Gesellschaftsroman
Juli Zeh blickt im Roman «Über Menschen» ins Dorf und in eine Gesellschaft im Krisenmodus

Gerade aufs Land gezogen, ist die Berliner Texterin Dora gleich auch Nachbarin des ruppigen «Dorf-Nazi» Gote. Bestsellerautorin Juli Zeh stellt in ihrem Roman «Über Menschen» eine Frau in das dörfliche Ostdeutschland – und erweist sich als Erbin Fontanes.

Bettina Kugler
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Schriftstellerin Juli Zeh.

Schriftstellerin Juli Zeh.

Jens Kalaene/DPA

Ein Hund sagt mehr als tausend Worte. Allein der Name: Jochen-der-Rochen. Den hat sich die kleine Hündin selbst zuzuschreiben, wie oft bei Spitznamen. Sieht sie nicht wirklich aus wie ein dreieckiger Plattfisch, wenn sie auf dem Bauch liegt und wohlig die Hinterbeine spreizt? Doch warum Jochen? «Ich fand das mal lustig, schätze ich», sagt Jochens Besitzerin Dora, Werbetexterin in einer auf nachhaltige Produkte und Ideen spezialisierten Berliner Agentur, beim Kennenlerngespräch über die Mauer hinweg zu ihrem neuen Nachbarn Gote. Er ist Typ glatzköpfiger Hüne und stellt sich vor mit: «Angenehm, ich bin hier der Dorf-Nazi.» Noch ein paar Klischees mehr gefällig?

Bald sieht die Hauptfigur die neue Welt mit anderen Augen

Aber die Welt ist, wie sich in Juli Zehs neuem Roman «Über Menschen» bald herausstellen wird, zum Glück ein bisschen bunter und die Wirklichkeit anders, als sie auf den ersten Blick erscheint: wie Jochen-der-Rochen eben. Ein grundsympathischer Köter, der aussieht «wie etwas, das sich die japanische Spielzeugindustrie ausgedacht hat». Eine Promenadenmischung mit urbanem Migrationshintergrund, die es samt Frauchen in die brandenburgische Pampa verschlagen hat.

Juli Zeh: Über Menschen. Roman. Luchterhand, 416 Seiten.

Juli Zeh: Über Menschen. Roman. Luchterhand, 416 Seiten.

Jochens erstes Beschnuppern mit Gote fällt ziemlich unsanft aus. Das Hündchen lässt sich davon in seinem Vertrauen auf das Gute im Menschen nicht beirren, und so viel sei verraten: Auch Dora wird auf dem flachen Land, rund um ihr noch «vor Corona» erworbenes Haus in Dorfrandlage mit sehr viel Umschwung (im Grundbuch steht «Flurstück») die Dinge bald anders sehen als vorher in Berlin Kreuzberg, in ihrer Filterblase. Ziemlich unüberlegt und planlos ist sie kurz vor Ostern «ausgebüxt» aus dem unfreiwilligen Homeoffice und aus der Beziehung mit Robert, dem Besserwessi in der sicher aktuellsten Version, die ein Gesellschafts­roman im März 2021, also im Jahr zwei mit Corona, bieten kann.

Die städtischen Highperformer rennen im Hamsterrad ihrer Projekte

Robert, Onlinejournalist, hat «die Apokalypse» vorausgesehen. Ursprünglich Klima­aktivist am Laptop und bei den Fridays-for-Future-Demos ist er ziemlich schnell Prophet und Prediger allerstrengster Coronamassnahmen und geht Dora damit ziemlich auf den Geist. Sie ist zwar keine Querdenkerin, denkt aber trotzdem ziemlich viel und bringt es knackig-hintersinnig auf den Punkt: Das macht Juli Zehs Zeit- und Gesellschaftsroman zu einem Lesevergnügen mit hohem Wiedererkennungswert. Obwohl die Dinge, die Dora beobachtet und im Kopfkarussell bewegt, meist bitterernst sind: Seien es die Erschütterungen der Vollkaskomentalität durch ein unberechenbares Virus, sei es das Hamsterrad der «Projekte», in dem die gut ausgebildeten städtischen Highperformer gefangen sind.

Und auf dem Dorf entdeckt sie die Vielschichtigkeit

Draussen in Brandenburg entdeckt Dora eine ganz andere Welt und andere Probleme: Einkaufscenter und Baumärkte, zu denen es ohne Auto eine Tagesreise ist. Stillgelegte Dörfer, seltsame Menschen, die eins verbindet: die breite Zustimmung zur AfD. Doch je länger Dora ihr «Flurstück» umgräbt und sich neu zu sortieren versucht, desto mehr wird ihr bewusst, dass die neuen Nachbarn vielschichtiger, «diverser» sind als angenommen. Dass es doch etwas Starkes, Positives gibt, das sie zusammenschweisst ­– mag Dora auch in Schockstarre verfallen, sobald sie Rassismus wittert.

Ein Werbetext für gutes, vorurteilsfreies Leben

Die Pandemie ist im Dorf fernes Hintergrundrauschen, eine urbane Angelegenheit wie Gendern, Abfalltrennung, Veganismus. Draussen in Bracken, so heisst das Kaff, haben die Menschen andere Sorgen. Das tönt mehr schwarz-weiss, als es ist – denn Seite für Seite gewinnt der Roman an Tiefe und wird zu einer Art Werbetext für gutes, vorurteilsfreies Leben. Zwar ist eine kritische, politisch wache Autorin wie Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, aber seit Jahren in einem Dorf in Brandenburg zu Hause, weit davon entfernt, den deutschen Osten, die rechtslastige Provinz schönzufärben. Das war bereits in ihrem Bestseller «Unter Leuten» so. Ebenso unbestechlich ist jedoch auch ihre Sicht auf andere Milieus. Wie ihre Hauptfigur Dora entzieht sie sich dem Dauerzwang zum Meinen und Werten. Umso näher kommt sie unserer Zeit, den Menschen, die sich darin zurechtfinden müssen, ihren Schwächen und Widersprüchen. Aber auch dem, was sie antreibt, einander zu helfen oder links liegen zu lassen.

Das verbindet die sehr gescheite Juli Zeh, die sich als Unterhaltungsschriftstellerin definiert, mit einem grossen Vorgänger aus Brandenburg: Theodor Fontane. Auch er bewegte sich seinerzeit unter Leuten, schrieb mit Gespür für Marotten und Denkmoden über Menschen und setzte gegen den Drang zum Übermenschentum seine feine, treffende Ironie ein.