Kolumne

Gebucht-Rubrik mit Regisseur Milo Rau: «Ich schleppe riesige Büchertaschen rum»

Der Schweizer Milo Rau (42) gilt als einer der bedeutendsten Theatermacher der Gegenwart. Derzeit dreht er den Jesus-Film «Das Neue Evangelium» in Italien. Bild: Imago Images

Der Schweizer Milo Rau (42) gilt als einer der bedeutendsten Theatermacher der Gegenwart. Derzeit dreht er den Jesus-Film «Das Neue Evangelium» in Italien. Bild: Imago Images

Regisseur Milo Rau setzt ganz auf Gedrucktes – und verrät, mit welcher Romanfigur er gerne plaudern würde.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Milo Rau: Ich habe gerade für meinen Jesus-Film im süditalienischen Matera gedreht, das als Schauplatz zweier Jesus-Filme bekannt wurde. Der eine ist von Pier Paolo Pasolini («Das Matthäus-Evangelium»). Deshalb liegen aktuell Pasolinis Roman «La Vita Violenta» und die Bibel auf meinem Nachttisch. Ausserdem «Maschinen wie ich», der neue Roman von Ian McEwan, und «Senior Service» von Carlo Feltrinelli, meinem italienischen Verleger.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrem Haus?

Es sind ziemlich genau 5000, je zur Hälfte Belletristik und Sachbücher, aufgeteilt auf drei Regalwände, gestapelt in meinem Büro, unseren Schlafzimmern, auf den Treppen. Ich habe Literatur studiert und eine Weile als Kritiker gearbeitet. Seit einigen Jahren bin ich beim «Literaturclub», weshalb mir oft Bücher zugeschickt werden. Ausserdem kaufe ich vor jeder längeren Bahnreise ein Buch.

Wie lesen Sie?

Während meine Freundin E-Books liest, lese ich fast ausschliesslich «richtige» Bücher. So schleppe ich manchmal wochenlang riesige Büchertaschen rum. Als Intendant werden mir noch nicht erschienene Stücke digital zugeschickt. Will ich etwas wirklich lesen, dann drucke ich es aus. Bücher auf dem Bildschirm sind nicht mein Ding.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert?

Zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr werden einem manche Autoren und Bücher ungemein wichtig. Da gibt es natürlich die Klassiker – Tschechow, die griechischen Tragödien, Büchner oder Camus. Am meisten beeindruckt haben mich «Krieg und Frieden» (Leo Tolstoi), «Die Strasse von Flandern» (Claude Simon) und «Unschuld» (Harold Brodkey). Drei extrem unterschiedliche Werke, mit denen ich um meinen 20. Geburtstag herum zum ersten Mal in Kontakt kam und die zeigen, dass in der Kunst alles möglich ist. Nichts ist unbeschreibbar. Unter den Dichtern fallen mir zuerst Anne Sexton, Anne Carson und Philippe Jaccottet ein.

Welche drei Autoren möchten Sie zu einem gemeinsamen Nachtessen einladen?

Da wären Joan Didion, Anne Carson und Harold Brodkey – wobei Letzterer tot ist. Natürlich interessieren mich aber auch eher klassische Konstellationen wie Goethe, Schiller und Kleist.

Welchen Buchtitel würden Sie über Ihre Autobiografie setzen?

In meinen Stücken lasse ich Schauspieler oft von sich selbst erzählen, da in jeder Biografie etwas Allgemeingültiges liegt. Aber über mich selbst zu schreiben, wäre etwas völlig Neues für mich. Vielleicht, weil man als Regisseur daran gewöhnt ist, sich durch andere auszudrücken. Ich glaube deshalb, meine Autobiografie würde den etwas kühlen soziologischen Titel «Ein Leben» tragen und von dem handeln, was man anhand von mir, einem zufälligen Menschen, über unsere Zeit erzählen kann.

Welcher Autor soll sie schreiben?

Joanne Didion. Oder Annie Ernaux. David Foster Wallace wäre auch schön gewesen. Denn das sind alles Autoren, die zwar so tun, als würden sie über Themen schreiben; in Wahrheit schreiben sie aber über sich selbst. Es wäre mir eine Ehre, für Didion oder Ernaux ein Schreibvorwand zu sein.

Mit welcher Romanfigur würden Sie gern ein bisschen plaudern?

«Anna Karenina» habe ich oft gelesen, und es gibt so viele Verfilmungen des Romans, dass mich ein Treffen mit der «echten» fiktiven Karenina interessieren würde. Und dann natürlich Jesus. Es ist verrückt, wie widersprüchlich sein Charakter in der Bibel dargestellt wird: gleichzeitig aufbrausend, zart, rechthaberisch, paranoid, verschlossen und diskussionssüchtig. Den «Josef K.» von Kafka zu begleiten, das wäre auch spannend. Generell sind es die «alten» Charaktere, die mich interessieren und die ich gern in ihrer historischen Entfernung kennen lernen würde: Antigone zum Beispiel – wer war das? Oder Ibsens Nora?

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