Film
Hier brummt der Bär: Freche Sittenkomödie über die Erfindung des Vibrators

«Hysteria» zeigt, wie Fortschritt, Emanzipation und sexuelle Befreiung Hand in Hand gehen können. Es ist ein kleines Kunststück, wie es US-Regisseurin Tanya Drexler schafft, ohne Schlüpfrigkeit über die Erfindung des Vibrators zu spekulieren.

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Im London des Jahres 1880 wird der junge Arzt Mortimer Granville Assistent von Robert Dalrymple, der eine neuartige Therapie zur Behandlung weiblicher Hysterie entwickelt hat. Mortimer stellt sich so geschickt an, dass die Patientinnen Schlange stehen. Bald jedoch leidet er unter Krämpfen in den Händen. Zum Glück entdeckt er die Segnungen der Elektrizität.

Mit der Diagnose «Hysterie» wurde in viktorianischer Zeit allerlei Unbill belegt, von Migräne über «quälende Gedanken» bis zu Nervenzusammenbrüchen. Dalrymple heilt das diffuse Gemütsleiden mit einer erfolgreichen Methode: einer Intimmassage, die nach dem Höhepunkt die Beschwerden verschwinden lässt.

Das Recht auf Freiheit

Es ist ein kleines Kunststück, wie es US-Regisseurin Tanya Drexler schafft, ohne Schlüpfrigkeit über die Erfindung des Vibrators zu spekulieren. Daneben geht es um viktorianische Prüderie und Scheinheiligkeit, um soziale Fragen und um das Recht von Frauen auf Freiheit und Glück, sei es beruflich oder erotisch.

Leichtfüssig springt die Inszenierung vom einen zum anderen Thema, wenn Mortimer mit den beiden Töchtern des Arztes zwei gegensätzliche Frauen kennenlernt: hier die sanfte Emily, der Mortimer anfangs zuneigt; dort die renitente Charlotte, die für Frauenrechte streitet und Mortimer zugleich ärgert und fasziniert. Während Hugh Dancy («Shopaholic») als naiver Jungmediziner auftritt, geht Maggie Gyllenhaal («The Dark Knight») als Charlotte ganz in ihrer Paraderolle der niedlichen Krawallschachtel auf, mit der sie 2003 erstmals im Film «Mona Lisa Smile» begeisterte.

Der britische Qualitätsmime Jonathan Pryce übernimmt den Part des ehrwürdigen Arztes Dalrymple, der die wahre Natur der Beschwerden seiner Patientinnen ignoriert und mit seiner «Methode» einen hübschen Profit einstreicht – bis ihm der Fortschritt das Heft aus der Hand nimmt. Mortimers technikaffiner Gönner Edmond wird vom stets witzigen Rupert Everett dargestellt. Ganz nebenbei entwickelt der nonchalante Hobbytüftler ein elektrisch betriebenes Utensil, das noch bis 1952 auf Rezept verschrieben wurde.

Und nebenbei wird auch die monströse Praxis der Hysterektomie erwähnt, bei der «hysterischen» Frauen die Gebärmutter entfernt wurde, um sie ruhigzustellen. «Hysteria» ist eine Medizingeschichte aus ungewohnter Perspektive, die mit pointierten Dialogen und feinem Humor dem Publikum delikate Themen nahebringt.

Hysteria (GB 2011) 100 Min. Regie: Tanya Drexler.