Glücklich mit Aerobic
Tanz dich frei aus Gesellschaftszwängen: Weshalb die Serie «Physical» von Apple so gut funktioniert

Schweiss, hautenge Bodys und der Sound der 1980er: Rose Byrne spielt in «Physical» die leidende Hausfrau und tritt aus dem Schatten ihres ach so progressiven Alt-Hippie-Politikergatten. Wie gelingt ihr der Befreiungsschlag?

Daniel Fuchs
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Wird zu einer Ikone der Aerobic-Szene: Sheila (gespielt von Rose Byrne).

Wird zu einer Ikone der Aerobic-Szene: Sheila (gespielt von Rose Byrne).

Bild: Apple

Es ist der Beginn der Reagan-Jahre, der Heimmarkt für Videokassetten steht ganz am Anfang: Willkommen im Amerika der frühen 1980er. Wir befinden uns in Kalifornien, dem von Sonne, Strand und Spass geprägten US-Staat. Die Konsumgesellschaft reitet eine nicht enden wollende Welle. Mittendrin: die Mutter einer Tochter und an Selbstverachtung leidende Sheila Rubin (gespielt von der australischen Schauspielerin Rose Byrne).

Die glücklichen Jahre des Aufbegehrens mit ihrem Mann Danny, einem Linken und einstigen Anführer der Studentenproteste, sind vorbei, die Kleinfamilie ist arriviert im konservativ geprägten San Diego in Südkalifornien.

Sind sie nicht bezaubernd? Sheila und Danny (Rory Scovel).

Sind sie nicht bezaubernd? Sheila und Danny (Rory Scovel).

Bild: Apple

Frauenfeindliche linke Szene

Nun, der Gatte verliert seinen Job und will eine Karriere als Lokalpolitiker lancieren. Dem Wachstumsdrang der Wirtschaft will er Natur- und Küstenschutz entgegensetzen. Innerlich hat Sheila längst abgeschlossen mit ihrem Mann, doch sie hält eine Fassade aufrecht und muntert ihn auf, signalisiert ihm, «ich stehe zu dir, egal, was passiert».

Was Danny quittiert mit einer Art – sagen wir – Kompliment: «Du bist wie der Bass in einem Musikstück. Unauffällig, hintergründig, manchmal kaum wahrnehmbar. Doch ohne Bass trägt die Melodie nicht.» Womit er natürlich sich selbst meint.

Trailer zu «Physical».

Quelle: Youtube

Sheila wirkt wie eine Gefangene ihrer eigenen Herzlichkeit, die sie nicht abzulegen vermag. Dabei hat sie ein Problem: Das Ersparte, mit dem Danny den Wahlkampf finanzieren will, ist weg. Weggefressen durch Sheilas immer wiederkehrenden Fressattacken, für die sie sich mit sackweise Hamburger und Pommes in Motelzimmern einschliesst und das Zeug in sich hineinstopft. Nur, um sich danach zu erbrechen – und sich besser zu fühlen.

Schwarzhumorig und bitterböse

Doch mit dem politischen Kampf ihres Mannes kann sie ohnehin nicht mehr viel anfangen. Mehr noch, sie will nichts anderes, als an der Wachstumsgesellschaft teilhaben. Und als sie in einem Shoppingcenter eines lokalen Wirtschaftsmagnaten, des Erzfeindes ihres Mannes also, Gefallen findet an Aerobic-Kursen, ist es um Sheila geschehen.

Tolles Outfit, tolle Rolle: Schauspielerin Della Saba als Bunny.

Tolles Outfit, tolle Rolle: Schauspielerin Della Saba als Bunny.

Bild: Apple

In Aerobic findet Sheila Erlösung von ihren Zwängen (die gertenschlanke Sheila schimpft sich in ihren Aussetzern selbst auch mal «fette, schmutzige Kuh»). Mit Bunny, der Aerobic-Instruktorin und deren Partner, einem Surferbuddy und Pornofilmer, produziert sie ein Aerobic-Video, auf das sich die gelangweilten Hausfrauen in San Diego stürzen.

Die zehnteilige Serie «Physical», umgesetzt übrigens vom Regisseur des punkigen Disney-Dalmatiner-Prequels «Cruella», Craig Gillespie, treibt ein tolles Spiel mit Oberflächlichkeit und übt darüber hinaus bitterböse Gesellschaftskritik.

Und das alles in Kombination mit einer sättigenden Portion schwarzen Humor, den glitzernden Requisiten und Aerobic-Kostümen aus einer vergangenen Epoche, unterlegt mit einem wunderbaren Soundtrack zwischen Bonnie Tyler und Depeche Mode. Grossartig.

«Physical» (USA 2021, zehnmal 25–30 Minuten); Idee: Annie Weisman; auf Apple TV+.