Musik

Georg Schlunegger ist der erfolgreichste Schweizer Komponist – wer ist der Mann mit dem analytischen Kalkül?

Schlunegger lebt in Zürich, doch sein Publikum ist auf dem Land und in den Bergen zu Hause.

Schlunegger lebt in Zürich, doch sein Publikum ist auf dem Land und in den Bergen zu Hause.

Er entwirft seine Songs auf dem Reissbrett und sieht sich als Vermittler zwischen der ländlichen und der urbanen Schweiz: Georg Schlunegger ist einer der wenigen volkstümlichen Intellektuellen.

Vor dem Chalet in Grindelwald plätschert ein Holzbrunnen mit Bluemetrögli, eine stolze Tanne spendet Schatten. Prächtig ist der Ausblick von der grosszügigen Laube auf den Grindelwaldgletscher, die Felswand des Mättenberg und die mächtige, weltberühmte Eigernordwand. Was für Städter wie ein Klischee aus einem Schweizer Heimatfilm der 40er- oder 50er-Jahre aussieht, ist hier Realität. Wir sind im Reich der Schluneggers.

In dem Achtzimmerchalet im klassischen Grindelwaldnerstil ist Georg Schlunegger aufgewachsen, hier wurde er musikalisch sozialisiert, lernte autodidaktisch Klavier, Schlagzeug und Gitarre, hier komponierte er im Alter von 14 Jahren seine ersten Songs, hier war sein erster Bandraum, hier gründete er mit dem späteren «Musicstar»-Sänger Daniel Kandlbauer seine erste Band und hier zieht es ihn mit seiner vierköpfigen Familie immer wieder hin. Hier fühlt er sich wohl, hier ist sein Zuhause.

© Britta Gut

Sechs Alben in den aktuellen Album-Charts

Heute lebt er mit seiner Frau Olivia und seinen beiden Töchtern Layla und Elif im Alter von drei und fünf Jahren in Zürich, arbeitet mit Roman Camenzind und Fred Hermann in der Schweizer Songfabrik Hitmill und ist der mit Abstand erfolgreichste Komponist des Landes.

In der aktuellen Schweizer Album-Hitparade findet man gleich sechs Alben, die er produziert und komponiert hat. Am erfolgreichsten ist er mit dem Chor Heimweh, der mit zwei Alben, dem neuen Album «Zämehäbe» (Platz drei) und dem Longseller «Ärdeschön» (seit 45 Wochen in den Charts), vertreten ist.

Doppelt platziert ist auch die Stubete Gäng («Dunne mit de Gäng» und «Stubete Gäng»). Dazu kommen die Schwiizergoofe mit ihrem Kinderpop, die Mamiband Härz, die Rheintaler Mundart-Rockband Megawatt, die sich schon seit 19 Wochen auch in der Hitparade tummelt, sowie das Projekt von Anna Känzig & Tobey Lucas. Bisher hat er 800 000 Tonträger verkauft, fünf Swiss Music Awards und zwei Prix Walo gewonnen.

Die Schluneggers sind ein alteingesessenes Grindelwaldner Geschlecht von Bauern, Bergführern und Skilehrern. Skifahrerin Hedy Schlunegger, die Cousine seiner Grossmutter, wurde 1948 Olympiasiegerin in der Abfahrt. Georg Schlunegger berichtet:

Insofern fällt Georg Schlunegger aus der Reihe. «Mit meiner Musik bin ich der Exot der Familie», sagt er. Er ist drauf und dran, seine berühmte Vorfahrin in Sachen Bekanntheit in den Schatten zu stellen.

Zunächst lief für Georg Schlunegger alles in geordneten Bahnen. Seine Mutter erkannte die musischen Fähigkeiten ihres Jünglings und wollte ihn an die Kunstgewerbeschule oder ans Gymi schicken. «Ich wollte aber lieber hier bei meiner Band bleiben. Ich war es, der gebremst hat. An eine Option Berufsmusiker habe ich weniger als meine Eltern geglaubt.»

