DiCaprio

Die Kinos sind nun wieder offen. Einer der ersten Filme, die man wieder auf der grossen Leinwand ansehen kann, ist das Kostümdrama « Ammonite », in dem Sie die englische Fossil-Sammlerin und Paläontologin Mary Anning (1799-1847) spielen. Was muss man über Mary Anning wissen?

Sie war eine sehr intelligente Frau, die akzeptierte, dass die Welt in der sie lebte, ihr keine wissenschaftliche Bedeutung zumessen würde. Trotzdem ging sie ihrer Arbeit nach. Sie blieb unverheiratet zu jener Zeit, als Frauen verheiratet sein mussten, um einen Stand in der Gesellschaft, ein Dach über dem Kopf und finanzielle Stabilität zu haben. Das bewundere ich sehr. Die Geologische Society von London anerkennt sie heute und einer ihrer ersten Funde ist im Britischen Museum ausgestellt.

Der Film legt einen Schwerpunkt auf die Beziehung mit der verheirateten Charlotte Murchison, gespielt von Saoirse Ronan. Die lesbische Beziehung ist Spekulation. Wie sind Sie das angegangen?

Frauen-Freundschaften waren damals anders als heute. Ich habe Brief-Korrespondenz zwischen Frauen, die intensive, nahe Freundschaften pflegten, aus jener Zeit gelesen. Es kam vor, dass eine enge Verbundenheit eine intimere Form annahm, auch wenn beide Frauen verheiratet waren. Wir wollten das tiefe Verlangen zeigen, dass die beiden Frauen hatten, und ihre Weiblichkeit. Es war ein Privileg für mich, die heterosexuellen Klischees in Liebesfilmen über Bord zu werfen. Ich habe dabei wirklich viel gelernt.

Wie meinen Sie das?

Ich habe realisiert, dass ich in früheren Filmen zum Objekt gemacht wurde. Nur merkte ich das damals gar nicht. Ich bin deswegen nicht wütend. Aber ich frage mich jetzt, ob ich mit all den Liebes-Szenen, die ich gespielt habe, wirklich so einverstanden war. Bin ich wirklich für mich eingestanden und habe die Szenen so mitchoreographiert, dass es aus der Sicht der Frau stimmte?

Ein früher, wichtiger Regisseur in Ihrem Leben war James Cameron, mit dem Sie « Titanic » drehten. Damals waren Sie gerade mal zwanzig Jahre alt. Jetzt arbeiteten Sie als erfahrene Schauspielerin an « Avatar 2» wieder zusammen. Wie war das?

Es war toll! Jim hat mich auch damals schon respektiert und ich habe oft gesagt: In einer Krise ist man am besten bei James Cameron aufgehoben, denn er weiss einfach immer, was zu tun ist.

Regisseur James Cameron mit Kate Winslet an der Premiere des 3D-Specials «Titanic »im Jahr 2012.

Regisseur James Cameron mit Kate Winslet an der Premiere des 3D-Specials «Titanic »im Jahr 2012.

Bild: Keystone

Das lang erwartete Sequel soll viele Unterwasser-Szenen haben…

Ja, ich habe zwar mit 24 Jahren mein Tauch-Brevet gemacht, aber für die Rolle in « Avatar 2 » hatte ich ein intensives Free-Diving-Training in England und in Los Angeles. Mit Scuba Diving hat das nichts zu tun…

Sie haben angeblich Ihren Atem über 7 Minuten lang angehalten und damit den Filmset -Rekord von 6 Minuten von Tom Cruise gebrochen?

Scheinbar! Mit sogar 7 Minuten und 14 Sekunden! Mein Mann hat es gefilmt.

Wie hält man die Luft solange an?

Es ist eine richtige Kunst. Man muss den Kopf leeren, den Herzschlag runterfahren, eine Serie von Atemübungen machen und den Körper mit Sauerstoff anreichern. Es ist ein ziemlich komplizierter Prozess. Das Training hat mir viel gebracht: Manchmal, wenn ich gestresst bin, möchte ich am liebsten in einen Swimming Pool springen und die Luft anhalten, denn es ist so entspannend.

