Manchmal muss man Glück haben. Und zum Beispiel während der Preview der Biennale Venedig zufällig am richtigen Ort logieren. Es gibt nämlich keine vernünftigen Gründe, um als Touristin ins Quartier La Celestia zu gehen. Nun aber finden Sie ausgerechnet hier den offiziell besten, mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Länderpavillon der diesjährigen Biennale: Die Nonstop-Oper «Sun & Sea (Marina)» über Strandfreuden und Freizeitwahn. Von der Empore blickt man auf den künstlichen Strand mit echten Menschen, die sich im Licht von Wärmelampen aalen und den Chorpart singen. Musik und Texte sind fein, poetisch und kritisch. Die Auszeichnung für Lina Lapelyte, Vaiva Grainyte and Rugile Barzdziukaite ist mehr als verdient. Die Oper wurde schnell als Geheimtipp gehandelt, die Schlangen während der Preview wurden also lang und länger. Doch ich konnte vor den Massen hin, es war ja zum Glück gleich um die Ecke.

Ein Spaziergang nach La Celestia lohnt sich aber auch, weil man hier ein anderes Venedig erlebt – ein alltägliches, ruhiges. Am lautesten sind die spielenden Kinder und die Güselmänner, die sich rufend ankündigen, damit man seinen Sack am Schnürli runterlässt. Hier wird gewohnt, die Wäsche rausgehängt, es hat Lädeli, eine kommune Bar oder man kann mit den Bauarbeitern in der «Osteria Do Maria» zu Mittag essen.

Venedig verändert sich

Kommt dazu, dass das zwischen Stadt, Lagune und geschlossenem Militär-Bezirk eingeklemmte Quartier erst seit kurzem mit einem Steg über der Lagune mit dem Arsenale Nord verbunden ist. Das Militär, die Marine, gibt immer mehr Platz frei. So entstehen hier in den schönen, grosszügigen Backsteinbauten Wohn- und Arbeitsraum sowie grosse Hallen für Kultur. Ist einem am Markusplatz oder bei der Rialto-Brücke überhaupt bewusst, dass sich auch Venedig städtebaulich verändert?

Vorerst winken die monumentalen, weissen Hände von Lorenzo Quinn’s Installation einen hierher. Ein Boot pendelt während der Öffnungszeiten im 20-Minuten-Takt zu diesem Biennale-Eingang ohne Wartezeiten. Man kann von dort auch durch den verwunschenen Giardino delle Vergini und durch malerische Gassen angenehm zu den Giardini, dem zweiten Epizentrum der Biennale, wandern.

Dorthin gehen wir nur kurz, um noch einige Länder-Pavillons anzusehen. Frankreich: keine Chance innert nützlicher Frist hineinzukommen. USA, Grossbritannien, Ungarn, Skandinavien: zum Vergessen schlecht. Aber lassen Sie sich von «Swinguerra» bei Brasilien mitreissen, vom 93-jährigen Tschechen Stanislav Kolíbal in die Grundlage der abstrakten Plastik einführen, legen Sie sich in die dynamischen Bänkli von Jeppe Hein und schauen Sie den Inuit-Film bei den Dänen. Mein Tipp in den Giardini: Ägypten ist wie immer unschlagbar anders!

Aber nun ab in die Stadt, wenigstens zu einigen der dezentralen Nationenauftritte und eventi collaterale. Schuhe binden, Plan zur Hand! Das Handy für die Fotos geladen. Eine Entscheidung muss jede und jeder für sich treffen: Will ich über den Markusplatz oder doch lieber mit dem Vaporetto den Touristenengpass umfahren? So oder so ist der Orientierungslauf ein Erlebnis. Google-Map und Venedigs Gewirr von Gassen und Kanälen sind ja nicht immer kompatibel – die Routen-Empfehlung lotst einen öfter mal in einen Hof ohne Ausgang oder lässt einem vor einem Kanal die Wahl, entweder zu schwimmen oder umzukehren.

Offene Palazzi

Dank der Biennale bekommen wir Einlass in sonst verschlossene Gebäude. Wunderbar ist der Saal im Piano Nobile des Palazzo Lezze am Campo Santo Stefano – und die virtuellen Kunst-Realitäten aus Aserbaidschan sind sehenswert dazu. Das kann man von den portugiesischen Skulpturen im Palazzo Giustinian Lolin leider nicht sagen, ärgerlich ist gar, dass man hier versucht, mit Einbauten die üppig dekorierten Räume auszublenden. Wie als Trost dringt aus dem oberen Stockwerk Operngesang – der gehört zwar nicht zur Biennale, aber passt ins Ambiente des herrschaftlichen Treppenhauses.

Dass sich an vielen Orten Kunst-Trittbrettfahrer in der Nähe der offiziellen Beiträge eingenistet haben, gehört irgendwie zum Grossanlass Biennale. Auch wenns selten zum Nutzen der Kunst ist wie im Palazzo Zenobbio mit seiner barocken Pracht. Hier haben sich riesige Gruppen neben den so ernsthaft wie lustig blinkenden Installationen aus Bangladesch einquartiert. Wunderbar sind der Rosenhof dahinter und eindringlich die Präsentation von Armenien über seine Revolution von 2018 im ärmlichen Hinterhof.

Irak und Iran haben sich nur einen Katzensprung voneinander einlogiert. Der kurdisch-irakische Künstler Serwan Baran, einst Kriegsmaler im Solde der irakischen Truppen, zeigt Eindrückliches zum über 40-jährigen Kriegszustand in seinem «Fatherland». Im iranischen Pavillon zelebriert Reza Lavassani mit einer imposanten, gedeckten Tafel aus Papiermaché die schönen Seiten des Lebens. Die erleben wir hier auch: Auf dem Terrässli direkt am Canal Grande laden zwei Sessel zur gemütlichen Pause. Trotzdem zeigt der Schrittzähler am Abend gut 20 000 Schritte an. Aber waren es wirklich nur 14 Stockwerke?

Alles Sehenswerte ausserhalb der Epizentren zu sehen, schafft man auch in anderthalb Tagen nicht – schon gar nicht auch noch auf die Inseln rauszufahren. Etwa zum neu eröffneten Art-Centre auf der Insel Giudecca. Schade.

Biennale Venedig Bis 24. November.