Deshalb machte er eine KV-Lehre bei der Jungfraubahn und holte die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nach. Musik war zwar schon damals seine Leidenschaft. Er sagt:

Georg Schlunegger Komponist und Produzent

Georg Schlunegger Komponist und Produzent

Selbst nach der Matura hat er es nicht für möglich gehalten, dass jemand aus Grindelwald Karriere als Musiker machen könnte. «Das war jenseits meiner Vorstellungskraft,» sagt er. Deshalb begann er 2002 an der Uni in Bern ein Geschichtsstudium mit dem Ziel Gymilehrer. «Etwas Solides und Ernsthaftes» sollte es sein.

Bern war für den Bergbuben ein Kulturschock. Gleich unter dem Historischen Institut befand sich die Berner Reithalle.

© Keystone

«Meine Kommilitonen haben das wie selbstverständlich hingenommen. Für mich war das eine andere Welt, etwas Unwirkliches, der verrückteste Ort der Welt. Eine Art Disneyland», sagt Schlunegger, ich habe offenbar die Zeit gebraucht, um mich zu entwickeln.»

Lizenziatsarbeit über Rassismus in Deutschland

Sein Studium schloss er 2008 mit einer Lizenziatsarbeit mit dem Titel «Der gerechte Terror» ab (Höchstnote 6). Schlunegger weist darin nach, dass sich der Rassismus in Deutschland schon ab 1850 in die Rechtsphilosophie eingeschrieben hat, um rassistische Gesetze umzusetzen. «Die spätere Hitler-Diktatur basiert auf einer Rechtsgrundlage, die über Jahre, schon vor Hitler, gewachsen ist. Nazideutschland war also nicht das Resultat eines einzelnen Wahnsinnigen. Der Nationalsozialismus war auch eine intellektuelle und elitäre Bewegung. Das hat mich fasziniert», sagt Schlunegger.

Er hätte sich damals vorstellen können, in die Geschichtsforschung zu gehen. Es kam anders. Die Musik wurde während des Studiums immer wichtiger, seine Kompositionen immer erfolgreicher. Er schrieb für Musikverlage in der Schweiz und in Österreich. Das war die Zeit der Schweizer Castingsendung «Musicstar». Die Gewinner und Kandidaten brauchten nach Abschluss der Sendung Songs.

Schlunegger hat zum Beispiel die Siegersongs für Fabienne Louves und andere Teilnehmer geschrieben und natürlich für Daniel Kandlbauer, seinen alten Kumpel aus Grindelwald. Die Anfragen häuften sich. Schlunegger:

Zwei Welten prallten aufeinander. Die einfache, heile Welt des Schlagers und der elitäre, vergeistigte Universitätsbetrieb.

Dann ging alles schnell. Roman Camenzind wurde auf ihn aufmerksam und fragte, ob Schlunegger 2010 für Hitmill arbeiten würde. Das Wunder war da. Schlunegger wurde Profimusiker, zum Hauptkomponisten, später zum Miteigentümer von Hitmill und schrieb Lieder für Schweizer Interpreten von Anna Rossinelli, Eliane, Anna Känzig, Adrian Stern, Florian Ast bis zum Mundartsänger Kunz. Dazu vertrat er 2013 die Schweiz mit der Heilsarmeeband Takasa am Eurovision Song Contest ESC.

© Keystone

Gegensätze prägen das Leben von Georg Schlunegger. «Ich fühle mich privilegiert, weil ich die beiden extremsten Lebensformen der Schweiz erleben darf: hier das zurückgezogene, rurale Leben im Bergdorf, dort das schnelle, urbane Leben in der grössten Stadt der Schweiz. Tatsächlich fühle ich mich in beiden Welten wohl», sagt er dazu.

Umso stärker spürt er den kulturellen Graben, der die Schweiz trennt und der immer tiefer und extremer wird. «Die Identifikation verläuft über die beiden unterschiedlichen Lebensformen und wird in der Musik, Kleidung und Lebensstil deutlich. Ich stemme mich ganz bewusst dagegen, kann und will mich nicht für das eine oder das andere Leben entscheiden. Ich trage beides in mir, und ich liebe beides.»

Seine beiden Töchter sprechen Züritüütsch

Schlunegger weist darauf hin, dass das Verhältnis zwischen Stadt und Land einmal harmonischer war. Tatsächlich haben Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem urbane Zürcher Kreise die Bergkultur, Volksbräuche, Volksmusik und später den volkstümlichen Schlager gefördert und als die einigende, identitätsstiftende eidgenössische Kultur erkannt und entwickelt.