«Ammonite»: Versteinert und verliebt

«Ammonite» (GB/USA/Australien 2020), Regie: Francis Lee. Ab 20. Mai im Kino.

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«Portrait of a Lady on Fire», «The World to Come» und «Ammonite» – das lesbische Kostümdrama macht derzeit im Kino so viel Boden gut, dass die US-Satire-Show «Saturday Night Live» ihm bereits einen Sketch inklusiv sehnsüchtige Blicke und bebende Korsetts gewidmet hat. «Ammonite», inszeniert vom Briten Francis Lee, stellt sich die spekulative Liebesgeschichte von Mary Anning und Charlotte Murchison vor.

Kate Winslet und Saoirse Ronan bringen die Einsamkeit und das Verlangen der beiden Frauen in der repressiven viktorianischen Zeit nachvollziehbar auf den Punkt: Es ist 1840, und Mary wühlt an der Küste Englands nach Fossilien und bietet sie zum Verkauf an. Der Paläontologe Roderick Murchison ist begeistert von Marys Kenntnissen, und als er abreisen muss, lässt er seine «melancholische» Frau Charlotte bei Mary an der frischen Luft. Die Gegenwart der sensiblen jungen Frau lässt Marys harte Schale bröckeln und setzt in ihr unterdrückte Begierden frei.
von Marlène von Arx

«Mare of Easttown»: Hemdsärmelige Ermittlerin

«Mare of Easttown» (USA 2021, 7 Folgen); ab 21. Mai bei Sky Show.

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Pennsylvania im Hier und Jetzt. Mare Sheehan, so heisst die von Kate Winslet verkörperte Figur, ist Detective in einer düsteren Kleinstadt. Schwer traumatisiert vom Suizid ihres Sohns, ermittelt die frisch Geschiedene mit einer Vorliebe für Flaschenbier, lampigen Fastfood und Kapuzenpullis im Mordfall an einer jungen Mutter. Bald zeigt sich: Er könnte mit dem Verschwinden einer Frau von vor mehr als einem Jahr zusammenhängen.

Als eine weitere junge Frau verschwindet, haben die Ermittler eine Spur. Winslet bringt das Trauma einer Mutter auf ungeschminkte Art auf den Schirm. Und das nicht nur im übertragenen Sinn. Ein weiteres Highlight: Die sehr direkte, manchmal gehässige und doch liebevolle Dreierbeziehung zwischen Mare, ihrer Tochter und ihrer eigenen Mutter. Winslet übrigens war auch ausführende Produzentin dieser HBO-Serie.von Daniel Fuchs

«Avatar 2»: Comeback mit James Cameron

Kate Winslet bei den Dreharbeiten für Avatar 2.

Kate Winslet bei den Dreharbeiten für Avatar 2.

Bild: zvg

Kate Winslet und James Cameron – das Duo verspricht vor allem, dass die Kasse stimmt. Der Science-Fiction-Film «Avatar» von 2009 ist bis heute der erfolgreichste Film, was das Einspielergebnis in den Kinos betrifft. Der Regisseur: James Cameron. Mit ihm hat Kate Winslet erst ein Mal zusammengearbeitet, 1997 für «Titanic», der Kassenschlager mit Leonardo DiCaprio, der ebenfalls in der Top 3 der erfolgreichsten Filme rangiert.

Nun hat Cameron zuerst eine Trilogie, dann eine Tetralogie und schliesslich sogar eine Pentalogie versprochen. Teil 2 ist längst gedreht. Im Cast: Kate Winslet. Ins Kino kommt «Avatar 2» erst 2022. Der 3-D-FIlm spielt grösstenteils unter Wasser. Arme Kate! Wieder muss sie ins Wasser.
von Daniel Fuchs