Neue Serie

«Frieden» ist das Beste, was SRF seit langem produziert hat – das hat viel mit der Drehbuchautorin zu tun

© Daniel Fuchs

1945 beherbergte die Schweiz gleichzeitig deutsche Kriegsverbrecher und jugendliche KZ-Überlebende. Petra Volpe hat diese unrühmliche Nachkriegsgeschichte für die Serie «Frieden» zum Leben erweckt. Fürs Schweizer Fernsehen ist das ein Glücksfall.

Es ist der einprägendste Satz, der in der neuen SRF-Serie «Frieden» fällt, und der den Inhalt auf den Punkt bringt. Der Sechsteiler läuft ab Sonntag im Schweizer Fernsehen.

Zwei der drei Hauptfiguren in Volpes neuem Film: Johann Leutenegger (Max Hubacher) und Klara Tobler (Annina Walt) bei ihrer Hochzeit.

Zwei der drei Hauptfiguren in Volpes neuem Film: Johann Leutenegger (Max Hubacher) und Klara Tobler (Annina Walt) bei ihrer Hochzeit.

Der Satz ist eine Adaption. Petra Volpe, die den Stoff recherchiert und in neunjähriger Arbeit in ihrem Drehbuch verdichtet hat, fand dieselbe Aussage im Buch «Politik und Wirtschaft im Krieg» des Berner Historikers Hans Ulrich Jost über die handelspolitischen Herausforderungen der Schweiz nach dem Kriegsende. Und legte ihn in den Mund eines fiktiven, überaus einflussreichen Schweizer Nationalrats.

Dieser sagt ihn gleich in der ersten Folge von «Frieden» im Gespräch mit dem Jungunternehmer Johann Leutenegger (gespielt von Max Hubacher), der zur Rettung der von seinem Schwiegervater übernommenen Textilfabrik um die Fortsetzung eines wichtigen Staatsauftrags kämpft.

Max Hubacher über seine Hauptrolle in der SRF-Serie "Frieden"

Max Hubacher über seine Hauptrolle in der SRF-Serie "Frieden"

    

Und plötzlich, 1945, kommt der Krieg doch in der Schweiz an

Wir schreiben das Jahr 1945. Deutschland liegt in Trümmern, der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Allmählich dringen die Schrecken der Vernichtungslager aus dem nördlichen Nachbar auch in die Schweiz. Doch eben: Für die Schweiz beginnt der Krieg erst jetzt. Denn, das macht der Nationalrat klar, die hier beschriebene Textilfabrik hat während des Kriegs gut gewirtschaftet. Auch wegen profitabler Aufträge mit Deutschland.

Und die Textilfabrik steht hier nur exemplarisch: Deutschland war der wichtigste Handelspartner der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Und mit dem Ende brachen die lebenswichtigen Handelsbeziehungen der kleinen Alpenrepublik einfach weg.

Wir erreichen die 50-jährige Aargauerin Petra Volpe in ihrer Wohnung in Berlin. Via Skype erklärt sie, wie sie auf den Serienstoff stiess. «Es waren die sogenannten Rat Lines», sagt sie. Die Rattenlinien, die Fluchtrouten von Nazis. Eine führte über die Schweiz, über Bern, wie Volpe sagt, nach Italien und von da nach Südamerika. Volpe:

Wenig später habe sie über die «Buchenwald-Aktion» gelesen. Die Schweiz bot humanitäre Hilfe an und nahm überlebende Kinder und Jugendliche aus dem KZ Buchenwald auf. Hier sollten sie sich erholen.

Um diese Buchenwald-Kinder geht es auch in der Serie. Klara (gespielt von Annina Walt) hilft im Heim aus, wo die jüdischen Jungen aufgenommen werden. Und muss erfahren, welches Leid den Jugendlichen und Kindern angetan wurde. Klara ist die Tochter des Textilunternehmers Tobler. Als er das Geschäft seinem Schwiegersohn, Klaras Mann Johann, übergibt, wird klar, die Fabrik steht vor dem Aus.

