Die Einleitung beginnt geräuschhaft-leise, als ob ein Besen über den Boden wischte. Dann werden Saiten so gezupft, dass man an einen Wanderer denkt. Jäh platzt scharfes Blech dazwischen, bis nach einer gefühlten Ewigkeit eine Streichermelodie anhebt und der Tenor die ersten Worte von Franz Schuberts Liederzyklus «Winterreise» singt: «Fremd bin ich eingezogen / Fremd zieh’ ich wieder aus.» Was man schon oft gehört hat, klingt in Hans Zenders 1993 «komponierter Interpretation» für ein mit 24 Musikern besetztes Kammerorchester anders, da mit verfremdenden Mitteln das Vertraute reflektierend und ergänzend. Dass die Tenorstimme mitunter elektronisch verstärkt wird und somit die Hörerwartung nach Schubertscher Schönheit nicht bedient, unterstreicht Zenders oft gespielte Neubefragung.

Für den Choreografen Christian Spuck legt diese «ebenso einfühlsam wie radikal das Verstörungspotenzial von Schuberts Zyklus wieder frei». Wieder – das heisst: Man kann der zur Ikone gewordenen «Winterreise» unbelastet begegnen; gerade weil man es nicht mit einem Sänger und einem Pianisten, sondern mit einem Orchester und in Zürich auch mit Tänzerinnen und Tänzern zu tun hat.

Gefrorene Bewegung

Das Aussichtslose, Eisige und zugleich Sehnsüchtige, das Schuberts Zyklus durchzieht, findet seine optische Entsprechung in Rufus Didwiszus Bühne: ein grauer, hermetischer Raum. Weit hinten öffnet sich ab und an ein Zugang in die Tiefe. Eine Hebebühne hievt anfänglich das gesamte, in Schwarz gekleidete Ensemble (Kostüme: Emma Ryott) auf die Bühne: eine kompakte Masse, aus der sich Gruppen, Einzeltänzer oder Duos lösen, deren Bewegungen und Gesten oft unerwartet «stehenbleiben» und wie gefroren wirken – als ob sie kein Ziel kennten. Plustert sich die Musik dank satter Bläser auf, verfällt Spuck nicht auf die Idee, die Tänzer auf der Bühne dasselbe tun zu lassen. Im Gegenteil: je kraftvoller die Musik, je marginaler die Gesten, aber nicht die Gänge. Sie stechen heraus, denn die Tänzer bewegen sich oft den Wänden entlang, wobei ihre Schritte im Zeitlupen- oder im beschleunigten Tempo erfolgen.

Illustriert wird in Spucks Inszenierung nicht eines der 24 Lieder von Schuberts Zyklus. Nur einmal darf beispielsweise der Winter tatsächlich «Farbe» bekennen. Da durchqueren Tänzer in rascher Folge die Bühne und wirbeln dabei Schneeflocken auf. Ja, selbst die berühmten Raben erscheinen nicht dort, wo man sie erwarten würde. Und auch die Zeilen «Am Brunnen vor dem Tore / Da steht ein Lindenbaum» kontrastiert Christian Spuck, indem er einem gelöst tanzenden Paar Männer auf Stelzen gegenüberstellt, die an Kriegsversehrte erinnern.

Sensationelle Musiker

Dergestalt hinterfragt Zürichs Ballettdirektor Lied um Lied und gelangt so zu einem vielschichtig-rätselhaften, tänzerisch ungemein berührenden Ergebnis, dessen Denkanstösse herausfordern. Wie sehr das Orchester und dessen Dirigent Emilio Pomàrico daran ihren Anteil haben, kann nicht hoch genug veranschlagt werden: Sie sind sensationell. Weil der Tenor Mauro Peter die Vorstellung krankheitshalber absagen musste, sprang für ihn Thomas Erlank ein: ein Glücksfall. Erlank gelang eine mustergültige, ebenso hochsensible wie unforciert nachdrückliche Interpretation der «Winterreise» – seine erste übrigens.

Opernhaus Zürich: Vorstellungen bis Dezember 2018