Treibende Kräfte waren später die städtisch orientierten Geschwister Schmid, Teddy Stauffer, Marthely Mumenthaler und Artur Beul. Das Zürcher Niederdorf mit seinen Auftrittsmöglichkeiten war ein Zentrum der Schweizer Volksmusik.

Schlunegger erlebt die Gegensätze sogar in seiner Familie. «Meine beiden Töchter sprechen Züritüütsch, sagt er und lacht. Seine Frau kommt aus der Nähe von Winterthur und repräsentiert eine andere urbane Welt. Sie liebt Hip-Hop und R’n’B. Bevor sie sich kennen lernten, arbeitete sie beim deutschen Hip-Hop-Label 3p von Moses Pelham und Sabrina Setlur. Schlunegger erklärt:

Georg Schlunegger gewann schon einen Prix Walo in der Sparte «Newcomer»

Georg Schlunegger gewann schon einen Prix Walo in der Sparte «Newcomer»

Im urbanen Umfeld rümpft man die Nase

Schlunegger lebt in Zürich, doch sein Publikum ist auf dem Land und in den Bergen zu Hause. Im städtischen Umfeld rümpft man die Nase. Er ist sich dessen voll bewusst. «Georg ist ja ein Netter, aber seine Musik …» Inzwischen hat er sich daran gewöhnt, und es stört ihn nicht mehr. «Ich kann mich ja nicht verleugnen. Es ist das, was ich kenne und wo ich herkomme», sagt er.

Noch ein Gegensatz, ein scheinbarer Widerspruch: Wie kann ein Intellektueller eine Musik machen, die gerade nicht für ein intellektuelles Publikum bestimmt ist? «Ich kann es nicht genau erklären, aber das ist wohl meine unintellektuelle, emotionale Seite. Ich liebe einfache Musik. Der kitschige Schlager der Calimeros ist mir näher als der intellektuelle Jazz. Vor allem: Ich mache nicht Musik für die Goldküste, sondern für die einfachen Leute. Das gefällt mir. Vielleicht bin ich intellektueller als viele Leute, die meine Musik hören. Ich fühle mich aber mit ihnen verbunden.»

Streng analytischer Ansatz beim Komponieren

Umgekehrt betont Schlunegger, dass ihm sein akademischer Werdegang bei seiner Musik geholfen habe. Er erklärt:

Die Kunst bestehe darin, bestehende Einzelteile, in einen dreiminütigen Popsong zu verbauen, der die Leute berührt und erfolgreich ist.

«Diesen Prozess habe ich im Studium gelernt», sagt er, «ich will Gefühle vermitteln. Dazu muss ich berechnend vorgehen. Wenn ich zum Beispiel einen Muotathaler Naturjuuz in einen Popsong von Heimweh integrieren will oder Ländlermusik der Familie Hassler Après-Ski-tauglich machen will, kann man mir durchaus Kalkül vorwerfen. Man kann es Verwässerung oder Verhunzung des Traditionellen nennen. Aber man kann mir nicht vorwerfen, dass es unüberlegt erarbeitet ist. Ich nehme Elemente aus der Tradition und baue sie neu zusammen. Ich stelle das Volkstümliche meiner Herkunft in den Kontext der Populärkultur. Das fasziniert mich.»

Georg Schlunegger ist auch an den Swiss Music Awards ein gern gesehener Gast - hier neben Sängerin Eliane Müller.

Georg Schlunegger ist auch an den Swiss Music Awards ein gern gesehener Gast - hier neben Sängerin Eliane Müller.

Insofern ist Schluneggers Musik weder «ächt» noch traditionell. Sie führt nichts fort und will nichts bewahren. Sie will unterhalten und kommerziell erfolgreich sein. Nicht mehr, nicht weniger. «Ich versuche, ein Gefühl zu transportieren, in dem sich das Publikum wiederfindet. Nicht zu verkopft, einfach und populär», sagt er. Für ihn ist seine Musik durchaus authentisch. Er sagt:

Im Chor von «Heimweh» singt der SPler neben dem SVPler. Schlunegger sieht sich als Vermittler zwischen den Welten, als Brückenbauer über den Graben. Er sagt:

Und fügt an: «Ich will nicht Meinungsmacher sein, ich will Gefühlsmacher sein. Ich kann mit allen und bin froh, wenn sie auch mit mir können.»

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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