Kino
Frances McDormand: Hollywoods Antistar in «Nomadland»

Die US-amerikanische Schauspielerin macht so ziemlich alles, wenn es der Sache dient. Ab Donnerstag, 10. Juni kann man sie im Oscargewinner «Nomadland» im Kino sehen.

Regina Grüter
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Vierfache Oscarsiegerin: Frances McDormand als Fern.

Vierfache Oscarsiegerin: Frances McDormand als Fern.

Bild: Disney

Eigentlich gehört sie da gar nicht hin. Nach Hollywood. Frances McDormand steht nicht gern im Rampenlicht. Nirgendwo scheint sich die bald 64-jährige US-Schauspielerin unwohler zu fühlen als an Award-Shows. Jüngst wieder zu beobachten bei der diesjährigen Oscarverleihung, wo sie für die Rolle der Fern in «Nomadland» als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Da sass sie dann den ganzen Abend neben ihrem Ehemann, dem Regisseur Joel Coen, und schaute bekümmert drein. An einem anderen Tischchen sass die Regisseurin Chloé Zhao mit Swankie, einer der Laiendarstellerinnen aus dem Film.

McDormand hätte wohl lieber mit den beiden Faxen getrieben bei einer Bratwurst und einem Bier – stellt man sich gerne vor.

Für die Rolle der Witwe Fern jedenfalls, die infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 die Industriestadt in Nevada zwecks Arbeitssuche verlässt, wären nicht viele von McDormands Berufskolleginnen in Frage gekommen. Neben Natürlichkeit, Bodenständigkeit und sozialer Intelligenz brauchte es die Bereitschaft, sich absolut ungeschminkt zu zeigen. Wer ist schon gänzlich frei von Eitelkeit? Es gibt da diese Szene, in der Fern am Strassenrand die Hosen runterlässt, um zu pinkeln, wie man das halt als Frau so macht – das hat man im US-amerikanischen Kino noch nicht oft gesehen. Das grosse Geschäft verrichtet sie dann in ihrem engen Van, in einen dafür vorgesehenen Kübel. Das hat man so noch nie gesehen. So was von mutig!

Mit Chloé Zhao die ­ richtige Wahl getroffen

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Frances McDormand hat die Rechte am gleichnamigen Sachbuch der Journalistin Jessica Bruder erworben und Chloé Zhao mit der Regie beauftragt. Deren Film «The Rider» hatte die Schauspielerin am Toronto Film Festival gesehen und fand ihn «extraordinary».

Der Film «Nomadland» erzählt die emotionale Geschichte der fiktiven Figur Fern, von ihrer Reise durch den amerikanischen Westen und davon, wie sie im Laufe eines Jahres langsam zu einem Teil der Gemeinschaft moderner Arbeitsnomaden wird. Die Schauspielerin McDormand sollte sich ganz natürlich in diese Welt einfügen, in der Laiendarsteller sich selbst spielen. «Wie können wir ihre Storys in Ferns Reise einarbeiten, sodass es organisch daherkommt?», fragte sich Zhao. Sie und Kameramann Joshua James Richards machen daraus eine Sozialstudie, die reine Poesie atmet und die Menschen in einem würdigen Licht darstellt.

McDormand fügte sich ein. Sie ist eine Schauspielerin mit sozialem Bewusstsein, die sich ganz in den Dienst der Sache stellen kann.

Diese Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, aus Bescheidenheit und Mut, aus Warmherzigkeit und Eigenwilligkeit lieben wir so an ihr.

Und ihr Gesicht spricht Bände. Sie würde sich nie daran herumschnipseln lassen. «Come on, nicht ich schon wieder!», scheint es zu sagen, als sie als beste Hauptdarstellerin verkündet wird. Es ist ein Sieg für ihre Figur Fern, der Triple-Oscar ein Kino-Schub für den Film, der zur richtigen Zeit kommt. Vor einem Festivalpublikum tritt McDormand wesentlich lockerer auf. «It’s amazing!», sagt sie da auch mal, komplett zufrieden mit dem Endprodukt.

«Nomadland», ab 10. Juni im Kino.