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Südkorea könnte Geschichte schreiben: Holt erstmals ein fremdsprachiger Beitrag den Oscar für den besten Film?

Bevor sie in der Villa eine bessere Verdienstmöglichkeit finden, versuchen sich die Familienmitglieder aus «Parasite» im Falten von Pizzakartons.

Bevor sie in der Villa eine bessere Verdienstmöglichkeit finden, versuchen sich die Familienmitglieder aus «Parasite» im Falten von Pizzakartons.

«Parasite» aus Südkorea ist sechsfach Oscar-nominiert. Holt er als erster fremdsprachiger Film bei den Oscars vom Sonntag die Auszeichnung in der Königskategorie «Bester Film»?

Wie beschrieb es «Parasite»-Regisseur Bong Joon Ho so schön? «Ich will, dass die Zuschauer in die Geschichte hineingesogen werden», sagte er der «New York Times». «Liegen sie dann im Bett, manifestieren sich all die intellektuellen und kontroversen Aussagen, die der Film zu bieten hat.» Diese Beschreibung deckt sich exakt mit der Erfahrung des Kinogängers.

An den Kinosessel gefesselt, nimmt der Film eine überraschende Wendung nach der anderen, bedient sich der Genres so gar nicht genremässig. Thriller, Komödie, Horror und Sozialkritik in einem. Zu Hause dann beginnt man, intensiv darüber nachzudenken und ist fasziniert, wie präzise die Zähne von Form und Inhalt ineinandergreifen.

Südkorea hat mit «Parasite» bereits Filmgeschichte geschrieben: Das Meisterstück von Bong Joon Ho gewann Ende Mai letzten Jahres als erster südkoreanischer Film in Cannes die Goldene Palme. (Hier geht es zu einem Artikel über die erfolgreiche südkoreanische Filmindustrie)

Und könnte weiter Filmgeschichte schreiben, wenn er denn neben dem erwarteten Oscar für den besten internationalen Film (früher hiess diese Sparte noch «Bester ausländischer Film») auch in der Kategorie «Bester Film» ausgezeichnet wird.

War Bongs «Mother» aus dem Jahr 2009 südkoreanischer Oscar-Beitrag, schaffte es der tragikomische Thriller damals nicht mal in die Vorauswahl. Welches sind die Gründe für den phänomenalen Erfolg von «Parasite»?

Kritikerlieblinge, aber keine breiten Kinoerfolge

Der erste und wichtigste Grund: «Parasite» ist ein grossartiger Film über das Leben im Zeitalter des Kapitalismus, der die Gesellschaft in arm und reich spaltet, mit globalem Identifikationspotenzial. Dass Grossartigkeit nicht automatisch zu Oscar-Nominierungen führt, zeigt etwa das Beispiel von «Burning» von Lee Chang Dong.

Leicht, geheimnisvoll, verführerisch und sozialkritisch gewann er 2018 in Cannes den Preis der internationalen Filmkritik und kam in die Vorauswahl für die Academy Awards. Die Enttäuschung über die ausbleibende Nominierung in der Kategorie «Bester internationaler Film» (damals noch «Bester ausländischer Film») war dementsprechend gross.

«Parasite» nun begeistert nicht nur die Filmkritik, sondern lässt auch die Kinokassen klingeln. Laut Branchenmagazin «Variety» hat der Film in den USA 25,4 Millionen Dollar eingespielt und 132,3 Millionen weltweit.

Das «Phänomen ‹Parasite›» ist Folge einer Entwicklung, die mit dem neuen Jahrtausend so richtig begann. Oder schon viel früher: Das koreanische Kino hat eine sehr lange Geschichte – der erste koreanische Film ist 100 Jahre alt. «‹Parasite› ist eine Weiterführung all der koreanischen Filme, die vorher da waren», sagte Bong Joon Ho, ebenfalls in der «New York Times».

Die internationale Anerkennung aber kam erst 2003 etwa mit «Oldboy» von Park Chan Wook – Spike Lee drehte 2013 ein Remake, das weit hinter dem Original zurückblieb – oder «Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling» von Kim Ki-duk. Diese blieb aber vor allem auf Filmfestivals beschränkt. Sie waren Kritikerlieblinge, aber keine breiten Kinoerfolge.

Exemplarisch gewann «Pieta» von Kim Ki-duk 2012 in Venedig den Goldenen Löwen, spielte aber weltweit nur gerade etwas über sechseinhalb Millionen Dollar ein.

Kulturübergreifendes Thema, internationale Zusammenarbeit

Mal verstörend, mal eher konventionell, immer gesellschaftskritisch gehen südkoreanische Regisseure anders mit dem Horror- und Science-Fiction-Genre um. Sorgte Bong bereits 2006 mit «The Host» für internationales Aufsehen, etablierte er sich mit den stargespickten «Snowpiercer» und «Okja», eine Netflix-Produktion, in Hollywood.

Seit «The Host» arbeitet der Regisseur und Drehbuchautor mit Tom Quinn zusammen, Gründer und CEO des amerikanischen Indie-Studios und Verleihs Neon. «Parasite» profitierte von einer perfekt orchestrierten Strategie des Verleihs, der den Film langsam, aber umfassend in den US-Kinos lancierte.

Auch unterstütze CJ Entertainment Neons Oscar-Kampagne. Die südkoreanische Filmproduktions- und Distributionsfirma ist seit 2006 auch in Amerika aktiv mit dem Ziel, mit englischsprachigen Inhalten im globalen Markt Fuss zu fassen. Der grosse Durchbruch kam mit Bongs «Snowpiercer».

Es bleibt die Frage: Könnte «Parasite» in der Nacht vom Sonntag auf den Montag tatsächlich die höchste aller Auszeichnungen in der Filmwelt gewinnen? Dagegen spricht, dass das Kriegsdrama «1917» von Sam Mendes den US-Produzentenpreis gewonnen hat, der in seiner Bedeutung höher zu gewichten ist als der Golden Globe, der Preis der Hollywood-Auslandspresse.

Dafür spricht, dass die Oscar-Academy vielleicht Filmgeschichte schreiben möchte. Wie auch immer, «Parasite» geht weiter: Anfang Januar wurde bekannt, dass HBO, der amerikanische Fernsehsender und Produzent hochkarätiger Serien, daraus eine Miniserie machen will. Bong Joon Ho ist mit an Bord.

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