Über hundert Frauen im Pensionsalter haben sich auf den Medienaufruf der Filmemacherinnen gemeldet. Das neue Projekt «Les dames» von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond hatte seinen indirekten Ursprung in ihrem Spielfilm «La petite chambre» über den 85-jährigen Edmond und seine junge Spitex-Helferin Rose, der 2011 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Sie hatten festgestellt, dass die Nachmittagsvorstellungen des mit schweizweit gegen die 80 000 Besuchern auch an den Kinokassen äusserst erfolgreichen Films vorwiegend von pensionierten Frauen besucht wurden. «Eine Welt, bevölkert von Frauen», diesem Phänomen wollten die beiden Lausannerinnen auf den Grund gehen.

Der schlichte Titels des Dokumentarfilms, «Les dames», verweist auf einen repräsentativen Anspruch, der sich mehr oder weniger auf die gesamte westliche Gesellschaft übertragen lässt. Wie leben ältere Frauen? Was bewegt sie, welche Fragen treiben sie um? Die fünf ausgewählten Protagonistinnen sind zwischen 63 und 75 Jahre alt. Sie unterscheiden sich stark voneinander und gehen je anders mit den Herausforderungen des Alters um.

Der offizielle Filmtrailer zu «Les dames».

Allen gemeinsam ist, dass sie allein leben – gewollt oder ungewollt. Sie verspüren mehr oder minder stark das Bedürfnis nach Gemeinschaft, auch nach dem anderen Geschlecht. Die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit oder auch mehr geht nicht einfach weg, nur, weil man älter wird.

Romandie: Über 22 000 Zuschauer

«Wo sind die Männer?», würde Chansonier Patrick Juvet singen», äussert Marion mit Galgenhumor. Obwohl, diesmal am Seniorentanzanlass überraschend viele Männer anzutreffen sind. Doch die würden üblicherweise nach jüngeren Frauen Ausschau halten, meint sie.

Dabei sollte es umgekehrt sein: «Frauen sollten jüngere Männer haben, weil sie besser altern.» Marion wünscht sich nicht zwingend einen Mann für die Liebe, sondern für gemeinsame Unternehmungen. Und erstellt mit ihren über 70 Jahren ein Profil auf einer DatingWebseite. Die geschiedene Journalistin Noëlle kann es eigentlich gut allein. Manchmal aber auch nicht.

Um in Männergesellschaft zu sein, tritt die leidenschaftliche Naturfotografin Odile in einen Jagdverein ein. Sehr berührend ist das Schicksal von Carmen, die ganz im Familienleben aufgegangen war, bis sich ihr Ehemann in eine jüngere Frau verliebt hat. Ihr reicht es nicht, wenn die Männer ihr sagen, dass sie gut aussehe für ihr Alter, sich aber nicht für sie als Person interessierten. Für die selbstbewusste Pierette hingegen, seit einem Jahr Witwe, ist das vorerst genug.

Ein Jahr lang haben Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ihre Protagonistinnen abwechselnd durch die Jahreszeiten sowie persönlichen Tiefschläge und Höhenflüge begleitet. Es stellte sich eine Nähe ein, die für ein solches Projekt entscheidend ist. Was wir damals über «La petite chambre» geschrieben hatten, «es ist Kino, das direkt am Herz schlägt», kann man auch über «Les dames» sagen. Es ist ein intimes, aber nie voyeuristisches Porträt der «unsichtbaren» Generation von Frauen, das ihnen die Präsenz gibt, die sie verdient haben.

In der Romandie hat sich das mit über 22 000 Zuschauern bereits ausgezahlt – und mit einer Nomination für den Schweizer Filmpreis. Doch im Gegensatz zu Edmond haben die Damen, die sich den Film damals im Kino angesehen hatten, noch ein gefühltes ganzes Leben vor sich – frisch verliebt, befeuert von neuen Plänen oder auch einfach nur im Reinen mit sich selbst.