Instagram-Serie
Neue Formate wie «Becoming Momo» oder «Ich bin Sophie Scholl» holen die Daily Soap auf Instagram

Grosse Geschichten können in 15 Sekunden erzählt werden. Das beweisen neue Serienformate auf Instagram. Heikler ist die Sache mit der Glaubwürdigkeit.

Anna Raymann
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Nina Brack, Tim Rohrbach und Ayana Stäubli spielen die Hauptfiguren in der Instagram-Serie «Becoming Momo».

Nina Brack, Tim Rohrbach und Ayana Stäubli spielen die Hauptfiguren in der Instagram-Serie «Becoming Momo».

zvg

Auf Instagram ist nichts echt. Das Bild von Momo mit Katze, die Pose mit dem Protestplakat – alles nur aufgesetzt und gespielt. Momo gibt es nämlich gar nicht und dennoch könnte ihr Auftritt nicht authentischer sein. Hinter diesem Widerspruch steckt ein mutiges Serienformat. Die 16-jährige Teenagerin, die so offen von ihren alltäglichen Sorgen erzählt, ist die Hauptfigur in «Becoming Momo», einer fiktionalen Jugendserie, die ausschliesslich auf der Social-Media-Plattform Instagram läuft.

Momo (Nina Brack), Ben (Tim Rohrbach) und Zoe (Ayana Stäubli) werden gemeinsam erwachsen. Sie kämpfen mit der Liebe, der Schule und gegen die Klimakrise. Parallel auf drei Kanälen erzählen die Protagonisten die Dramen der Pubertät jeweils aus ihrer Perspektive. Folgt man allen dreien, verdichten sich die Handlungsstränge. In die Tiefe geht es dank der Laufzeit: über neun Monate entwickeln sich die Charaktere sozusagen in Echtzeit. Einige Szenen werden tatsächlich live gedreht. Sieht man Momo eben noch auf Instagram beim Malen von Protestplakaten zu, begegnet man ihr später vielleicht tatsächlich auf der Klima-Demo: «Die Illusion ist perfekt», sagt This Lüscher, Regisseur und Produzent des Formats. «Wir wollen etwas produzieren, dass uns, aber auch unsere Zielgruppe herausfordert.» Als Co-Produzentin trägt SRF das Projekt mit.

Hat Netflix ausgedient?

Dank der Streamingplattform Netflix haben wir uns an eine allabendliche Portion Hollywood gewöhnt. Der Anspruch an Kamera, Ton und Effekte ist dort selbst bei Sitcoms und Daily Soaps hoch. Dem gegenüber fordert «Becoming Momo» die Sehgewohnheiten heraus. «Es ist eine neue Ästhetik, die man lernen muss», gibt This Lüscher zu. Das Bild wird ins Hochformat gekippt und drängt in dieser Ausrichtung epische Landschaften und Szenerien aus dem Bildrand. Eine Sequenz dauert 15 Sekunden und die vierte Wand wird aufgebrochen, sodass die Schauspielerinnen ihre Geschichte dem Publikum so erzählen können als wäre man eng befreundet. Während das Bild wackelt und der Ton überschlägt, vergisst man bisweilen, dass man fiktive Figuren vor sich hat. Kein Filter und keine Filmmusik verstellt dieses Bild, hier gelten die Regel der Plattform und die oberste heisst «Authentizität».

Die Schweizerin Luna Wedler spielt Sophie Scholl.

Die Schweizerin Luna Wedler spielt Sophie Scholl.

SWR/BR

Weniger handgestrickt geht es – auf derselben Plattform – ein paar Kanäle weiter zu. Ein Mädchen mit dunklem Seitenscheitel und knielangem Rock steigt eben am Münchner Bahnhof aus der Dampflock. Sie ist bereit für die neue Stadt, das neue Studium, sie ist Sophie Scholl. Moment, Sophie Scholl auf Instagram? Anlässlich des 100. Geburtstags der Widerstandskämpferin trumpft SWR und BR mit einer hochkarätigen Produktion auf. Sophie Scholl, gespielt von der Schweizer Schauspielerin Luna Wedler, führt mit der Selfie-Kamera während zehn Monate durch ihr Leben und den Kampf gegen die Nationalsozialisten.

Historische Ereignisse zwischen Urlaubsfotos

Eine historische Figur ins Heute zu holen, mag verlocken. Doch seltsam ist es schon, die Geheimorganisation Weisse Rose nun vor über 500 Tausend Followern – Verfolgern – agieren zu sehen. Die Verfolger, die Sophie Scholl 1943 tatsächlich hatte, verurteilten sie zum Tod. Ein Moment der Geschichte, der nicht zwischen hübsche Interiorbilder und Urlaubsfotos passt.

Dennoch scheint das historische Format zu tragen. Ebenfalls letzte Woche gestartet ist der Kanal von Anna, einem Verdingkind. Die Doku-Fiktion «Vergiss mich nie», eine Co-Produktion der Zürcher Hochschule der Künste und SRF, erreicht mit diesem düsteren Kapitel der Schweizer Geschichte eine Gemeinschaft, die man auf Instagram nicht vermutet hätte. In den Kommentarspalten löst die persönliche Anspracheneben «Likes» auch intime Erfahrungsberichte von Betroffenen aus.

«Es ist schwierig in der Schweiz für ein transmediales Projekt Geld zu erhalten, das zwischen die klassischen Kategorien wie Film oder Kunst fällt. Ohne Herzblut wäre das nicht möglich.»

Es ist ein schmaler Grat zwischen Kitsch und sensiblem Interesse, zwischen Glaubwürdigkeit und Verklärung. «Becoming Momo» umgeht die Ambivalenz, indem es sich nicht auf einen Zeitsprung einlässt. Die Serie bleibt nahe an den Jugendlichen und nimmt ihre heutige Lebensrealität ernst. Das liegt mitunter daran, dass die «Filmkids» an Figuren und Drehbuch selbst mitgeschrieben haben. Natürlich operieren die Produzenten mit einem ganz anderen Budget als die deutsche Produktion «Ich bin Sophie Scholl». Für die Serie, die während neun Monaten parallel auf drei Kanälen betrieben und betreut wird, steht ein Budget von einer halben Million zu Verfügung. «Es ist schwierig in der Schweiz für ein solches transmediales Projekt Geld zu erhalten, da es zwischen die klassischen Kategorien wie Film oder Kunst fällt», sagt This Lüscher, «Ohne Herzblut wäre das nicht möglich.»

«Becoming Momo», auf Instagram als @becoming.momo seit 9.5. «Ich bin Sophie Scholl», auf Instagram als @ichbinsophiescholl seit 4.9. und «Vergiss mich nie», auf Instagram als @vergiss.mich.nie seit 3.5.