Die Insel

Reiseleiter Elvis und andere Monster

Schmachtblick und Panorama: Joan Blackman lässt sich in «Blue Hawaii» (1961) vom King hofieren.

Schmachtblick und Panorama: Joan Blackman lässt sich in «Blue Hawaii» (1961) vom King hofieren.

Schauplatz für Exotik-Kitsch und Psycho-Grusel: Inseln werden in Songs und Filmen ohne Grautöne abgebildet.

Lange bevor die Corona-Pandemie den heimischen Tourismus-Anbietern zu schaffen machte, erklang der Ruf, die ­Ferien nicht in der Ferne zu verbringen. Ein schlagkräftiges Argument fürs Daheimbleiben lieferte Paul Kuhn 1963 mit dem Gassenhauer «Es gibt kein Bier auf Hawaii». Der Jazzer und Bandleader betrat mit dem simplen Lied musikalisches Neuland. Der Walzer war so sub­stanzlos wie seine Botschaft aus der Luft gegriffen: Seit 1901 betreibt die Honolulu ­Brewing and Malting Co. auf der pazifischen Inselgruppe eine Bierfabrik.

Paul Kuhn hatte den Hit aber nicht in einer Bierlaune geschrieben, sondern aus Berechnung: Er wolle nie mehr Strassenbahn fahren müssen, sagte er in einem Interview, «sondern Cadillac». Auch wenn keine Verkaufszahlen belegt sind, dürfte die Rechnung aufgegangen sein: Das Lied schaffte es weit nach oben in die deutschen Charts und gehört seit Jahrzehnten in ­jedes Bierzelt. Mitte der Neunzigerjahre wurde Kuhn wegen Steuerhinterziehung zu einer Busse in Millionenhöhe verurteilt. Dabei war er schon in den Siebzigerjahren vor dem deutschen Fiskus geflüchtet – auf die Steuerinsel Schweiz.

Auch der King feierte Erfolge dank Hawaii: Elvis Presleys Konzert «Aloha from Hawaii» wurde 1973 via Satellit in 40 Länder übertragen und nach Angaben der Elvis Presley Enterprises von weit mehr als einer Milliarde Menschen (damals ein gutes Viertel der Welt­bevölkerung) live mitverfolgt.

Ein Dutzend Jahre zuvor hatte sich der Star erstmals zwischen Palmen und Hula-Girls in Pose geworfen: Die Komödie «Blue Hawaii» schaffte es 1961 in die Top-Ten der kassenstärksten Filme des Jahres. Der Trailer warb mit einem «amerikanischen Eden» und mit «Elvis als Reiseführer». Das waren unhaltbare Versprechen, aber der Trip in Techni­color und Panavision war allemal billiger als ein Flugticket. Kritiker taten den Film als «grösstenteils handlungsfrei» ab, dennoch wurde der Exotik-Kitsch zwei weitere Male mit Erfolg aufgekocht: für «Girls! Girls! Girls!» (1962) und «Paradise, Hawaiian Style» (1966).

Von Kalokairi bis San Pedro, von Nublar bis Skull Island

Das Dreiergespann aus Musik, Film und Fernweh bleibt bis heute ein Garant für Block­buster. «Mamma Mia!» (2008) versuchte gar nicht erst, diesem Rezept eine substanzielle Handlung beizu­mischen: Auf einer griechischen Insel singt eine Hochzeitsgesellschaft ­Abba-Hits – das reichte für über 600 Millionen US-Dollar an den Kinokassen. Da spielte es ­keine Rolle, dass die Insel Kalokairi ebenso erfunden ist wie das von Madonna in «La Isla Bonita» (1986) ­besungene San Pedro.

Doch auch auf fiktiven Inseln können dunkle Wolken aufziehen. So treibt vor Amity Island an der amerikanischen Ostküste ein Weisser Hai sein Unwesen («Jaws», 1975), sorgen auf der pazifischen Isla Nublar ausge­büxte Dinosaurier für Chaos («Jurassic Park», 1993), und regiert auf Skull Island im Indischen Ozean ein Riesenaffe («King Kong», alle Jahre wieder).
Inseln können aber auch ohne Monster gruselig sein. Entweder sind böse Syndikate am Werk – «The Beach» (2000) und «The Island» (2005) –, oder die Isolation treibt den Protagonisten in den Wahn: Tom Hanks redet in «Cast Away» (2000) mit einem Volleyball, Leonardo DiCaprio verliert in «Shutter Island» (2010) den Bezug zur Realität.

Der Mittelweg zwischen Exotik und Romantik auf der einen und Grusel und Psychodrama auf der anderen Seite ist hingegen rar. Grautöne findet man nur in einem Film, der den Konflikt zwischen Schwarz und Weiss thematisiert: In «Island in the Sun» (1957) zettelt ­Harry Belafonte einen Klassenkampf an. Den Produzenten war das zu riskant: Sie priesen den Film mit «atemberaubenden» Aufnahmen von Barbados an.

Und dann gibt es noch die womöglich bekannteste Insel der Schweiz: ­Peter Rebers «Jede bruucht sy Insel». Bei dem Lied, das 1986 die Schweizer Charts ­anführte, scheiden sich die Geister, ob es nun Fernweh oder Gruseln auslöst.

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