Interview
Woody Allen: «Das Leben ist etwas Tragisches»

Nach London, Barcelona und Paris ist jetzt Rom dran: Woody Allen über seinen neuen Film«To Rome with Love», seinen Film-Tourismus, die Republikanische Partei in den USA und Singen in der Dusche.

Marlène von Arx
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Schön, Sie ausnahmsweise mal in Los Angeles zu treffen. Wie fühlen Sie sich in der Filmmetropole?

Woody Allen: Zum Glück ist das Wetter bedeckt heute, also ganz nach meiner Kragenweite. Denn ich könnte nie hier leben: Jeden Morgen aufwachen und die Sonne scheint? Was für ein schrecklicher Gedanke! Und man kann nirgends zu Fuss hin. Aber für ein paar Tage gehts schon. Ich habe Freunde hier, schaue mir neue Ausstellungen an und gehe ein paar Mal gut essen. Das kann man ja heute. Als ich in den 50er-Jahren zum ersten Mal hierherkam, gabs kein einziges gutes Restaurant.

Auf Ihrer filmischen Reise durch Europas Kulturhauptstädte sind Sie inzwischen in Rom gelandet. Wann drehen Sie in einer Schweizer Stadt?

Bis jetzt habe ich noch keine Anfrage aus der Schweiz bekommen. Ich drehe an Orten, zu denen mir eine Story einfällt und wo ich unter günstigen Bedingungen meine Filme realisieren kann.

Italien hat also angefragt. Was für ein Verhältnis haben Sie zu den Italienern?

Eigentlich das gleiche wie zu den Franzosen oder Engländern: Es hat in jedem Land wunderbare Menschen, aber auch Idioten. Ich sehe Rom durch die rosarote Brille eines amerikanischen Touristen. Einer, der mit den Filmen von Fellini, De Sica und Antonioni aufgewachsen ist. Das ist in New York nicht viel anders: Mein New York ist nicht das von Martin Scorsese oder Spike Lee – ich zeige es so, wie ich es aus alten Hollywood-Filmen kenne.

Sie sind also ein Recycler. Ebenso, was Ihre Rollen in Ihren Filmen betrifft, spielen Sie doch – nach einer mehrjährigen Leinwandabsenz – auch wieder einen Neurotiker ...

Ich kann ja auch nur zwei Rollen spielen: Entweder den Kleinkriminellen oder den Intellektuellen – nicht, dass ich einer wäre, aber ich sehe halt so aus. Für alles andere sollte man besser Dustin Hoffman engagieren. Ich habe mich auch nie wirklich als Schauspieler gesehen und eine Schauspiel-Methode habe ich schon gar nicht.

Singen Sie wie einer Ihrer Protagonisten selber auch hervorragend in der Dusche?

Ja, ich weiss auch nicht wieso. Manchmal denke ich, es sei wegen der Kacheln, weil der Ton gut resoniere. Es kann aber auch sein, dass das Wasser so einen Lärm macht, dass man nicht hört, wie schlecht man singt. Ein Freund erklärt es sich mit den positiven Ionen im Wasser. Wie dem auch sei: Ich gehöre zu den Menschen, die in der Dusche gut singen können, aber nirgends sonst.

Was singen Sie denn?

Pop-Songs. Wie zum Beispiel «The Lady is a Tramp».

Dieser Klassiker läuft eigentlich nicht unter Pop-Songs ...

Ich bin in der Musik nach den 50er-Jahren nicht so bewandert. Ich bin mit Cole Porter und George Gershwin aufgewachsen. Das ist immer noch meine Musik. Wir hören doch alle am liebsten die Musik, die uns als Kinder gefiel. Der New Orleans Jazz, den ich selber spiele, ist auch schon ewig nicht mehr en vogue.

Sie kümmern sich also nicht sonderlich um kulturelle Trends. Wie steht es mit politischen? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Ich würde die ganze republikanische Partei ändern. Aber ich denke, Obama gewinnt im November. Nicht so klar, wie ich es vor einem Jahr dachte, aber er wird es schaffen und nicht ganz so knapp, wie die Leute glauben. Er verdient es auch, er hat ein paar gute Sachen verändert, aber leider sind die Demokraten total unfähig, dies den Leuten zu erklären.

Vielleicht schaut die Menschheit zu viel Reality-TV, um komplizierte Zusammenhänge zu verstehen. Sie greifen das Reality-TV-Thema im Film auf, in dem Sie Roberto Begnini eines Tages als berühmt erwachen und zum Reality-Star werden lassen. Welchen Bezug haben Sie zu Reality-TV?

Ich bin mir des Phänomens bewusst, aber ich darf getrost sagen, dass ich mir das nicht anschaue. Ich sehe überhaupt kaum fern und wenn dann Sport oder Nachrichten. Die Idee, dass jemand einfach eines Morgens berühmt ist, hatte ich schon lange. Und nun hatte ich den perfekten Schauspieler dazu, und da Italien das Ursprungsland der Paparazzi ist, passte alles hervorragend zusammen.

Was halten Sie selber vom Berühmtsein?

Es hat Vor- und Nachteile. Aber eigentlich mehr Vorteile. Wenn Sie die Wahl haben, berühmt zu sein oder nicht: Wählen Sie berühmt sein.

Okay. Im Film verstecken Sie sich oft hinter Ihrer Frau. Reflektiert das Ihre eigene Ehe und Ihre Vorstellung von einer idealen Frau?

Nein, meine Frau attackiert mich zu oft, als dass ich mich hinter ihr verstecken könnte. Die ideale Frau ist natürlich subjektiv. Ich bin ziemlich oberflächlich, deshalb muss sie attraktiv sein – jedenfalls muss mir, was ich sehe, gefallen, wenn ich am Morgen vom Orangensaft aufschaue. Ansonsten stehe ich auf nett, intelligent und amüsant, und wenn ich bei null anfangen könnte, würde ich als Modell Penélope Cruz nehmen.

Glauben Sie, dass Sie im Alter zunehmend zynischer werden?

Es heisst: Zynismus ist das Wort, mit der wir die Wahrheit bezeichnen. Ich war immer zynisch. Schon in «Annie Hall», als das Kind sagt, eines Tages werde es nichts mehr geben. In «Match Point» kommt der Mörder davon, in «Vicky Cristina Barcelona» heiratet die eine Protagonistin einen Langweiler und die andere wird nie bekommen, was sie will, und in «Midnight in Paris» stellt Owen Wilson fest, dass das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist. Ich habe die negativen Aspekte des Lebens immer herausgestrichen. Das Leben ist etwas Unbefriedigendes und Tragisches und alle meine Figuren teilen diese Ansicht mit mir. Zum Glück.