«House of Gucci»
Gaga Akzent, gaga Film: Warum ein riesiger Fehler das Drama über die Modefamilie Gucci stört

Die Geschichte der Modefamilie Gucci ist perfekter Stoff. Lady Gaga wagt sich, bedient sich aber bei einem fragwürdigen Rezept.

Daniel Fuchs
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Ausstattung gut, die Umsetzung ist es weniger: Patrizia Reggiani, gespielt von Lady Gaga, trinkt mit ihrem Mann Maurizio Gucci (Adam Driver) Espresso.

Ausstattung gut, die Umsetzung ist es weniger: Patrizia Reggiani, gespielt von Lady Gaga, trinkt mit ihrem Mann Maurizio Gucci (Adam Driver) Espresso.

Was haben wir gelacht: «Gasche nitte magge», war der Lieblingssatz des italienischen Gastarbeiters Gian-Franco Benelli, gespielt von Viktor Giacobbo.

Tempi passati, heute reicht ein imitierter Italienischakzent nicht mehr für Lacher. Giacobbo distanzierte sich von Benelli und Co. In der Diskussion um rassistische Witze im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung sagte er: «Ich würde diese Figuren heute nicht mehr spielen. Die Zeiten und die Umstände haben sich geändert.»

Eine aber widersetzt sich dieser Political-Correctness-Diktatur: Auf der Kinoleinwand imitiert Lady Gaga ab Donnerstag eine der schillerndsten und umstrittensten Frauen Italiens, Patrizia Reggiani. Nicht auf Italienisch, der Muttersprache von Gagas Familie, nein, auf Englisch mit einem aufwendig antrainierten Italienischakzent.

Russisch oder doch Italienisch? Lady Gagas Performance spaltet die Community. Original-Trailer von« House of Gucci».

Quelle: MGM/Youtube

Eine Familie wie geschaffen für einen guten Film

«House of Gucci» ist das lang erwartete Drama über die Geschichte der Modeschöpferfamilie aus Italien. Lady Gaga spielt darin die aus einfacheren Verhältnissen stammende Frau des letzten Besitzers des Modeimperiums aus dem Kreis der Familie, Maurizio Gucci (Adam Driver). Unter seiner Ägide kam es zu Machtkämpfen und Intrigen innerhalb der Familie. Das und die von Patrizia Reggiani beauftragte Ermordung ihres Gatten führten letztlich dazu, dass die Familie die Kontrolle über Gucci verlor.

In weiteren Rollen in diesem opulent angerichteten Film: Al Pacino als Aldo Gucci, der von der Familie verratene und wegen Steuerbetrug verurteilte Onkel von Maurizio, Jared Leto als dessen Sohn und Möchtegern-Designer ohne Gabe, Paolo, sowie Jeremy Irons als Vater von Maurizio, Rodolfo. Alle übten sie einen Italienischakzent ein. Was wenigstens bei Al Pacino und Lady Gaga mit ihren italienischen Wurzeln eine selbstironische Note hat.

In einem TV-Interview erklärte Lady Gaga, wie sehr sie sich ihrer Rolle hingab. «Patrizia Reggiani ist eine reale italienische Frau, keine Italoamerikanerin», sagte sie. «Was bedeutete, dass die von mir dargestellte ethnische Zugehörigkeit stimmig sein musste.» Dieses Bewusstsein führte bei Lady Gaga nicht etwa dazu, dass sie hinterfragte, ob es nicht akkurat wäre, die Guccis mit einem italienisch sprechenden Cast zu besetzen, nein, sie legte sich regelrecht einen Akzent an und sprach auch privat so. Ob sie sogar mit Akzent träumte, darüber gab sie leider keine Auskunft. Wir aber denken uns: Lady Gaga muss von ganz toleranten Menschen umgeben sein.

Lady Gaga über ihre Rolle als Patrizia Reggiani.

Quelle: ITV News/Youtube

Die Italiener gehen mit Gaga indes hart ins Gericht. Sie finden, sie habe, wenn schon, einen Russischakzent. Die Diskussion lässt jedoch ausser Acht, weshalb ein verdienter Regisseur wie Ridley Scott mit einer Hollywoodproduktion im Jahr 2021 eine solch einfältige ­Masche nötig hat. Denn leider lenkt der Akzentklamauk vom Kern der Geschichte ab, der sich nicht nur um die Rache einer verletzten Frau dreht, sondern letztlich davon handelt, wie ein Familienimperium zugrunde geht. Bei Gucci hat niemand aus der Familie mehr das Sagen. Diese sorgt höchstens für Klatsch. Und dort zeigt sie sich verärgert über den Film.

Beim Wursthändler einen Auftragskiller engagiert

Guccis zu gefallen, dafür ist Ridley Scott freilich nicht angetreten. Schade trotzdem, denn der Stoff bietet alles für einen tollen Film: Leidenschaft, Mode, Liebe, eine Welt voller Luxus, Verrat, Intrige. Visuell ist das Resultat 1A. Die Ausstattung: sehr chic; die Autos: sehr teuer; die Mode: der Hammer. Die Modeschauen in den 1990ern entsprechen sehr dem Bild von damals. Lady Gaga ist in unzähligen Designerkleidern zu sehen und reisst uns mit ihrer Präsenz mit. Das ist insgesamt eigentlich gute Unterhaltung. Der Ärger aber über den sprachlichen Klamauk stellt all das in seinen Schatten. Und so fragt man sich während einiger der Längen in der ersten Filmhälfte, ist das eine Parodie?

Nein, ist es natürlich nicht. Die Geschichte ist eine Tragödie, die in einem Mord gipfelt. Als Maurizio sich in eine jüngere Frau verliebt, wird die machtbewusste Patrizia ganz vom Familiengeschäft abgeschnitten. Eine Schmach, die sie nicht erträgt. «Ich hasste Maurizio nicht, es war Ärger», sagte die echte Patrizia Reggiani dieses Jahr im ersten Interview, seit sie 2017 aus der Haft entlassen wurde. Am 27. März 1995 wurde Maurizio in Mailand erschossen. Hinter dem Auftragsmord: Patrizia Reggiani.

Eine Bemerkung: Bei «House of Gucci» lohnt sich für einmal die auf deutsch synchronisierte Fassung. Sie kommt ohne gaga Akzent aus.

«House of Gucci» (USA 2021, 158 Min.); Regie: Ridley Scott; ab Donnerstag im Kino.

Ganz ohne Akzent, dafür auf Deutsch: Trailer von «House of Gucci».

Quelle: Universal/Youtube

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