Noch eine weitere tragende Figur kommt ins Spiel, Johanns Bruder Egon (gespielt von Dimitri Stapfer, diese Zeitung berichtete vor einer Woche), ein Aktivsoldat, der ein dunkles Geheimnis mit sich trägt und im Dienste der Schweizerischen Bundesanwaltschaft in die Schweiz geflüchtete Nazis jagt. Die Geschichten dieser drei Hauptfiguren sind eng verknüpft. Rasch wird klar: Der Krieg hat mehr mit ihnen zu tun, als sie sich jemals vorstellen konnten.

«Diese Geschichte hat mich gefunden», erzählt Petra Volpe im Gespräch. Die Buchenwaldkinder-Aktion und die Fluchtroute von Nazis durch die Schweiz hätten sie nicht mehr losgelassen.

Während von den Alliierten gesuchte Kriegsverbrecher hierzulande geduldet wurden, stiessen die Kinder nicht nur auf Empathie. In der Serie sagt es einer der jüdischen Jungen so: «Wir haben die Nazis überlebt, die Schweiz werden wir auch überleben.» Auch dieser Satz ist ein Originalzitat.

«Die Figuren sind erfunden, sind jedoch inspiriert von der Realität», sagt Petra Volpe. Für «Frieden» sei sie ähnlich vorgegangen wie bei der Recherche für «Die göttliche Ordnung», ihrer preisgekrönten Komödie von 2017 über den Kampf von Schweizer Frauen in den 1970ern für das Frauenstimmrecht, bei der sie sowohl Autorin als auch Regisseurin war.

Wie verhielt sich die Schweiz eigentlich direkt nach dem Krieg?

In seiner Optik erinnert «Frieden» hie und da an den deutschen Erfolg «Babylon Berlin». Natürlich sind die Stoffe nicht vergleichbar. Während Babylon in der Weimarer Republik, also in der Zwischenkriegszeit spielt, geht es in «Frieden» um die Schweizer Geschichte direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Was «Babylon» jedoch zeigte, historische Serien stossen auf grosses Interesse. Und «Frieden» kann gut mit bekannten Stoffen mithalten, auch wenn die Produktion mit weit weniger Geld ausgestattet worden ist als die verglichene deutsche Serie oder der britische Grosserfolg «The Crown» von Netflix.

Volpe sog alles in sich hinein, was sie über die unbekannte Zeit nach dem Kriegsende in die Hände kriegte, klebte ihre Wände in der Wohnung voll mit Diagrammen. Eigentlich wollte sie einen Kinofilm schreiben. Doch der Stoff war viel zu umfassend dafür, sie hätte die Geschichte amputieren müssen, damit sie in Filmlänge hätte erzählt werden können. Sie erklärt:

Als sie sich zusammen mit ihrem Produzenten, dem Luzerner Reto Schärli, entschied, eine Miniserie anzupacken, war das «enorm befreiend», wie sie sagt. «Auf einmal bot sich dieses Romanhafte, Kaleidoskopische an. Das befreite mich und brachte die Geschichte zum Explodieren.»

Über Raubgold und jüdische Konten in der Schweiz wissen wir seit den 1990ern Bescheid. Doch über die Nachkriegsgeschichte? «Das sind Aspekte unserer Landesgeschichte, die nun nicht besonders rühmlich sind, die aber stattgefunden haben», sagt Volpe. Sie habe den Drang gehabt, diese in der Bevölkerung unbekannte Nachkriegsgeschichte zu erzählen. Dankbar sei sie SRF, das sich auf den Stoff einliess.

Nun hofft Petra Volpe, dass die Serie die Menschen zum Diskutieren bringt. Die Schweizer Kriegsgeschichte ist hierzulande noch immer ein heisses Eisen. Fürchtet sie gehässige Reaktionen? «Nein», antwortet Volpe,

Die Serie jedenfalls schwärzt nicht grundlos an. Sie zeigt die schwierige Realität, in der sich die Menschen hierzulande befanden. Unsere drei Hauptprotagonisten sind jung, idealistisch und voller Tatendrang. Klara schenkt den KZ-Überlebenden in einem kaltherzigen Umfeld menschliche Wärme. Johann versucht verzweifelt, Arbeitsplätze zu retten und Egon ist bestrebt, Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen. Doch sie alle geraten in Dilemmata. Und verlieren ihre Unschuld.

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