Mathias Gnädinger
«Sobald die Kamera lief, spürte man sein Alter nicht mehr»

Im fernen Japan drehte der Schweizer Schauspieler mit «Der grosse Sommer» seinen letzten Film. Regisseur Stefan Jäger entwickelte das Drehbuch für Gnädinger, damit das schauspielerische Schwergewicht alle Facetten seines Könnens ausleben konnte.

Sabine Altorfer
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Mathias Gnädinger in «Der grosse Sommer». Der Film von Stefan Jäger kommt voraussichtlich im Januar 2016 in unsere Kinos. Grischa Schmitz/Tellfilm

Mathias Gnädinger in «Der grosse Sommer». Der Film von Stefan Jäger kommt voraussichtlich im Januar 2016 in unsere Kinos. Grischa Schmitz/Tellfilm

Stefan Jäger, warum wollten Sie die Hauptrolle von «Der grosse Sommer», ein Feelgood-Movie, das in Japan spielt, mit Mathias Gnädinger besetzen?

Stefan Jäger: Er hatte in vielen Rollen eine sehr direkte, manchmal fast polternde Art. Und ich habe mich immer gewundert, warum er international nicht gefragter war. Das Buch für «Der grosse Sommer», das Theo Plakoudakis und Marco Salituro geschrieben haben, wurde deshalb vom ersten Moment an für Mathias entwickelt. Wir wollten zeigen, wie unendlich viele Facetten im Schauspieler Mathias Gnädinger stecken. Denn bei unseren beiden früheren Filme – dem Bergdrama «Im Namen der Gerechtigkeit» und beim Hunkeler-Krimi – habe ich ihn als Schauspieler mit einer ganz grossen Leidenschaft kennen gelernt, der bereit ist, viel von sich preiszugeben, wenn gegenseitiges Vertrauen da ist. Vieles, das ich von ihm als Mensch kannte, vermisste ich, wenn ich ihn im Fernsehen oder auf der Leinwand gesehen habe.

Regisseur Stefan Jäger Stefan Jäger (44, Zürich) hat für Kino und Fernsehen zahlreiche Dok- und Spiel-Filme gedreht. U. a. «Im Namen der Gerechtigkeit» (2001), «Cyrill trifft» (2003), «Hunkeler und der Fall Livius» (2009), «Horizon Beautiful» (Kinostart Mai 2015).

Regisseur Stefan Jäger Stefan Jäger (44, Zürich) hat für Kino und Fernsehen zahlreiche Dok- und Spiel-Filme gedreht. U. a. «Im Namen der Gerechtigkeit» (2001), «Cyrill trifft» (2003), «Hunkeler und der Fall Livius» (2009), «Horizon Beautiful» (Kinostart Mai 2015).

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Wie hat er auf Ihre Idee reagiert?

Mit einer grossen Dankbarkeit. Nachdem er die erste Fassung gelesen hatte, fand er: Da könnten wir gleich mit dem Dreh beginnen. Er hat gespürt, dass die Geschichte für ihn stimmt, dass sie ihm die Möglichkeit bietet, sich zu entfalten und als Schauspieler aufzublühen.

Das heisst, Sie relativieren die Einschätzung, Mathias Gnädinger habe quasi immer sich selber gespielt.

Unbedingt, ja. Er war weit mehr als ein Volksschauspieler. Es heisst von ihm: Man konnte die Kamera einstellen, er spielte – und es war gut. Das stimmt: Aber wir waren uns einig, wenn man sich schon die Zeit nimmt, dann wollen wir mehr. In «Der grosse Sommer» hat er das alles noch einmal zugelassen: Ganz viele Schattierungen und Gefühle, in jedem Moment mit einer unmittelbaren Wucht, im Kleinen wie im Grossen, in seinem Gesicht genauso wie in seiner Körperlichkeit. Mathias spielt einen ehemaligen Schwingerkönig. Ich glaube nicht, dass ihm diese Welt absolut fremd war, er konnte ja mit Menschen aus allen Schichten in der Schweiz gut umgehen – aber er ist kein Schwinger. Es war seine Aufgabe als Schauspieler, sich einzufühlen, die Figur zu finden, und dafür hatte er nicht nur einen grossen Ehrgeiz, sondern auch eine gehörige Portion an Disziplin.

Er war 74, wie hat er diese Anstrengung, den langen Dreh gemeistert?

Seine Power war die schönste Überraschung. Wir hatten 35 Drehtage – das ist enorm viel. Deshalb kam auch Ursula, seine Frau, als Maskenbildnerin mit. Wir versuchten alles, damit er sich wohlfühlt – und er blühte tatsächlich auf. Sobald die Kamera lief, spürte man sein Alter nicht mehr. Wenn ich mir heute Fotos anschaue oder auch das Filmmaterial: Er scheint es enorm genossen zu haben. Er hat bis zuletzt mit vollstem Einsatz und grosser Leidenschaft gearbeitet. Als wir für den Dreh in die Schweiz zurückkamen, waren viele Kollegen und Kolleginnen erstaunt, dass er so viel jünger wirkte als vor seiner Abreise.

Sie sind viel jünger als er. Gab es nie ein Akzeptanzproblem?

(Lächelt). Das ist wirklich erstaunlich. Als ich ihn kennen lernte, war ich 30, ich habe ihm Vorschläge gemacht – mit viel Respekt – und er hat sie ohne Vorbehalte angenommen. Er hat mir damals gesagt: «Du siehst die Feinheiten.» Das war ein riesengrosses Kompliment für mich. Und er wusste, ich gebe mich nicht so schnell zufrieden – auch das hat er geschätzt, obwohl er mich manchmal damit hochgenommen hat. Am Set von «Der grosse Sommer» hat er sich erinnert: «Du hast mir beim ‹Hunkeler› gesagt, ich soll bei der Szene am Brunnen den Mund zumachen. Ich wollte damals nicht – aber du hast recht gehabt.» (lacht) Es ist wahnsinnig, wie er sich solche Feinheiten merkte – und es zeigt auch, dass er die sorgfältige Arbeit liebte. Es machte ihn glücklich, dass wir die Zeit hatten, um an Details zu feilen. Und wie er in Japan von der Crew behandelt wurde, war unglaublich.

Wie denn?

Wie ein Hollywoodstar! Sie haben ihn zwar nicht gekannt, aber in seinem Spiel gespürt, welch grossartiger Schauspieler er ist. Da war eine ganz, ganz grosse Ehrfurcht, die Magie seiner Schauspielkunst war unmittelbar zu spüren und Mathias hatte auch für jeden im Team immer ein Lächeln, selbst in den strengsten Momenten.

Wie kam er – der vermeintliche Schweizer Volksschauspieler – mit dem fremden Japan klar?

Für ihn als Mensch ohne jegliche Vorurteile war es überhaupt kein Problem. Er ist ja viel gereist, war vorletztes Jahr in Afrika . . . Im Film ist der Clash aber der springende Punkt: Anton Sommer (so heisst Mathias im Film) kommt nach Japan, macht es so, wie man es von Mathias Gnädinger erwartet: Er poltert in die fremde Kultur und findet dann doch nach und nach den richtigen Weg. Als er im Film dann auf die ungefähr gleichaltrige Mitsuko Baisho trifft, eine der bekanntesten japanischen Schauspielerinnen, lösen sich alle Sehnsüchte ein, die tief im Innern eines Menschen schlummern können. Mathias wirkt in diesen Momenten so jung und verletzlich, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Diese Bilder geben mir Trost und die Hoffnung, dass ganz viele Menschen diese magischen Momente noch sehen dürfen.

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