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«Kein Verständnis», «zu viele Filme»: Schweizer Regisseure kritisieren den Bund wegen Filmpreis

Überlegt sich, mit Premieren künftig überhaupt noch nach Solothurn zu fahren: Sabine Boss.

Überlegt sich, mit Premieren künftig überhaupt noch nach Solothurn zu fahren: Sabine Boss.

An den Solothurner Filmtagen gilt er als vielversprechend, doch «Jagdzeit» von Sabine Boss ist nicht für den Schweizer Filmpreis nominiert worden. Ist er zu schlecht oder ist das Auswahlverfahren daran schuld?

Er hatte nach «Moskau Einfach!» als einziger Spielfilm im Wettbewerb Uraufführung an den Solothurner Filmtagen: «Jagdzeit» von Sabine Boss wurde am Freitagabend als Weltpremiere aufgeführt. Ihr Thriller erinnert an Managersuizide und an den Überwachungsskandal bei Credit Suisse. Und obwohl das Drehbuch äusserst klug, der Hauptdarsteller Stefan Kurt äusserst glaubhaft und die Geschichte äusserst aktualitätsbezogen ist – bei den Nominationen für den Schweizer Filmpreis ging «Jagdzeit» leer aus. Komplett. Bei keiner einzigen Kategorie hat er nun Chancen auf die Trophäe, den sogenannten Quartz, der am 27. März in Zürich verliehen wird.

Wir haben die Regisseurin, Sabine Boss, nach der Vorführung getroffen. Die Enttäuschung spricht aus ihr heraus. «Der Wirtschafts- und Technikplot hat Hand und Fuss. Wir haben sehr lange recherchiert und jede Szene von Fachleuten gegenlesen lassen», betont sie. Sechs Jahre dauerte die Arbeit am Buch. Sechs Jahre für die Geschichte einer verrohten Kultur in einem typischen Schweizer Industrieunternehmen. «Jagdzeit» bringt Einblicke in den Arbeitsalltag vieler Schweizerinnen und Schweizer auf die Leinwand. Und nun das.

Filmpreis-Nominationen werden in Solothurn publik

Klar, Sabine Boss ist auch beleidigt. Aber nicht nur. Sie kritisiert eine Wettbewerbsverzerrung beim Schweizer Filmpreis. Für die Nomination abstimmen dürfen die Mitglieder der Schweizer Filmakademie. Nun sagt Boss: «Viele von ihnen haben bei der Nennung der Nomination gar nicht alle Filme gesehen.» Auch bei «Jagdzeit», was damit zu tun habe, dass er erst nach der so­genannten Nacht der Nominationen überhaupt zu sehen war in Solothurn. Damit hatte die Crew von «Jagdzeit» nicht gerechnet.

Wie auch sonst niemand in der Schweizer Filmszene. Sondern damit, dass in Solothurn alles beim Alten bleibt, die Nacht der Nominationen erst am Ende des Festivals stattfindet. Die Mitglieder der Akademie, so die Logik, hätten dann zumindest die Möglichkeit, vor der Abstimmung die Filme noch auf der grossen Leinwand zu sehen. Es ist anders gekommen.

Kurzerhand verlegte das Bundesamt für Kultur die Nominierung für die Preisverleihung dieses Jahr vor. Auf den zweiten Tag des Filmfestivals in Solothurn, den vergangenen Donnerstag. Das Problem: «Als wir unseren Film für den Schweizer Filmpreis anmeldeten, wussten wir von diesen Plänen noch nichts», betont Sabine Boss. Die Umstellung wirkt sich für den ganzen Cast aus. Eine Nomination bedeutet für die Beteiligten Geld und Reputation.

Samir stützt Kritik von Sabine Boss

Die Produzenten entscheiden darüber, ob sie ihren Film für den Filmpreis überhaupt anmelden wollen oder nicht. Anmeldefrist war Ende Oktober. Die Mitteilung mit der Ankündigung der Vorverschiebung kam im Dezember. Da war es für «Jagdzeit» bereits zu spät. Boss realisierte: Der Film hat Premiere erst nach Bekanntgabe der Nominationen.

Warum aber überhaupt die Vorverlegung? Das Bundesamt für Kultur argumentiert, so erhalte das «breite Publikum» die Möglichkeit, die nominierten Filme während des Festivals auf der grossen Leinwand zu sehen.

In der Schweizer Filmszene sorgt die Änderung für Stirnrunzeln. Der Zürcher Regisseur und Produzent Samir, der mit seinem neuen Film «Baghdad In My Shadow» gleich mehrfach nominiert ist, freut sich zwar über den Erfolg, stösst aber ins selbe Horn wie seine Kollegin Sabine Boss. «Ich sehe keinen einzigen Grund für diese Änderung», sagt er dieser Zeitung. Und kritisiert als Vorstandsmitglied der Schweizer Filmakademie, dass weder die Produzenten, noch die Filmakademie oder Regisseure vom Bund in die Pläne eingeweiht worden seien.

Wer soll sich das alles vorher anschauen?

Wer einmal nominiert worden ist für den Schweizer Filmpreis, kann über die Nominationen mitbestimmen – sofern er seinen Mitgliederbeitrag bei der Schweizer Filmakademie bezahlt hat. Was noch nicht im Kino läuft und trotzdem bereits angemeldet ist für den Schweizer Filmpreis, können die Stimmberechtigten via vertraulicher Video-on-Demand-Plattform streamen. Heuer waren es 18 Spielfilme und 30 Dokumentarfilme.

Aus Boss’ Sicht sind das viel zu viele. Neben dem Timing sieht sie Fehlüberlegungen beim Verfahren. «Die Zahl der Anmeldungen nimmt zu, es sind Hunderte von Stunden Film, die man schauen muss, um ein faires Urteil fällen zu können», sagt sie. Nur eine kleine Minderheit habe dafür Zeit und Musse, alle anderen stimmten nach Eigeninteressen ab. Oder gar nicht, weil sie sich ein Urteil nicht anmassen wollten, so Boss. Sie fordert deshalb einen Systemwechsel zurück zu einer Kommission. Der Vorteil: Kommissionsmitglieder könnte man dafür bezahlen, dass sie sich alle eingereichten Filme verbindlich anschauen und eine Vorauswahl treffen.

Beide, Sabine Boss und Samir, verstehen den Bund nicht. Letztlich verfalle so der Reiz, an den Solothurner Filmtagen überhaupt noch Premieren zu zeigen, warnen sie.

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