Die befürchtete Schockstarre bleibt aus. Obwohl wir gerade unserem grössten Filmhelden gegenübersitzen: Ethan Hawke, der Star von mehr als siebzig Hollywoodfilmen. Doch als der 47-jährige Schauspieler gleich zu Beginn unseres Gesprächs seine Schuhe auszieht, um gedankenverloren an seinem rechten grossen Zeh zu «knübeln», setzt sich ein Gefühl der angenehmen Vertrautheit ein.

Ethan Hawke hat eine beruhigende Präsenz. Und in den folgenden knapp zwanzig Minuten verrät er alles über seine Liebe zum Plappern, über seinen neuen Kinofilm «Blaze» und über jenen Film, mit dem für unseren Autor alles angefangen hat.

Ethan Hawke, ich muss mich bedanken: Sie sind der Grund, warum ich Filmkritiker geworden bin.

Ethan Hawke: Wirklich?

Genau genommen ist einer Ihrer Filme daran schuld: «Gattaca» aus dem Jahr 1997. Ich liebte ihn, meine Freunde fanden ihn doof. In mir entstand deswegen ein Bedürfnis, ihnen den Film zu erklären.

Deswegen ist Ihre Arbeit unerlässlich für meine Arbeit. Ich weiss noch, wie schwierig es war, auch nur irgendjemanden für «Gattaca» zu begeistern. Er war nicht die Art von Science-Fiction-Film, die viele erwartet hatten. Einigen war er zu smart, anderen zu langsam. Wir hatten für «Gattaca» so wenig Mittel, eigentlich ist es unglaublich, wie viel wir damit erreicht haben.

Das könnte man auch über Ihren neuen Film «Blaze» sagen. Sie haben mit einem kleinen Budget einen Film über den unbekannten Countrymusiker Blaze Foley gedreht. Warum gerade über ihn?

Seine Unbekanntheit ist genau das, was mich gereizt hat. Wenn man einen Film über Ray Charles oder Johnny Cash macht, dann macht man einen Film über Ausnahmekönner. In Blaze Foley dagegen spiegelt sich das Schicksal vieler Menschen. Ich kenne unzählige Künstler, die nie berühmt wurden, obwohl auch sie ihr ganzes Leben der Musik, der Kunst und der Poesie verschrieben hatten. Blaze Foley war ein Mensch, der vergessen ging. Und er spielte seine Musik für andere Menschen, die vergessen gegangen waren.

In «Blaze» führt Ethan Hawke zum dritten Mal Regie. Profimusiker Ben Dickey schlüpft in die Rolle des Countrymusikers Blaze Foley, dessen grösster Wunsch es ist, einen Song zu schreiben, der ihn überdauert. Dafür gibt Blaze die idyllische Zweisamkeit mit seiner grossen Liebe Sybil (Alia Shawkat) auf. Doch seine Ambitionen leiden unter seinem grossen Alkoholkonsum. Hawke porträtiert den Musiker so, wie ihn Lucinda Williams 1998 in einem Song beschrieb: als «Drunken Angel». «Blaze» ist das intime, melancholische und mitreissende Porträt eines Musikers, der ein paar kostbare Minuten lang den tristen Alltag einer Handvoll unbekannter Zuhörer erwärmte.

«Blaze»: Porträt eines trunkenen Engels

In «Blaze» führt Ethan Hawke zum dritten Mal Regie. Profimusiker Ben Dickey schlüpft in die Rolle des Countrymusikers Blaze Foley, dessen grösster Wunsch es ist, einen Song zu schreiben, der ihn überdauert. Dafür gibt Blaze die idyllische Zweisamkeit mit seiner grossen Liebe Sybil (Alia Shawkat) auf. Doch seine Ambitionen leiden unter seinem grossen Alkoholkonsum. Hawke porträtiert den Musiker so, wie ihn Lucinda Williams 1998 in einem Song beschrieb: als «Drunken Angel». «Blaze» ist das intime, melancholische und mitreissende Porträt eines Musikers, der ein paar kostbare Minuten lang den tristen Alltag einer Handvoll unbekannter Zuhörer erwärmte.

Während dieser Konzerte hat sich Blaze Foley ständig mit seinem Publikum unterhalten. Er war ein grossartiger Geschichtenerzähler.

Das war er tatsächlich. Ich weiss noch, wie ich zum ersten Mal Aufnahmen seiner Live-Konzerte hörte. Zwischen den Songs hat er manchmal minutenlang ausschweifend vor sich hin gelabert. Ich fand das wahnsinnig charmant und konnte mich damit identifizieren. Auch ich kann stundenlang plappern.

Sie sind berühmt für Filme wie «Before Sunrise», in denen extrem viel gesprochen wird. Wie stark hat der Stil von Regisseur Richard Linklater Ihre Arbeit an «Blaze» beeinflusst?

Ricks Filmstil ist inzwischen Teil meiner DNA. Wir haben acht Filme zusammen gemacht. Rick ist wie ein grosser Bruder, er hat mich immer angetrieben. Ich fragte mich: Warum ist er so viel klüger als ich, obwohl er nur ein paar Jahre älter ist? Bei einem Regisseur wie Peter Weir, der dreissig Jahre älter ist als ich, stellte ich mir diese Frage nie.

Der offizielle Filmtrailer zu «Blaze».

In Peter Weirs «Dead Poets Society» feierten Sie 1989 Ihren Durchbruch. Stimmt es, dass Sie die Rolle des schüchternen Internatsschülers gar nicht spielen wollten?

Es war so: Ich wollte eigentlich nicht den schüchternen Todd spielen, sondern Neil, den Jungen, der am Ende des Films Suizid begeht. Neil war gesellig und forsch, genau wie ich. Doch Peter Weir erklärte mir etwas, das ich nie vergessen werde: «Always cast for the final colour» – caste eine Rolle immer auf den Schluss hin. Todd packt in der letzten Szene seinen ganzen Mut zusammen, als er für seinen entlassenen Lehrer auf den Tisch steht und «O captain, my captain!» ruft. In dieser Szene kommt sein «final colour» zum Vorschein, sein wahres Ich.

Sie haben mal erzählt, dass unter den unzähligen Filmfiguren, die Sie bereits gespielt haben, einige miteinander verwandt sind. Wie meinen Sie das?

Manchmal werden mir Rollen angeboten, die mir aus früheren Filmen bekannt vorkommen. Meine Figur in «The Woman in the Fifth» beispielsweise verspürt sehr viel Schmerz. In meinem Kopf war es, als spielte ich die gleiche Figur wie in «Dead Poets Society». Ich dachte mir: Was, wenn Todd dreissig Jahre später einen Nervenzusammenbruch erlitten hätte?

Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie sich vor der Kamera wiederholen?

Ich sehe das eher so, dass ich mich mit einer alten Figur neu auseinandersetze. Aber Sie haben schon recht: Manchmal schaue ich in den Spiegel und denke: Das hatten wir doch schon mal. Zum Beispiel, wenn ich wieder einen Cop spiele.

Wie kommt man aus dieser Schlaufe heraus?

Mit zunehmenden Alter fällt es mir leichter, Neues auszuprobieren. Als ich jünger war, hasste ich alles, was künstlich war. Ich wollte wahrhaftig sein. Doch inzwischen habe ich gemerkt: Was wahrhaftig ist, ist formbar. Ich bin wandelbarer geworden. Nehmen wir zum Beispiel meine beiden Filmfiguren Chet Baker aus «Born to Be Blue» und Reverend Toller aus «First Reformed»: Sie haben eine völlig andere Postur und sprechen auch vollkommen anders. Diese Unterschiede machen mir heute Spass.

Sie spielen in «First Reformed» einen Geistlichen, der seine Kirchgemeinde in die Luft jagen will. Experten in Hollywood glauben, dass Sie für diesen Auftritt endlich einen Oscar gewinnen werden …

Reverend Toller ist eine der vielschichtigsten Filmfiguren, die ich je spielen durfte. Oft zeichnet sich eine Filmfigur durch eine bestimmte Qualität aus. Mein Job ist es dann, darum herum den ganzen Facettenreichtum einzufärben. Bei Reverend Toller war das ganz anders. Ich fragte mich: Ist er eine gute Person, ist er böse? Wann dreht er durch? Oder war er immer schon verrückt? Diese Vielschichtigkeit erinnerte mich an «Macbeth» und war eine riesige Herausforderung.

Der offizielle Filmtrailer zu «First Reformed».

Haben Sie schon einmal eine Rolle abgelehnt, weil die Herausforderung zu gross war?

Es kann vorkommen, dass mein Agent mir ein aufregendes Rollenangebot hinlegt und ich dann sage: Das kann ich nicht, diese Figur habe ich nicht in meinem Repertoire. Aber manchmal bekommst du auch Rollen angeboten, die einfach zu schlecht sind. Einmal wurde ich in einem Film von Jim Sheridan gecastet. Ich verehre Jim, doch ich musste ihm diesen Film ausreden. Das Drehbuch war viel zu schlecht! (lacht)

Stimmt es, dass Sie das Drehbuch zu «Blaze» mitten in der Dreharbeiten zum Film «The Magnificent Seven» geschrieben haben?

Ja. Wir drehten fünf Monate lang in Louisiana, aber ich musste nur jeden zweiten Tag ran. Ich lud meinen Freund Ben Dickey ein, mich zu besuchen. Ben ist Profimusiker, ich wollte sein neues Musikvideo drehen. Doch dann haute er mich und meinen Produzenten mit seinem Schauspieltalent um. Wir sagten uns: Ben ist die ideale Besetzung für «Blaze».

Ben Dickey spielt nicht nur die musikalische Begabung von Blaze Foley sehr authentisch, sondern auch dessen selbstzerstörerische Impulse.

Blaze wurde von einem tiefen Selbsthass geplagt, doch gleichzeitig brachte er seinen Mitmenschen eine grosse Wärme entgegen. Sind es nicht genau diese zwei Kolben, die das Leben vieler Menschen antreiben? Genau deswegen hat mich Blaze Foley so fasziniert, genau deswegen wollte ich einen Film über ihn machen.

Blaze (USA 2018) Ab 18. Oktober im Kino.